Cool Tour

The day the music died?

Die Gegenwart der Musikkonsumenten ist eine virtuelle. Alles online verfügbar. Umsonst erhältlich oder für 'nen Dollar bzw. Euro in Sekundenschnelle downloadbar. Plattenläden sind überflüssig geworden, den Labels geht es als nächste an den Kragen. Alles supi - oder doch nicht?

Madonna hat es längst getan. Robbie Williams will nicht mehr, The Verve wollen nicht mehr, Radiohead auch nicht, und sogar die braven Buben von Coldplay wollen weg. Weg von den etablierten Tonträgerfirmen oder - wie sie auch genannt werden - den Labels, den Majors. Weg von Firmen, wie EMI, Warner, BMG und Sony Music. Eine Ära scheint sich selbst zu überleben, weil die Musikhörer, die Kunden, die Fans ihre Gewohnheiten ändern. Und zwar in jeder Hinsicht. CDs und DVDs sind mittlerweile zu uncoolen Accessoires der Ü30-Generation mutiert. Musik und die damit verbundene Lifestylewelt wird heutzutage digital produziert, vertrieben und konsumiert. Der Download – bezahlt oder unbezahlt – ist zum Transportmedium einer Stilrichtung geworden, die seit bald 60 Jahren immer noch mit einem Namen am treffendsten zu bezeichnen ist: Rock’n’roll. Niemals zuvor wurde mehr Musik in größerer Bandbreite und Vielfalt an mehr Hörer vertrieben, niemals war es einfacher, Musik zu machen und unter die Leute zu bringen. Keine Eintrittsschranken mehr, keine Demoaufnahmen, keine Bücklinge vor Plattenmanagern. Spielen, aufnehmen und ins Netz stellen – das ist alles. Demokratischer geht es nicht mehr. Mucke von jedem für jeden. Oder in Umschreibung eines Dire-Straits-Songs: „Music for nothing and my kicks for free“.

Aber irgendwie freue ich mich nicht darüber. Warum eigentlich? Weil ich mehr und mehr von weniger und weniger erhalte,  bis ich bald alles von nichts habe. Ja, ich habe heute mehr Auswahl als je zuvor, aber eben auch weniger Talente. Ein ziemlich altmodischer Ausdruck für eine relativ junge Branche. Aber Talent ist es doch, was einen Künstler dazu bringt, über Jahre hinweg Musik zu machen, sie zu leben und sie vorzuführen. Mit anderen Worten, gute Songs, prägnante Typen und exzessive Tourneen – Ian Durys "Sex and drugs and rock’n’ roll". Wenn ich mich umschaue in iTunes oder Musicload, bei YouTube oder MySpace, dann sehe ich unendlich viele Gesichter, höre unendlich viel Musik, aber ich fühle nichts außer digitaler Kälte. Die Technik des Netzes und die Bedienerfreundlichkeit meiner Hardware-Gadgets können das haptische Erleben der analogen Musikwelt des Vorinternetzeitalters (noch) nicht ersetzen.

In jener Steinzeit der modernen Jugendkultur war die Musik auf dem Tonträger nur ein Baustein eines Gesamtkunstwerkes, zu dem Musikzeitschriften, wie Sounds oder Spex, muffige Plattenläden mit kettenrauchenden (!) Verkäufern (die ALLE erschienenen Platten gehört hatten und Empfehlungen aussprechen konnten), Radiosendungen mit sachkundigen Musikredakteuren und völlig ohne den einheitsbreiigen „besten Mix aus 80ern, 90ern und den aktuellen Hits“ und vor allem Bands und Einzelkünstler mit eigenständigen Persönlichkeiten gehörten. Der Musikgeschmack war Teil der eigenen Identifikation des Hörers. Man konnte nicht Rolling Stones und Beatles zugleich mögen, man konnte nicht David Bowie und David Cassidy zugleich mögen und wer The Jam hörte, dem waren die Eagles meist ein Graus. Kaum zu glauben, aber die Schallplatten und CDs jener fernen Zeit hatten Hüllen, in denen die Texte (!) und weitere Gaben der Interpreten enthalten waren. Wer wollte (und wer wollte das nicht?), der konnte nachlesen, was die Musik über ihre Tonfolge und Harmonie hinaus zu sagen hatte. Pink Floyds Cover zum Album „Animals“ wirkte so surreal, dass kontinentale Londonbesucher beim Anblick des Londoner Kraftwerks Battersea ihren Augen nicht trauten: Wo war das riesige Schwein, das doch eigentlich über dem Dach schweben sollte? Musik hatte eine Message, wie man so schön sagte. Hör uns zu, wir wollen dir was sagen. Hör uns zu, vielleicht kannst du es in deinem Leben brauchen. Hör uns zu, wir wissen, wie schwer es ist, erwachsen zu werden. Hör zu, du und ich, wir können Helden nur für einen Tag sein.

Was sehe und höre ich in der schönen, neuen Welt des Netzes? Verwackelte Heimvideos von pickeligen Schülerbands; quietschige und besoffene Finalistinnen von Miss-Wet-T-Shirt-Wettbewerben bei der peinlichen Vergewaltigung eines Hits der Supremes; dumpf dröhnende Keller-Karaoke- Orgien und zigfache Imitationen schäbiger Castingshows. Zugegeben, irgendwo dazwischen sind Juwelen ,wie Band of Horses oder die Arctic Monkeys. Aber habe ich die Zeit und die Lust, mich durch Ströme musikalischer Gülle zu den wenigen Nuggets durchzusieben, die ich früher im Plattenladen oder bei der Lektüre von Sounds ganz kommod und entspannt finden konnte, während im Hintergrund die Talking Heads oder Bob Marley für ein angenehmes akustisches Raumklima sorgten?

Mag ja sein, dass die Majors überzogen haben. Mag sein, dass sie am Ende viel zu bürokratisch und verkrustet geworden sind. Mag auch sein, dass große Acts wie Madonna oder Radiohead ihren Weg im Internet machen werden. Aber die einzigartigen Bands von morgen werden es schwer haben, mit selbstgebauten Homepages Gehör zu finden im Geräuschbrei des Internets, wo 1000 Pagebesucher schon als Erfolg gelten, von denen aber kein Künstler leben kann. Die Weite und Tiefe des Netzes mit seinen urdemokratischen Strukturen und seinen Millionen von Nutzern und seinen Hunderttausenden von Inhaltsproduzenten bedingt eine Atomisierung, eine „Extremvernischung“ des Einzelnen. Die Musikwelt lebt aber vom Talentfinder, vom Agenten, von menschlichen Katalysatoren – das war bei Mozart und Schikaneder nicht anders als bei Led Zeppelin und Ahmed Ertegün.

Gibt es einen Ausweg? Vielleicht. Die A&R-Manager (Artist & Repertoire), die beim Sterben der großen Musikfirmen freigesetzt werden und deren Berufung und Leidenschaft es war und ist, durch unzählige Konzertbesuche und das endlose Abhören von MP3-Dateien aus der Masse die wenigen potenziellen Talente „herauszuhören“ , könnten informative und ansprechende Plattformen bauen und betreiben und im kühlen Internet die Geborgenheit des alten, gammeligen Plattenladens wieder aufleben lassen. Sie wären dann mehr als „Heroes just for one day“, sie wären „Riders on the storm“.