Männerecke

Valentinstag war schon

Von: Andreas Glumm, Foto: photocase.com

vom 23.07.07

In der Nachbarschaft liegt Remscheid, eine Stadt wie ein Montag im Februar. Steile Nebenstrassen gibt es zuhauf und ein Röntgen-Museum, der Herr Röntgen ist nämlich in Remscheid geboren.

 

Ich geh durch die Fußgängerzone. Auf dem knatschroten Plakat, das für die Erotik-Messe in Wuppertal wirbt, hat jemand ein ausgelutschtes Kaugummi geklebt, punktgenau in den Schritt der Dessous-Lady.

Vor der Stellwand steht ein warm vermummter, zehnjähriger Junge, der sich das Ganze anguckt und selbstvergessen in der Nase bohrt. Als seine Mutter aus dem Supermarkt kommt, bepackt wie ein Sherpa des Kapitalismus, ruft sie ihren Sohn zur Ordnung: "YANNICK!"
Und als das nicht fruchtet: "YANNICK-EBERHARD!"

Schön. Ich hab Interesse an einer Tasse Kaffee und betrete eine italienische Eisdiele. Der Fensterplatz bietet einen Rundumblick auf die verschneite steile Fußgängerzone.
Gemütliches kleines Cafe.
Mir gegenüber sitzt eine große alte Frau.
Sie trägt eine Bommel-Mütze und einen stabilen blauen Mantel, und nickt mir zu.
"Mein Bruder Valentin hatte am Valentinstag Geburtstag. Aber der ist längst tot, mein Bruder Valentin."

Sie nimmt zwei Bistro-Tische in Anspruch. Den rechten Arm hat sie auf den rechten Tisch gestützt, den linken Arm auf den linken Tisch, und ihr restlicher Körper thront dazwischen auf der gepolsterten Sitzbank.
Sie sieht aus wie eine Mumie.
"Ich hab ja gar nicht gewusst, dass Valentinstag ist. Guck ich eben in ein Blumengeschäft in die Auslage, weisst du, liegen da lauter rote Herzen rum. Eine ganze Wiese voll. Mein lieber Mann!"

Mit wem spricht die eigentlich?
Meint die mich?
Die Serviererin bringt den Kaffee.

"Der ist schon lange tot, der gute Valentin", schnauft die große alte Frau und zündet sich eine Zigarette an.
"Was soll ich denn zuhause, junger Mann? Ich hab gespült und aufgeräumt und alles, was soll ich da. Hör mal, ich rauch seit 1936, und dann kam der Krieg. Nee, hör auf, Rauchen hab ich noch nie Schwierigkeiten mit gehabt, da gewöhnst du dich dran. Ich hab immer gearbeitet und immer geraucht. Aber ich paff ja bloß. Keine Lungenzüge. Seit 1936, weisst du."

Außer mir sind nur ein paar Italiener anwesend, in modischen Westen.
Sie starren angestrengt auf die Fussgängerzone.
Sie rauchen nicht mal.

"Hier läuft wenigstens schöne Musik. Nicht so wie dahinten, bei den.. Türken."
Die grosse alte Frau legt die Zigarette im Aschenbecher ab und holt einen kleinen Schminkspiegel aus ihrer Handtasche, in der sie flink zwei Zuckerstückchen verschwinden lässt.
"Die Türken da mit ihrem Kasatschokk. Frollein!"

Die Servierein kommt.
"Hier", sagt die Frau und drückt ihr den Spiegel in die Hand. "Den schenk ich dir. Weisst du, woher ich den hab? Den hab ich aus dem Theater in Paris. Musste nur sauber machen. Dann ist der wie neu."
Die Serviererin lächelt unverbindlich, nimmt den Spiegel, und verzieht sich hinter die Theke.

Eine Weile ist Stille.
Keine Musik, kein Geschnatter.
Die Remscheider Italiener flüstern, aber nur einen einzigen Satz.
Dann herrscht wieder Ruhe.

Ich trink meinen Kaffee und lausche glücklich dem Nichts, bis die Espressomaschine einsetzt, mit einem explosiven Zischen.
Geschirrklappern.
Jemand klopft an die Fensterscheibe.
Draussen steht eine riesige Frau, sie trägt einen platten gelben Hut.
Sie winkt wild.
"Hallooo, Edith..!!"

Schon ist die Spiegelei-Matrone zur Tür rein, mit einem Wusch kalter Schneeluft.
"Warst du einkaufen? Mein lieber Mann, was hast du denn alles eingekauft!?!"
Die Neue setzt sich dazu, mit Unmengen Tüten und Täschchen.
"Luise kommt auch gleich."
Eine der Einkaufstüten ist so prall gefüllt, oben guckt eine Packung gefrorenes Kirsch-Eis heraus.
"Luise auch?"
"Woll, die Luise. Hat sich neue Handschuhe gekauft. So Asbest-Handschuhe. Brauchte man ja früher nicht, aber seit die Haschbrüder alle AIDS haben."

Ich leg das Geld auf den Tisch und steure am dichten Wortschwall vorbei die zwei, drei Meter zum Ausgang.
Draussen fallen Flocken steil nach unten.

 

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "500Beine" über sich und sein Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin, und den Hund "Frau Moll".