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Und ewig dieses „Biep!“

Anna Sam schildert die nervtötenden Seiten eines Jobs im Supermarkt: Acht Jahre lang arbeitete sie selbst als „Servicemitarbeiterin Kasse“ – dann hatte sie die Nase voll. Ihr Buch, das humorvoll beschreibt, wie Kunde König in der Welt der Waren auf Beutezug geht, wurde in Frankreich schnell zu einem Bestseller.

Ein Traumjob sieht anders aus: Als Kassiererin verdient man wenig Geld, hat mit kurzen Pausen zu rechnen und darf sich oft genauso überwacht wie die Kasse fühlen: Ein Storno? Der Chef muss ran, um alles wieder ins Lot zu bringen. Oder eine Toilette sollte möglichst schnell herbei, weil die Blase drückt? Auch hier braucht die Kassiererin erst grünes Licht von oben, um sich ablösen zu lassen. „Das ist ein bisschen so wie in der Grundschule“, sagt Anna Sam, die sehr genau weiß, wovon sie spricht. 

Viele Jahre saß die Französin selbst an einer Supermarktkasse und erfuhr, was es heißt, wenn es auf dem Laufband vor einem beim Einscannen der Ware den lieben langen Tag über „Biep!“ macht – ein Geräusch , das einen bis hinein in die Träume verfolgen kann. Anna Sam finanzierte sich damals mit dem Geld, das sie so verdiente, ihr Literaturstudium. Heute ist sie bekannt als Autorin eines Bestsellers, der in Frankreich sogar verfilmt werden soll und nicht nur hier für Aufsehen sorgte. 

„Die Leiden einer jungen Kassiererin“, so der Titel des Buches, wurde nämlich bereits auch in andere Sprachen übersetzt und erscheint zurzeit etwa gerade in Italien, Brasilien, Taiwan und Israel zugleich. Was eigentlich erstaunlich ist. „Seit wann taugen Kassiererinnen zu Stars?“ fragte Anna Sam selbst bereits etwas süffisant nach. Aber die Antwort findet man in ihrem Buch, das mit kleinen, witzigen aber auch nachdenklich stimmenden Beobachtungen überrascht und einen ganz für die Figur der Kassiererin einnehmen kann. Während eine andere Gestalt wesentlich schlechter abschneidet: Der Kunde im Supermarkt ist nämlich, wie Anna Sam zeigt, nicht nur König, sondern leider oft auch ein furchtbarer Ignorant.

Etwa wenn er so Dinge fragt wie: „Sind sie offen?“ – gemeint ist natürlich die Kasse und nicht die Frau, die hinter ihr sitzt. Anna Sam präsentiert eine ewige Hitparade solcher Fragen, die schwer auf den Geist fallen können, weil sie einer „Servicemitarbeiterin Kasse“ auch verraten, wie unsichtbar als Person sie vielen Leuten doch bleibt. „Ein Roboterdasein? Aber nein. Ein Roboter lächelt nicht“, resümiert die Autorin mit Augenzwinkern. 

Ihr geht es nicht darum, hier sozialkritisch die Messer zu wetzen. Viel eher möchte die Französin uns die Augen für jene Frau öffnen, die tagtäglich unseren Einkauf reibungslos über die Laufbänder der Warenwelt befördert. Mit möglichst wenig Zwischenfällen – die freilich Anna Sam doch am meisten interessieren. Einmal erlebte sie, wie eine Mutter in der Warteschlange sich zu ihrer kleinen Tochter beugte, um diese zu ermahnen: „Wenn du in der Schule nicht fleißig lernst, dann wirst du einmal Kassiererin so wie diese Frau da.“

 

Aber damit noch nicht genug: Denn auch von dem Kampf um die Gesetze, die an Vorranggkassen gebrochen werden, wird hier erzählt und von Tricks, mit denen Kunden es schaffen, eine 10-Teile-Kasse mit 40 Artikeln im Arm zu passieren: einfach die Ware portionsweise und in vier Touren abrechnen lassen. Mittendrin stellt sich dem Leser da immer wieder die Frage, zu welchem Typ man selbst wohl zu rechnen wäre: zu dem des füßescharrenden Kampfshoppers, der gleich morgens schon auf Beutezug geht? Oder doch eher zu der lässigeren Variante, die erst kurz vor Ladenschluss zum Einkaufsbummel aufbricht?

 

Was Anna Sam in ihrem Arbeitsalltag zu sehen und hören bekam, schrieb sie auf, auf kleinen Notizzetteln zunächst, die sie neben der Kasse bereit hielt. Nach Feierabend verarbeitete sie dann das Erlebte in ihrem Blog im Internet, der innerhalb kürzester Zeit so viele Leser fand, dass auch ein Verlag auf die Kassiererin mit Kultstatus im Netz aufmerksam wurde. Und eine Buchveröffentlichung vorschlug. Anna Sam, die zu diesem Zeitpunkt fertig studiert hatte, aber noch immer keinen anderen Job in Aussicht, kam das Angebot sehr gelegen. Sie willigte ein und gab ein halbes Jahr vor der Publikation ihren Kassenjob auf. Schließlich macht es am Ende doch mehr Spaß, über Leute, die einen mit Fragen wie „Haben Sie keine Plastiktüten“ anranzen, zu schreiben – als ihnen tagtäglich zu antworten.