Starke Frauen

Ungebremst ins Abenteuer

Sie fuhr als erste Frau im Auto einmal rund um den Globus – und verstand wohl erst allmählich: Die Welt ist keine Rennstrecke. Nun bringt ein Film die unglaubliche Reise, zu der Clärenore Stinnes im Jahr 1927 aufbrach, ins Kino – mit den Originalaufnahmen von damals als Highlights.

Es war eine Fahrt ins völlig Ungewisse. Und schon kurz nach Prag gab es die erste Panne, eine Kupplung, die ausgetauscht werden musste. Gemessen an den Strapazen, die noch folgten, war das aber gar nichts. Ahnte die Industriellentochter Clärenore Stinnes eigentlich, was auf sie zukam, als sie 1927 sich ins Auto setzte, um von Berlin aus 48 000 Kilometer zurückzulegen - quer durch Europa, Kleinasien und China ging es dabei, durch sibirische Kälte und sengende Wüstenhitze. 

Wer war diese junge Frau? Erica von Moeller hat einen Film gedreht, der eine draufgängerische 26-Jährige zeigt, über die man nur Staunen kann. Clärenore Stinnes mag vieles zugleich gewesen sein: eine Autonärrin und Abenteurerin, eine unbeirrbare Visionärin und vielleicht auch ein spätpubertärer Trotzkopf. Aber eines war sie ganz sicher nicht: eine Weltenbummlerin im eigentlichen Sinne des Wortes. Denn für Stinnes gab es zumindest zu Beginn ihrer Reise nur eines, das zählte: Sie wollte so schnell wie möglich ins Ziel kommen. 

Wenig verwunderlich, dass dabei nicht alles nach Plan lief. Etwa auch mit den Männern, die mitreisten – und bald schon meuterten. „Wir fahren quer durch die Welt, aber sehen nichts von ihr“, so hört man von der Leinwand herunter deren Protest. Clärenore Stinnes hatte für ihre spektakuläre Fahrt einige Sponsoren gefunden, die Firma Adler beispielsweise, die einen Wagen und Treibstoff finanzierte. Darüber hinaus bekam Stinnes noch zwei Mechaniker zur Verfügung gestellt, die in einem LKW mit Ersatzteilen ihrem Wagen folgen sollten. 

Doch schon in Sibirien waren die beiden Techniker am Ende: Sie schmissen das Handtuch, entkräftet von Kälte und reichlich entnervt noch dazu von Stinnes, die ihnen einfach zu ruppig-burschikos auftrat. Weil sie die Hosen anhaben wollte, sogar bei den technischen Fragen rund ums Auto. Mit gutem Grund: Die Industriellentochter war eben nicht nur eine, die Autos verehrte – sondern auch eine erfahrene Rennfahrerin, die bereits 17 Wettkämpfe hinter sich hatte, als sie die wohl waghalsigste Strecke ihres Lebens in Angriff nahm. 

Auf dieser gab es übrigens noch einen dritten Begleiter: den Kameramann Carl-Axel Söderström. Stinnes hatte den Schweden überredet, sich mit ins Abenteuer zu stürzen und es zu dokumentieren. Sie selbst kümmerte sich dabei auch um die mediale Vermarktung ihres Coups: In den Kinowochenschauen der Zeit wurde über das „Fräulein Stinnes“, das die Welt umrundete, regelmäßig berichtet. 

Erica von Moeller hat nun auf das gut erhaltene Film- und Bildmaterial von damals zurückgegriffen und dieses in „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ um Szenen ergänzt, die sie nachdrehte. Darin zu sehen sind die wunderbare Sandra Hüller („Madonnen“, „Requiem“) und der Schwede Bjarne Henriksen („Das Fest“) als ein Paar, das sich nicht nur gegen Wüstensand stemmt – sondern im Verlauf der Geschichte mehr und mehr auch gegen die eigenen Gefühle füreinander. Söderström war verheiratet. Für Stinnes zunächst das Argument überhaupt, ihn mit auf ihre Reise zu nehmen. Doch als die beiden schließlich in Le Havre anlegen, um nach zwei gemeinsamen Jahren durch „dick und dünn“ Söderströms Frau für die Zielgerade Berlin an Bord zu nehmen, spricht die Einsilbigkeit, die im Auto herrscht, mehr als Bände. 

Erica von Moeller erinnert mit ihrem Film so an eine Frau, auf deren Pioniergeist man heute allerdings auch mit gemischten Gefühlen blicken kann. Denn weniger noch als der Wunsch, die Welt zu sehen, trieb hier ein Schnelligkeitswahn und Machbarkeitsethos voran, die heute beide befremdlich wirken – vor dem Hintergrund, dass Auto und Benzin inzwischen mehr die Welt regieren, als einem lieb sein kann. Dennoch: Für Clärenore Stinnes sollte diese Geschichte zum Happy End führen, einem doppelten sogar: Söderström und sie heirateten nämlich im Jahr 1930 und gingen zusammen nach Schweden, um dort mit den Kindern, die sie noch bekamen, zu leben. Sicher auch das ein Abenteuer – für zwei Menschen, die es zuvor so in die Welt hinaus zog.