Fürs Auge

Unruheherd Kind

Selbst adrett gekleidet können sie noch hübsch aus dem Rahmen fallen: Kinder scheinen in den Fotografien der Amerikanerin Julie Blackmon eine Kraft, die nur schwer zu bändigen ist und die Welt der Erwachsenen hart auf die Probe stellt.

„Birds at home“ heißt eines der Bilder, auf denen es so wild drunter und drüber geht, als sei der Kanarienvogel los! Nur dass es Kinder sind, die hier über Tische und Stühle flattern und klettern und viel Chaos anrichten: Selbstvergessen und impulsiv jagen sie Einfällen hinterher und lassen ihrer Neugierde freien Lauf – lediglich ein kleiner Junge steckt seine Nase still in ein Buch, in dem es sogar tatsächlich um Vögel geht. Und um ihren Nestbau. Ein Motiv, das auch in den Fotocollagen von Julie Blackmon ganz zentral ist, allerdings sind es hier eher die menschlichen Formen der „Brutpflege“, die boeobachtet werden.   

Julie Blackmon wurde 1966 in Springfield, Missouri, geboren, wo sie als Älteste von neun Geschwistern aufwuchs. Mittlerweile ist sie selbst Mutter von drei Kindern – und nicht nur diese, sondern auch die vielköpfige Schar ihrer Nichten und Neffen sind stets neu als Figuren in den Bildern zu entdecken. Denn Blackmon kreist in ihren Arbeiten immer wieder auch um Augenblicke aus dem eigenen Familienleben (oder dem ihrer Verwandtschaft), die sie allerdings mithilfe von digitaler Technik verfremdet und um Fiktionen erweitert. Am Ende entstehen so inszenierte Realitäten, in denen es mal unterhaltsam, mal eher subtil-bedrohlich stets um die Frage geht, was ein Alltag mit Kindern eigentlich alles so mit sich bringt. 

Wie Blackmon meint, in jedem Fall schon mal eines: ein Durcheinander an Bedürfnissen. „Wir leben in einer Kultur, die auf Kinder zentriert ist und zugleich selbstbesessen,“ sagt die Fotografin, die glaubt, dass unsere Erwartungen an die ideale Familie heute widersprüchlicher denn je seien: Man möchte sich aufgehoben fühlen – und zugleich nicht einengen lassen. Da soll jeder Moment intensiv gelebt werden – und zugleich lockt der Wunsch und das Angebot, sich auch in ganz andere Erlebniswelten zu flüchten. Und damit auch beispielsweise in Augenblicke, in denen zur Abwechslung mal nicht jeder denkbare Genuss im Gewühl, Gemansche und Gezeter der eigenen Brut an Glanz verliert. „Dinner Party“ heißt eines der Bilder, die in dem Fotoband „Domestic Vacations“ (zu deutsch ungefähr: Ferien zuhause) veröffentlicht wurden, der bisher nur auf Englisch erschienen ist. Doch von „Dinner“ und „Party“ bleibt dem Elternpaar, das hier gezeigt wird, am Ende nur eines: der Griff zum Rotweinglas als letztes Mittel, Ruhe zu schaffen (zumindest in einem selbst).  

Blackmons Bilder leben aber nicht nur von Humor, sondern auch von starken Kontrasten: Da sind zum einen die wohlhabenden, geordneten Milieus und Interieurs der amerikanischen Mittelklasse, die stilvoll, aber auch erstarrt in Szene gesetzt werden. Und da ist auf der anderen Seite eine kindliche Unaufgeräumtheit, die in diese Wände gar nicht so recht hineinzupassen scheint. Und entsprechend oft gespenstisch anmutet – wo nicht gar gefährdet wirkt? In der Collage „The Power of Now“ ist eine Familie zu sehen, die sich rund um einen Swimming-Pool zu erholen versucht. Alles wirkt idyllisch und entspannt, das Wetter perfekt und doch geht von dem blauen Poolwasser, das vor allem die Kinder anzieht, auch Bedrohliches aus. Und: Ist es nun ein Säugling oder eine Puppe, die da auf dem Beckenrand ganz und gar nicht gut gebetttet liegt?  

 

Mit ihren Foto-Arbeiten war Julie Blackmon schon in zahlreichen Ausstellungen in ihrer Heimat zu sehen und wurde mehrfach ausgezeichnet. Hierzulande dagegen ist die Künstlerin, die übrigens auch eine etwas überraschende Inspirationsquelle für die eigene Kreativität nennt, noch wenig bekannt. Blackmon fühlt sich dem holländischen Maler Jan Steen auch nah, der mit seinen Genrebilder schon im 17. Jahrhundert am Puls eines Familienlebens hing, in dem es auch mal drunter und drüber geht.  Jan Steen konnte so den Begriff eines „unordentlichen Haushalts“ prägen – und der Bezug zu Blackmon liegt zumindest hier auf der Hand.