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"Über die Liebe und das Meer"

José Saramago ist Nobelpreisträger und die "literarische Stimme Portugals". Nun erscheint erstmals eine Auswahl an Gedichten von ihm auf Deutsch.

Gedichtinterpretationen habe ich schon in der Schule gehasst. Weil jeder etwas anderes aus gut gemachten Reimen oder einem überzeugenden Rhythmus liest, denn Gedichte sprechen noch viel direkter als gute Prosa zum Unbewussten, zu längst vergessenen Erinnerungen, zum Stammhirn vielleicht. Auf jeden Fall zu Gefühlen. Deshalb kann man sich auch so schlecht über Gedichte streiten - weil jeder einen ganz persönlichen Zugang dazu hat. Oder nicht.

José Saramagos Gedichte - und das zeigt die Meisterschaft des Nobelpreisträgers - sprechen viele an. Nicht weil sie an unser Kitschzentrum rühren (auch das ein Maßstab des Erfolgs), sondern das ganz instinktive Gefühl der Richtigkeit erzeugen: Ja, so muss es sein. Deshalb will ich hier auch keine weiteren bildungsbürgerlich-feuilletonistischen Besserwisser-Worte machen, sondern lieber noch ein Gedicht zitieren:



Vom Frieden und vom Krieg

In der ruhigen Hand, die mit Wellengeste

Die Luft zur musikalischen Statue formt.

In der gekrümmten Hand, die mit Eiseskälte

Die Wand der Zeit in tiefe Schreie schneidet.

In der Fieberhand, die mit flammendem Schweiß

in Asche verwandelt, was immer sie berührt.

In der Seidenhand, die mit streichelndem Flügel

Träume wie Wasserquellen erschließt.

In deiner Friedenshand, in deiner Kriegshand

Baut der Schmerz ein Nest, wenn da Liebe ist.

 

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(Die hinreißende Übersetzung der Saramago-Gedichte aus dem Portugiesischen

stammt von Niki Graca.)