Fürs Auge

Tracey Emin: Abdrücke vom Leben

Sie ist ein Star der Kunstszene, der mit intimen Bekenntnissen immer wieder provoziert: Tracey Emin stellte einst ihr Bett ins Museum – später gab sie sogar die Namen aller jener preis, mit denen sie je darin schlief. Ein gläserner Mensch aber? Das sei sie nicht, sagt die Künstlerin, deren Arbeiten gerade in einer ersten großen Retrospektive zu sehen sind: Das Kunstmuseum Bern zeigt die Ausstellung „20 Years“.

Alte Kippen, Kondome und getragene Slips – alles so Dinge, die man eher selten in einem Museum präsentiert bekommt. Es sei denn, Tracey Emin stellt dort gerade aus: Die Britin erlebte ihren großen Durchbruch, als sie als Nominierte für den Turner-Preis 1999 das eigene ungemachte Bett der Kunstwelt vor Augen führte, mitsamt den Spuren von Lust und Laster in den zerwühlten Laken. Das Echo auf diese Installation war groß, teilweise auch hell empört – und hallte lange nach. „My Bed“ ist wohl noch heute eine der berühmtesten Arbeiten Emins, auch wenn diese damals die gewünschte Auszeichnung nicht bekam. Geschafft aber hatte es die Künstlerin dennoch – zu einem eigenen Markenzeichen eben auch. 

Tracey Emin gilt seit dem als eine Exzentrikerin, die kompromisslos ihr Leben stets aufs Neue seziert, um Kunst daraus zu machen: Kaum etwas scheint ihr dabei zu privat oder zu persönlich, um nicht auch Stoff zu bieten. Ihre Ängste und Begierden, Schamgefühle und emotionalen Krisen – das sind die Themen, mit denen Emin sich immer wieder beschäftigt. Wobei sie häufig den Blick so radikal auf die eigenen Intimsphären (körperliche wie seelische) lenkt, dass manches hier auch schon an Selbstentblößung grenzt. 

Man nehme etwa eine frühe Performance aus dem Jahr 1996: Tracey Emin ließ sich damals in einen Stockholmer Galerieraum einsperren, um aus einer Depression herauszufinden, in die sie nach der Erfahrung zweier Abtreibungen geraten war. Das Publikum war eingeladen, mithilfe von 16 Weitwinkellinsen daran teilzuhaben, wie die Eingesperrte aß, trank, schlief und sich kreativ verausgabte. Ist das noch Kunst? Oder nur noch Seelenstriptease?

„Alle glauben inzwischen, Tracey Emin durch und durch zu kennen“, so resümierte die Künstlerin einmal in einem Interview: „Aber das stimmt nicht. Ich habe mich nie völlig preisgegeben.“ Dass Exhibitionismus ein Motiv ist, mit dem der Kunststar gerne provoziert, ist kaum zu leugnen. Aber ein gläserner Mensch? Dazu habe sie sich nie gemacht, so versucht die Britin immer wieder klar zu stellen. Schließlich lebten ihre Arbeiten auch von ganz anderen Anstößen, die aber viel zu oft ausgeblendet blieben: „Ich war sieben Jahre auf der Kunsthochschule, und ich habe gelernt, was ich zeige und was nicht. Das hier ist kein Tagebuch, sondern ein Museum“, betonte Tracey nun etwa auch bei der Eröffnung einer ersten großen Retrospektive in der Schweiz. 

„20 Years“ – so lautet der Titel dieser Ausstellung, die nicht nur Meilensteine in der Karriere, wie etwa „My Bed“, zeigt. Nein, auch andere, weniger prominente Exponate sind hier zu sehen und lassen die Vielfalt der Medien und Mittel erahnen, derer sich Tracey Emin in den letzten beiden Jahrzehnten ihres Schaffens bediente. Da sind Videofilme neben Rauminstalliationen zu finden, Zeichnungen und Textilarbeiten werden einander gegenübergestellt. Wobei unter letzeren einige bestickte, quiltartige Stoffe ganz besonders auffallen: Sie nämlich sind so viel farbenfroher und verspielter als das meiste, das man von Tracey Emin kennt. „Ich werde älter“, so erklärte die Künstlerin selbst im Vorfeld der Ausstellung diese neue, auch sanftmütige Seite, die zu entdecken sich sicher lohnt.  

Tracey Emin wurde 1963 in London geboren und fand über die kreativ ziemlich turbulente Szene der „Young British Artists“ zur Kunst. Dass sich deren Lust, Skandale anzuzetteln, auch im Werk der heute 46-Jährigen widerspiegelt, muss also nicht überraschen. Wie im Übrigen wohl auch eine chaotische Kindheit hier ihre Spuren hinterließ: In ihrem Buch „Strangeland“, das bereits 2005 im Original und nun auf Deutsch erschienen ist, hat Tracey Emin diese frühen Jahre ihres Leben geschildert: die Trennung der Eltern und das Aufwachsen in einem trostlosen englischen Küstenort, in dem das junge Mädchen schnell an Halt verlor, früh die Schule schmiss, mit Magersucht kämpfte und fest daran glaubte, wahlloser Sex sei noch immer besser als gar kein Abenteuer. 

Viele dieser Erfahrungen sind sicher auch hinter den Themen, die Tracey Emin zum Star gemacht haben, zu entdecken. Diesen Aufstieg aber nur autobiografisch aufzuschlüsseln – das greift dann sicher doch etwas zu kurz. Denn es ist gar nicht so leicht auszumachen, wie genau in den Arbeiten von Tracey denn nun das eine zum anderen kommt: die persönliche Tragik zur Selbstvermarktung, und beides zusammen dann zur Kunst und ins Museum.  


Die Ausstellung „Tracey Emin. 20 Years“ ist noch bis zum 21. Juni 2009 im Kunstmuseum Bern zu sehen.

 

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Bildnachweise: 

 

1. Scott Douglas: Tracey Emin

Foto. Courtesy Scott Douglas

© Scott Douglas, 2008

2. Tracey Emin: My Bed (1998)

Saatchi Gallery London

© Tracey Emin

3. Tacey emin: I do not expect (2002)

Art Gallery of New South Wales.

Private Collection, Sydney.

© Tracey Emin

4. Buchcover: Strangeland.

Blumenbar Verlag 2009.