Cool Tour

Tracey Thorn: Das echte Leben jenseits der 40

„Love and its Opposite“ heißt das neue Album der ehemaligen Everything But The Girl-Sängerin, die hier unaufgeregt auf das Älterwerden blickt.

Das Familienfoto auf dem Cover sieht ramponiert aus: Die Gesichter wurden von den Kindern mit Filzstift angemalt, und man fragt sich, ob Mama und Papa heute überhaupt noch ein Paar sind.

 

Drei Jahre nach „Out of the Woods“, ihrem Comeback-Album nach längerer Eltern-Auszeit, widmet sich die ehemalige Everything But The Girl-Sängerin auf „Love and its Opposite“ den Begleiterscheinungen der Liebe im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Bezeichnenderweise heißt der erste Song „Oh, the Divorces!“ – soviel zum „Gegenteil“ von Liebe...

 

Der Song „Long White Dress“ wiederum erzählt lakonisch von den desillusionierten Träumen einer jungen Braut; andere Texte drehen sich um das Problem, die Liebe noch wach zu halten – wenn die Stürme der Leidenschaft sich längst zum kaum noch wahrnehmbaren Lüftchen gedreht haben nämlich.

 

Das liest sich trauriger als es klingt: Natürlich ist aus Tracey Thorn keine überdrehte Hupfdohle geworden, ihre Stimme wirkt noch immer schwerblütig und melancholisch wie zu seligen Jazz- und TripHop-Tagen mit Everything But the Girl. Doch „Love and its Opposite“ zeichnet sich durch eine gewisse Abgeklärtheit aus, ein augenzwinkerndes Sich-Arrangiert-Haben mit dem Älterwerden. Entsprechend unaufgeregt ist die Produktion:

 

Ewan Pearson (Delphic, The Rapture) vermeidet jegliches Chi-Chi, die Arrangements sind schlicht, reduziert und zurückhaltend. Klavier, ein paar Streicher, sparsame Elektronik – mehr ist nicht nötig, Traceys Stimme braucht keine Staffage. Gäste sind allerdings herzlich willkommen: Tracey Thorn singt ein Duett mit Jens Lekman, der Singer-Songwriterin Cortney Tidwell und Hot Chip?s Al Doyle sind ebenfalls vertreten.

 

Fast alle Songs sind Balladen, kammermusikalisch-intim, chansonhaft, sakral zuweilen. Die lebendigen Country-Klänge und synthetischen Beats, die hier und da auftauchen, sind dazu keine Widersprüche, sondern raffinierte Details der eleganten Gesamterscheinung. Tracey Thorn klang auch früher nicht jung und übermütig, deshalb kann man nicht behaupten, sie melde sich mit diesem Album nun als gereifte Künstlerin zurück.

 

Das war sie schon immer. Umso schöner, dass sich die Musik für sie nicht abnutzt wie eine in die Jahre gekommene Beziehung.

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend ist sie Musikredakteurin des Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. Der hier veröffentlichte Text erschien zuerst auf der Seite satt.org, wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung! 

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