Lesen

Tausend kleine Schritte

Grace Lisa Vandenburgs Name besteht aus 19 Buchstaben. Der Weg zu ihrem Lieblingscafé ist 920 Schritte lang, und jeden Abend isst sie Hühnchen mit 10 Scheiben Kartoffeln, eine in 10 Scheiben geschnittenen Möhre und 10 Bohnen. Die Anzahl der Mohnsamen auf ihrem Orangenkuchen entscheidet, in wie vielen Bissen sie das Stück verzehren muss.

Die Dimensionen ihres Lebens kann Grace nur erfassen, indem sie zählt. Dabei eine lockere Unterhaltung mit der Kellnerin im Café gegenüber führen? Ein kleiner Gruß in Richtung der Nachbarin? All das kostet Grace verständlicherweise große Anstrengung. Als Mathematiklehrerin in der Grundschule hat sie jahrelang Kindern die Welt der Zahlen näher gebracht. Doch das Zählen nimmt mehr und mehr Raum in ihrem Leben ein, einem Beruf kann Grace da nicht mehr nachgehen.

 

Geistesverwandter, Gesprächspartner und Ziel ihrer sexuellen Phantasien ist Nikola Tesla, Wissenschaftler, Erfinder des Wechselstroms und leider 1943 verstorben. Sein Bild steht auf ihrem Nachttisch und ist das Erste, was Grace jeden Morgen nach dem Aufwachen betrachtet – nach den Zahlen ihrer Digitaluhr.

 

Als sie an der Kasse des Supermarkts feststellt, dass sie versehentlich nur 9 statt der erforderlichen 10 Bananen in ihren Einkaufswagen gepackt hat, bedient sie sich kurzerhand aus dem Wagen des gut aussehenden Typens neben ihr. Dass er ihr Manöver trotz geschickter Täuschung durchschaut, ist ihr etwas peinlich, mit einer schlagfertigen Antwort gelingt es Grace jedoch nicht nur, die Banane zu behalten, sondern auch bleibenden Eindruck bei Seamus zu hinterlassen.

 

Seamus Joseph O’Reilly – ebenfalls eine 19 – platzt plötzlich und unerwartet in Grace' Leben und bringt ihre Routine völlig durcheinander. Nach einer ersten heißen Liebesnacht führt er sie zum Frühstück aus, völlig ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie viele Pfannkuchen auf ihren Tellern landen oder am wievielten Tisch, von der Tür aus gezählt, sie sitzen. Und er interessiert sich für Grace. Ihre Leidenschaft für Zahlen bleibt ihm nicht verborgen.

 

Plötzlich erscheint es Grace nicht länger als liebenswerte Eigenart, ihre Welt abzumessen, zu zählen und in begreifbare Stücke zu zerlegen. Sie fühlt sich eingeschränkt und blockiert von ihren eigenen Zwängen und ausgeklügelten Systemen. Ihr ist durchaus bewusst, dass Menschen in ihrer Umgebung das Wort „neurotisch“ in den Mund nehmen. Mit Sean an ihrer Seite wagt sie eine Therapie und hofft, ein freieres Leben führen zu können. Doch um welchen Preis? Was bleibt von Grace übrig, wenn das Zählen fehlt?

 

„Tausend kleine Schritte“ ist Toni Jordans erster Roman und wurde in Australien als "Bestes Debüt" ausgezeichnet. Selbst studierte Naturwissenschaftlerin, ist ihr die Logik der Zahlen nicht fremd, sie bezeichnet sich als „science nerd“. Romane zu schreiben war nie ihr Ziel, Schwerpunkt ihres Studiums im Bereich "Professional Writing" waren eigentlich Werbetexte und Editing. Ihr ist ein warmherziges, kurioses und witziges Buch gelungen – eins das wirklich zählt.

 

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

 

Anne Leichtfuß ist Buchhändlerin und somit leidenschaftlich mit allem verbandelt, was Bücher angeht. Derzeit befindet sie sich im Studium zur Online-Redakteurin in Köln.

 

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::