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Valentins Tag

Im Leben eines 9jährigen Jungen haben Namen noch Bedeutung: „Krieger des Lichts“ oder „Hüter der Liebe“ sind im Moment die Favoriten meines Sohnes. Er selbst heißt Valentin und zählt seit Wochen die Tage bis zu seinem Namenstag.

Von: Felizitas Arneth, Fotos: photocase.com

vom 13.02.07

Sein Namenstag ist für ihn aus zwei Gründen wichtig: vom Opa flattert Geldsegen ins Haus und alle reden von „seinem“ Valentinstag. Der voraussehbare Geldsegen hat ihn leichtherzig gemacht: Wie jeden Montag gab es gestern Taschengeld. Das trägt er nahezu regelmäßig – außer er „spart auf was“. Muss er ja grad nicht, weil Opa morgen….- zum dörflichen Einkaufsladen und übergibt es dort einer lächelnden Kassiererin.

 
Diesen Montag kam er wieder, verzog sich sofort in sein Zimmer ohne ein Wort zu verlieren. Er ist ein Genießer. Nach geraumer Zeit kam er zu mir: „Mama, magst Du mal Deine Zukunft befragen?“ fragte er strahlend.

 
Er hatte sein Taschengeld in ein Heftchen investiert. Wegen der Beilage. Unsereiner kaufte noch „Yps“ und verbrachte den Nachmittag ernst und wissenschaftlich mit Experimenten. Das Heft, das sich mein Sohn gekauft hatte, hieß „Witch“, Untertitel: das magische Mädchenmagazin. Man kann nicht früh genug anfangen, den „Gegner“ auszuspionieren. Die Dame an der Kasse ist sicher nicht auf die Tarnung meines Sohnes hereingefallen: er trägt sein Haar lang und blond, letzteres unabsichtlich. Die Angestellten eines Dorfladens kennen jeden mit Namen.

 
Jedenfalls kam mein Sohn mit diesem Heft nach Hause, machte sich mit der Materie vertraut und teilte sein Vergnügen dann noch mit mir und seiner älteren Schwester. Die Beilage bestand aus drei Würfeln. Durchsichtiges Plastik, einer blau, einer rosa, einer lila. Der lila Würfel stand für "Lebensbereich" (Glück, Gesundheit, Liebe, Schule, Freundschaft, Familie), rosa für "Bedeutsamkeit" (nein, ja, auf jeden Fall, vielleicht, eher nein, eher ja) und der blaue für "Kraft". Jeden Würfel, so stand es in der Anleitung, solle man mit einer Frage werfen.

Lila: Zu welchem Lebensbereich möchte Dir das Orakel Auskunft geben?

Rosa: Stelle eine Ja/Nein- Frage zum Thema!

Blau: Welche Kraft musst Du nutzen? Geduld: Abwarten, gelassen bleiben! Energie: Deine ganze Power ist gefragt! Erde: Bleib realistisch! Feuer: Sei mit Leidenschaft dabei! Wasser: Fließen lassen…! Luft: Träumen erwünscht!.

 

Klar, das wir alle seit gestern würfeln. Mein Sohn ununterbrochen. Er nahm die Würfel sogar heute mit in die Schule. Würfelt er jedoch „Schule“ verzieht er das Gesicht und will gleich noch mal würfeln.

Als wir die ersten Befragungen durch hatten, sprach Sohn: „Mama, in dem Heft ist noch ein Test, den mach ich jetzt mit Dir“ und fing an, mir verfängliche Fragen zu stellen.

 
Ich sah mir die mir zugewandte Titelseite an: „Der große Liebestest“ stand da und „Valentinsgeschenke“ (Na, ob was für ihn dabei war?). Dann musste ich auch schon peinliche Fragen beantworten. Meine Antworten wurden von Sohn und hauptsächlich Tochter kommentarlos oder aber mit einem frechen Grinsen oder „Ne, Mama, machst Du nicht!“ oder „Hab ich auch geantwortet!“ oder „Hab ich nicht geantwortet!“ zur Kenntnis genommen.

Danach ging es in die Auswertung. Sohn, Tochter und ich hatten jeweils eines der drei möglichen Ergebnisse:

„Liebe ist für Dich…

…Zuneigung und Unbeschwertheit

…Das größte aller Geschenke

…ein Traum mit offenen Augen“

Vielfalt.

Ja ja! „Entdecke es mit dem großen Valentinstag – Love –Test! Was bedeutet Liebe für Dich!“

 
Nach dem ereignisreichen Abend zog ich heute früh los, um mir dieses Heftchen irgendwo anzuschauen. Mein Sohn rückte weder die Würfel noch den Liebestest raus. Ich war gezwungen, alle verfügbaren Exemplare dreier einschlägiger Läden der Umgebung aufzukaufen, in zwei anderen gab es das Heft nicht mehr. Witch! Das ideale Valentinsgeschenk für Menschen, die lieben!

 
Mit meinen Errungenschaften in der Tasche lief ich auf dem kleinstädtischen Marienplatz zwei Journalisten über den Weg, einer mit Fotoapparat, der andere – Journalist im Anfangsstadium und wohl gerade Praktikant, beide mir bekannt – Block und Stift in der Hand. Der Ältere zeigte auf mich, schon von weitem, und grinste. „Wir machen eine Befragung zum Valentinstag!“ In der hiesigen Zeitung gibt es eine Rubrik, in der werden regelmäßig harmlose Passanten zu bestimmten aktuellen Themen gefragt. All die Jahre war ich ungeschoren davon gekommen. Mich fragt eh keiner nach meiner Meinung. Diesmal schon.

 
Erste Frage: „Verschenkst Du Valentinsgeschenke und was hältst Du von dieser Tradition?“ Ich musste grinsen, hatte ich doch die Heftchen in meiner Tasche und damit fing es an. Ich erzählte die gesamte Story – eigentlich hätten wir dazu gemütlich Kaffee trinken gehen können. „…und weil ich das so witzig finde, verschenke ich heuer mal etwas zum Valentinstag, nämlich diese Heftchen!“ und wurde mit aufgeschlagener Seite auf der oben in GroßpinkBarbiepuppenBuchstaben stand „Liebe ist…“ fotografiert.

Wenn das morgen in Zeitung erscheint…

Superpeinlich!

Ich durfte auch noch Fragen beantworten: „…halte den Valentinstag für eine aus Amerika importierte Geschäftemacherei… solche Tage machen aber Kindern Spaß, können sogar wichtig sein… dieser Tag sowieso Bedeutung, wegen seines Namens… Trubel…“

Dann zog ich von dannen, die Journalisten suchten neue Opfer.

"Wir brauchen noch ein Pärchen…"

 

Das erste Heft brachte ich als VorValentinstagsGeschenk bei einer Freundin vorbei. Sie würfelte gleich dreimal. Heute Abend nehme ich eines samt dieser Geschichte, mit zu einem runden Geburtstag. Eines wird ordnungsgemäß zum Valentinstag morgen verschenkt und ein letztes liegt im zu packenden Koffer. Am Wochenende reise ich zu einer Freundin.
„Frauentreff“.

Wir werden ein paar sein.

Viel genug.

Männer müssen draußen bleiben, weil wir uns Altweibernachholmäßig „die Kante geben“ und über „Frauenthemen“ unbeobachtet sprechen wollen. Anregungen?!