Reizthema

Und immer hübsch "cool" bleiben

Über die inflationäre Benutzung eines Modewortes. Und wieviel Englisch verträgt unser Deutsch?

Von: Verena Manhart, Foto: photocase.com

vom 12.12.06

 

„Is’ ja cool!“ höre ich mich am Telefon sagen, als meine Freundin mir von ihrer bestandenen Prüfung erzählt. Ziemlich cool finde ich auch, dass ich seit meinem Umzug eine halbe Stunde weniger Fahrzeit zur Uni habe. Echt cool sind meine neuen Schuhe, der letzte Sommer, Bier und Schokoladeneis, Weihnachtsmärkte, Feuerschlucker, Tage an denen man ausschlafen kann, gute Freunde und Partys mit ihnen und so vieles mehr.

 

Alles kann cool sein und einiges ist echt uncool. Und das schon seit ich denken kann. Viele Wörter kamen und gingen, um „cool“ zu ersetzen. Eine zeitlang war alles Coole vielmehr „geil“, „krass“, „hammer“ oder „fett“. Ein Autounfall vor der eigenen Haustür ist immer noch echt „krass“, aber nur, weil er so gar nicht cool sein kann. „Fett“ ist höchstens noch der Bass beim Konzert und auf jeden Fall die verfressene Nachbarskatze. In einigen Fällen kommt das ein oder andere Synonym für cool noch vor, aber kaum ein Wort ist so treffend in den verschiedensten Situationen einsetzbar wie cool.

 

In den letzten Jahren wurden heftige Debatten über den Zustand der deutschen Sprache geführt und er ist immer noch häufiger Diskussionsstoff. Vor allem geht es immer wieder um den Einfluss von Anglizismen und die dadurch entstehende Verkümmerung und Verflachung der deutschen Sprache.

 

Angefangen beim Jugendslang (chillen, megaflashig, abchecken) über die Werbe- und Medienbranche (Talkshow, Entertainment, homestyling) bis hin zum Fachgebrabbel im Managementbereich (outsourcing, meeting, facility management). Es haben sich zahlreiche Vereine zur Erhaltung der deutschen Sprache gebildet. Ihre Mitglieder und andere Verfechter der deutschen Sprachkultur machen sich dafür stark, dass unsere Muttersprache nicht verfällt und von unsinnigen Anglizismen überrollt wird. Dagegen ist in vielen Punkten überhaupt nichts einzuwenden. Denn es gibt so schöne Wörter, die nicht durch einen englischen Begriff ersetzt werden müssen. Das ist meistens eher uncool, weil es dadurch zu Verständnisschwierigkeiten und plumpem Nachgeplapper kommt. So haben wir diesen Sommer alle public Fußball geviewt, haben beim sale out zu echten Dumping-Preisen zugeschlagen, wurden für die Arbeit gebrieft und haben uns unzählige Dinge aus dem Internet downgeloadet (oder gedownloadet?).

 

Muss das sein? Ich persönlich habe einfach gern mit meinen Freunden bei einem gutgekühlten Bier draußen die WM genossen. Allenfalls öffentlich, niemals aber fühlte ich mich als public viewer, sondern einfach nur entspannt und gut unterhalten. Im Schlussverkauf freue ich mich über jedes Schnäppchen, bei Dienstbesprechungen lasse ich mich lieber informieren oder schulen als briefen und Dateien lade ich herunter. Basta.

 

Es ist nicht zu übersehen und in zahlreichen Studien untersucht worden, dass sich „Denglisch“ oder „Germish“ negativ auf die Bildung gerade derjenigen auswirkt, die in diesem Zeitalter von High-Tech, Multimedia und Casting-Shows aufwachsen. Vor allem durch Fernsehen und Werbung wird der schlampige Umgang mit der deutschen Sprache und der Hype, mit englischen Begriffen willkürlich um sich zu schmeißen, kultiviert. Dies führt dazu, dass oftmals ganz sinnfreie oder schlichtweg falsche Wörter in den Sprachgebrauch übernommen werden. Das Problem ist nicht, dass diese Wörter aus dem Englischen kommen, sondern dass sie nicht verstanden aber täglich benutzt werden.

 

Aber nicht nur auf dem Schulhof ist dieser Trend zu beobachten, auch in Wissenschaft, Politik und Journalismus setzen sich Anglizismen immer stärker durch. Natürlich bedingt durch die Computersprache und die Internationalisierung von jedem und allem. Aber wenn eben jene Wissenschaftler, Politiker und andere Personen mit einer gewissen Vorbildfunktion nur noch mit Fremdwörter und englischen Begriffen um sich werfen, die eigentlich keiner mehr so richtig versteht, stellt man sich die Frage, ob nicht der eigentliche Sinn der Kommunikation – Information und Bildung – auf der Strecke bleibt.

 

Der Kampf gegen die Veränderung der deutschen Sprache durch Anglizismen ist nicht unberechtigt. Er macht aber vor allem dann Sinn, wenn es gilt, Verdummung, Sinnlosigkeit und simples Modegeplapper zu vermeiden.

 

Nichtsdestotrotz ist Sprache immer lebendig und was hätten wir für ein Chaos, wenn wir jedes „undeutsche“ Wort ausmerzen, jeden Einfluss aus anderen Sprachen verhindern würden. Schließlich wurden auch deutsche Wörter ins Ausland exportiert (Bastian Sick hat in seiner Zwiebelfisch-Kolumne „Deutsch als Amtssprache der USA“ ein kleines Register dieser Begriffe – wie „kindergarten“, „bratwurst“ und „lebkuchen“ - zusammengestellt). Und keiner stört sich daran.

 

Und was wäre ein Konzert ohne den Soundcheck (ein Konzert mit Klangüberprüfung?!), der Kneipenabend ohne Barkeeper (ich bestell mir doch keine Cocktails beim Schankwirt!) und der Krimi ohne Stuntman (Gefahrendarsteller klingt nur halb so aufregend).

 

Es ist gut, dass sich so viele Leute um die deutsche Sprache sorgen, weil sie von vielen zu lässig und einfach falsch gesprochen wird. Genauso gut ist es, ohne schlechtes Gewissen weiterhin Milchshakes und Donuts zu bestellen.

 

Neben den vielen coolen Dingen, die sich in unserem Leben so finden, und auch gerne weiterhin cool bleiben können, gibt es ein weiteres Phänomen: Die Menschen selbst wollen cool sein. Doch wann ist man es, wie wird man es und was zur Hölle soll das überhaupt?!

 

Laut Mathias Schreibers Artikel „Deutsch for sale“ (Spiegel 40/2006) bezeichnet „Cool“-sein eine „fast stoische Gelassenheit, für die ein entsprechend knappes, im Duktus eben „cool“ wirkendes deutsches Pendant nicht verfügbar ist.“ Jemand, der sich in einer schwierigen Situation cool verhält, bleibt gelassen und behält den Überblick, reagiert nicht hektisch und emotional sondern ruhig und überlegt, kurz gesagt: einfach cool! Nun gibt es zum einen Menschen, die diese „stoische Gelassenheit“ einfach in die Wiege gelegt bekommen haben und andere, die einfach ab und zu in der Lage sind, cool zu bleiben, egal wie stressig es wird.

 

Weniger cool ist hingegen die Annahme, dass man durch den Besitz unzähliger cooler Dinge und den erhöhten Gebrauch von den neusten coolen Anglizismen, die man durch Werbung & Co. aufschnappt, automatisch cool wird. Cool-Sein ist vielmehr eine Lebenseinstellung, die bedeutet, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und immer möglichst entspannt zu bleiben. Entweder man ist es, entwickelt diese Art im Laufe der Zeit aus dem Bauch heraus oder man lässt es bleiben. Kaufen kann man es nicht und jeder plumpe Versuch, durch Nachplappern der scheinbar coolsten Phrasen cooler zu wirken ist letztendlich nur albern und zum Scheitern verurteilt.

 

Festzuhalten bleibt, dass es einfach Anglizismen gibt, die bleiben müssen. Weil sie die deutsche Sprache bereichern, nicht durch andere Begriffe zu ersetzen und allgemein verständlich sind.

 

Solange man sich in seinem Sprachgebrauch nicht eingeschränkt fühlt und weiß, wovon man redet und dass es auf der anderen Seite auch so ankommt, kann man sich ruhig ein bisschen entspannen.

 

Also, immer schön cool bleiben!