Cool Tour

Tour de Force durch die "Greatest Hits"

Ich wusste, was ich tat, als ich mir eine Karte für ein Amy Winehouse-Konzert kaufte.

Von: Denise Klink

vom 22.10.07

Ja, ich gestehe: Auch ich war im Tempodrom, um mir Amy Winehouse anzusehen… Nun, nirgendwo auch nur ein Hinweis auf die Vorband. Ich frage bei den Tontechnikern nach, sie stammeln Schulter zuckend irgendwas von „Missing Cat“ aus Berlin. Na dann.

 

Auf die Bühne tritt eine blonde Püppi im Schulmädchen-Outfit und beginnt mit zarter Stimme von Liebe und Freundschaft zu singen. Mit nur einer Gitarre und dünnem Stimmchen: Nicole reborn. Na super, da hat sich Amy also für das Kontrastprogramm entschieden – bloß keine Konkurrenz für die Diva? Die Leute verdrehen die Augen, gähnen – kaum einer klatscht. Jetzt fängt sie auch noch an, in eine Mundharmonika zu blasen. Ein paar Jungs machen Fotos. Das Trauerspiel zieht sich über eine Stunde hin. Die Leute werden unruhig, buhen - bis das „vermisste Kätzchen“ endlich den letzten Song ankündigt. Dann eilt sie von der Bühne. Das große Warten beginnt.

 

Ich kämpfe mich inzwischen zur Bühnenmitte vor, da ich die Show gerne von vorne sehen möchte. Offensichtlich ist es aber so, dass man bereits Stunden vorher seinen Stehplatz reservieren muss. Ich werde ob meines asozialen Benehmens ermahnt. Links neben mir zwei aufgekratzte Tussis, die einfach nur tanzen wollen. Hinter mir eine End-Dreißigerin, die sich mit einem Fächer Luft macht, und neben mir eine Ex-Hippie-Frau in den Fünfzigern, die Winehouse nur aus dem Radio kennt.

 

Aus den Boxen schallt Motown-Mucke, doch nach dem fünften Lied werden die Leute unruhig. Kommt Amy doch nicht? „Amy, du schaffst es!“ rufen die Mädels von links. Die Hippie-Frau neben mir fachsimpelt: „Die Babyshambles haben damals erst um eins angefangen. Man muss halt auf den richtigen Pegel kommen“. Die End-Dreißigerin gibt ihr BZ-Wissen zum Besten: „Also die war heute schon im Fitness-Studio ,und sie hat Burger gegessen!“

 

Zur Schnittmenge der Amy Winehouse-Fans vielleicht nur soviel: Von der Bürokauffrau bis zum Papi mit kleiner Tochter, vom Jazz-Connaisseur bis zum Marzahner Proll – alle wollen Amy sehen! Und alle kennen, dank der Medien, die Probleme, die Amy mit Alkohol und Drogen hat.

 

Inzwischen sind die Mikros mehrmals gecheckt, die Steh-Lampen im Stil der fünfziger Jahre enthüllt und etwa eine Stunde vergangen. Keine Spur von Miss Winehouse. Leute sitzen hier und da am Boden, akustische Wellen des Protests gehen durch die Menge.

 

 

„Was für ein divaeskes Benehmen“ sagt die Hippie-Frau und runzelt die Stirn. „Aber nicht mit den Berlinern!“ sage ich in einem Anflug von Lokalpatriotismus und pfeife mit. Hinter ihr hat der Hippie-Mann seinen ersten Joint angezündet: „Die kommt nicht mehr. Hab ich’s mir doch gleich gedacht“.

 

Plötzlich bringt ein Roadie ein Getränk auf die Bühne, das verdammt nach Whiskey-Cola aussieht. Die Menge johlt, jetzt ist klar: Sie kommt. Das Licht geht aus, die Band betritt den Saal, und wie bei einem Boxkampf wird die Queen des zeitgenössischen Soul angekündigt: „Miiiiiisssss Aaaaaammyyy Wiiiiinehouse!!!“.

 

Ach herrje, der Anblick, der sich einem jetzt bietet, hat weniger mit einer Diva als mit einem Häufchen Elend zu tun, das da auf die Bühne stolpert, als wäre es geschubst worden. Ohne Begrüßung legt sie auch gleich los, torkelt, vergisst Textzeilen, hinkt irgendwie der Musik hinterher. Dazwischen macht sie unkontrollierte Bewegungen mit ihren Armen und zieht komische Fratzen. Die Mädels neben mir sind stellvertretend peinlich berührt und plötzlich gar nicht mehr in Partylaune. Ich denke nur: „Oh, mein Gott: Was ist daaas denn?!“

 

Ich könnte jetzt hier auf vieles zu Sprechen kommen: die Moral einer Plattenfirma, die solch ein gesundheitliches Wrack auftreten lässt, oder den Voyeurismus der Massen, die sich am Beinah-Untergang ihres Stars ergötzen, und anderes mehr. Aber ich werde es lassen. Schließlich wusste ich, was ich tat, als ich mir eine Karte für ein Amy Winehouse-Konzert kaufte.

 

Miss Winehouse zog also ihre Show durch. Mit schlimmen Hustenanfällen zwischen den Songs und einigen Aussetzern, aber sie schaffte die Tour de Force durch ihre „Greatest Hits“ mit ein paar Motown-Einsprengseln wie „Cupid“ mit Ach und Krach. Zwischendurch immer wieder der charakteristische Griff zur Nase. Kurz dachte man, sie erstickt gleich, und auch die Band blickte fragend … aber dann rappelte sie sich erneut auf. Die Hippie-Frau rechts war freudig entsetzt: „Mann, ist die fertig! Sieht aus, als wenn die gleich kotzt. Das wär doch mal was!“

 

Ich frage mich, wie diese Frau da auf der Bühne in diesem Zustand eine Tour von zwanzig weiteren Gigs noch überleben will. Das fragen sich Medien und Plattenfirma aber vielleicht auch? Denn eine tote Amy Winehouse – verkauft sich bestimmt noch besser als Amy, das Drogenwrack.

 


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Fotonachweise:


Foto 1, 2 und 3: Pressebilder 2007, Quelle: Universal Music.

Foto 4: Amy Winehouse live in der Berliner Kalkscheune Januar 2007, Fotocredit: Marcel Mettelsiefen, via Universal Music.