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"Und was sagen die Kinder dazu"?

Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern. Ein Buch über die Regenbogenfamilie heute.


„Und was sagen die Kinder dazu?“ ist eine häufig gestellte Frage, wenn es um Elternschaft homosexuell lebender Paare geht. Hier bekommen Sie Antworten. 36 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zwischen sechs und einunddreißig Jahren erzählen über sich und ihre Familien. Wie lebt es sich mit zwei Müttern oder zwei Vätern? Wie fühlt es sich an, wenn die Mutter mit einer Frau verheiratet ist oder der Vater vor seiner Wahl zum Elternvertreter in der Schule sein Coming Out auf den Tisch packt? Welche Fragen kommen von Klassenkameraden oder Nachbarn, und was sagt man darauf?

Die Antworten sind so verschieden wie die Kinder selbst. Den beiden Autorinnen Uli Streib-Brizc und Stephanie Gerlach gelingt es, sich auf jeden Interviewpartner individuell und altersgerecht einzulassen. Dabei ist nicht immer nur die Lebensweise der Eltern das Hauptthema. Die Kinder werden da abgeholt, wo sie sich gerade befinden. Die Themen, die in den Interviews besprochen werden, sind die, die in den verschiedenen Lebensläufen wichtig sind: Die Rolle in einem Schultheaterstück, Begeisterung für die gerade begonnene Ausbildung oder die zu hohe Telefonrechnung nach Dauertelefonaten mit der besten Freundin.

Das Zusammenleben mit lesbischen Müttern oder schwulen Vätern nimmt so in den Gesprächen den Raum ein, den er auch im Alltag der Befragten hat: Mal gilt dieser Alltag als selbstverständlich und bleibt nahezu unkommentiert, mitunter geht es aber auch um einen langen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Thema – und mit den Berührungsängsten, die in der Umwelt zu finden sind.

Der Kontakt zu den befragten Kindern wurde durch Hinweise auf Veranstaltungen für Regenbogenfamilien, Annoncen in Zeitungen, über Foren oder durch persönliche Kontakte der Autorinnen hergestellt. Hierbei haben die beiden sich bemüht, einen möglichst breiten Querschnitt an Familienkonstellationen, Alter, geographischer und sozialer Herkunft auszuwählen, um die ganze Vielfalt von Regenbogenfamilien in Deutschland, Österreich und der Schweiz abzubilden. Denn sie sind Realität, auch wenn sie sich in einigen Bereichen des Zusammenlebens noch in einer rechtlichen Grauzone befinden, weil diese Realität in der deutschen Gesetzgebung noch nicht angekommen ist.

Wer bisher geglaubt hat, nur heterosexuelle Eltern seien erziehungsfähig und garantierten eine unbeschadete kindliche Entwicklung, der wird hier eines Besseren belehrt. Auch für Kindergärtner, Lehrer und Pädagogen, die bisher nicht mit diesem Thema in Berührung gekommen sind, ist das Buch sehr empfehlenswert.

Das Vorwort von Berlins amtierendem Bürgermeister Klaus Wowereit wirbt für mehr Verständnis für Regenbogenfamilien und trägt hoffentlich dazu bei, dem Buch die Öffentlichkeit zu geben, die man ihm wünscht. Abgerundet wird der Text durch einen wissenschaftlichen Diskurs zum Thema schwul-lesbischer Elternschaft. Verschiedene Theorien und Untersuchungen werden kurz vorgestellt und miteinander in Beziehung gesetzt. Und auch die Literaturtipps zum Weiterempfehlen sind umfangreich und unterteilt in Bücher für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Eine eigene Homepage zum Buch bietet Information und Anlaufstellen für Interessierte.

Und abgesehen von allem Aufklärungsbedarf und Abbau von Vorurteilen macht es einfach Vergnügen, die Interviews zu lesen und einen kurzen Einblick in unterschiedliche Lebensläufe von Kindern und Jugendlichen zu bekommen.

 

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Anne Leichtfuß ist Buchhändlerin und somit leidenschaftlich mit allem verbandelt, was Bücher angeht. Sie wohnt in der Nähe von Köln und sucht derzeit eine neue Arbeit.  PostanAnne(at)web.de.