Reizthema

Verboten und verborgen

In Schweden wird Prostitution nicht geduldet. Wer Sex kauft, macht sich strafbar. Freier müssen mit Geldbußen oder sogar Haftstrafen rechnen. Das Gesetz, das 1999 geschaffen wurde und Frauen vom Strich holen will, hat schon einiges bewirkt. Unumstritten ist es dennoch nicht.

Ist Prostitution ein Beruf wie jeder andere? Oder gar ein Naturgesetz, wie einem die Rede vom „ältesten Gewerbe der Welt“ gern nahe legen möchte? In Schweden gibt es eine klare Antwort auf beide Fragen: Nein.

Der Sexhandel ist dort nämlich seit 1999 verboten. Wobei das Gesetz, das Frauen helfen soll, aus dem Geschäft auszusteigen, nur die Freier bestraft – und nicht die Prostituierten selbst. „Es geht darum, die Nachfrageseite, die Freier, zu kriminalisieren und nicht darum, seelisch und körperlich ausgenutzte Frauen hinter Gitter zu bringen", so erklärte kürzlich etwa auch Jonas Trolle, Stockholmer Kriminalinspektor, dem „Spiegel“.

Fliegt ein „Sexkauf“ in Schweden auf, bleibt also die Prostituierte straffrei. Die Kundschaft dagegen hat guten Grund, über den Preis nachzudenken, den sie zu zahlen hat, wenn sie ertappt wird: Geldbußen oder sogar eine Gefängnisstrafe bis zu einem halben Jahr drohen. Und natürlich auch andere Unannehmlichkeiten: „Die Frauen sollen wissen, was ihre Männer tun“, so lautet nämlich die behördliche Devise, mit der neuerdings den Männern eine polizeiliche Vorladung direkt nach Hause geschickt wird – ohne Rücksicht auf den „Trouble“, der dort blühen könnte. Eine Politik mit erzieherischem Zeigefinger und hohem moralischen Anspruch?

Es gibt gute Gründe dafür, dass man in Schweden nicht gewillt ist, Prostitution als Kavaliersdelikt zu werten. Denn das Sexgeschäft ist heute zu einem globalen Wirtschaftszweig geworden, in dem Gewalt, Menschenhandel und auch der Missbrauch von Kindern seit Ende der 1980er Jahre noch einmal enorm zugenommen haben. 5,5 Milliarden Euro Umsatz würden jährlich weltweit mit Kinderprostitution und -pornographie erzielt, so gab etwa auch das Kinderhilfswerk Terre des Hommes zum „Weltkindertag“ 2007 bekannt.

Mit seinem Film „Lilja 4-ever“ (2002) hat der schwedische Filmemacher Lukas Moodyson versucht, ein Bewusstsein zu wecken – für die Gewalt vor allem, die Frauen heute alltäglich im Kontext von Zwangsprostitution und Menschenhandel erfahren. Der Film erzählt die Geschichte der 16-jährigen Lilja, die über osteuropäische Grenzen geschleust und nach Schweden gebracht wird. Was sie dort erwartet, ist aber nicht das erträumte bessere Leben, mit dem Schlepper und Zuhälter lockten, sondern brutale sexuelle Ausbeutung Tag für Tag. Auch dieser tief erschütternde Film hat sicherlich dazu beigetragen, dass man in Schweden beim Thema „Sexhandel“ stets alarmiert reagiert.

Ob das schwedische Verbot nun aber ein Weg ist, um der Ausbeutung das Handwerk zu legen, darüber wird gestritten – auch in dem Land selbst. Zwar befürworten 80 Prozent der Schweden das Gesetz, das mittlerweile auch Wirkung zeigt: Aus dem öffentlichen Leben Stockholms ist der Straßenstrich jedenfalls so gut wie verschwunden. Und nach offiziellen Angaben soll es nur noch knapp über 100 Frauen geben, die im Gewerbe aktiv sind.

Andererseits: Wie Kritiker immer wieder auch anmerken, hat das „schwedische Modell“ nicht nur Erfolge zu feiern. So hat sich die Situation der Frauen, die nach wie vor auf dem Strich leben, wohl deutlich verschlechtert: Das Geschäft sei härter geworden, die Konkurrenz größer, und die Frauen selbst seien viel mehr als früher der Gefahr ausgesetzt, alles Mögliche mit sich machen zu lassen, um einen Freier nicht zu verprellen – so klagen schwedische Prostituierte heute.

Ein Problem haben die Skandinavier auch mit der Dunkelziffer. Auch sie ahnen: Mit dem Verbot hat sich inzwischen vieles, was man bekämpfen wollte, einfach nur verlagert – in verborgene Räume, den sogenannten „Untergrund“, etwa weg vom Straßenstrich und hin zum Internetgeschäft. „Prostitution soll am liebsten nicht sichtbar sein“, so kritisiert auch ein Protestschreiben, das betroffene Frauen kürzlich in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ veröffentlichten: „aber in dieser Verborgenheit profitieren Zuhälter und Menschenhändler; wir wollen diese loswerden.“

Eine Forderung, die nachdenklich stimmen muss: Hat die schwedische Politik sich etwa einen Pyrrhussieg beschert, wo sie Frauen aus der „Opferrolle“ herausholen wollte – und nun mit den „Tätern“ in einem Boot sitzend ins Abseits drängt? In Deutschland ist man dieser Überzeugung. Deshalb wurde hier auch ein anderer Weg gewählt, um mit der Käuflichkeit von Sex umzugehen. Seit 2001 ist Prostitution in Deutschland erlaubt und als Beruf auch anerkannt. Wer als Hure arbeitet, muss seitdem nicht mehr nur Steuern zahlen, sondern hat endlich auch Rechte, kann eine Sozialversicherung in Anspruch nehmen oder etwa auch vor Gericht klagen, wenn ein Freier nicht zahlen will. Oder besser gesagt: Theoretisch kann sie das.

Denn praktisch blendet natürlich auch das liberale Gesetz in Deutschland vieles aus – darunter vor allem Zahlen. Von den 1.500 Prostituierten, die in Frankfurt am Main aktiv seien, hätten nur wenige Papiere und Arbeitserlaubnis, so merkt etwa agisra e. V., eine Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen, an. Oder genauer: 95 Prozent der Frauen seien als „Arbeitsmigrantinnen“ nach wie vor „illegal“ auf dem Frankfurter Strich unterwegs, also rechtlos wie eh und je.

So oder so. Für das deutsche Gesetz hat man in Schweden keine Sympathien. Das hat natürlich auch mit der starken feministischen Tradition in unserem nördlichen Nachbarland zu tun. Damit konnte sich dort eine Sichtweise durchsetzen, die heute darauf pocht: dass Prostitution niemals und nirgends mit Freiwilligkeit etwas zu tun habe.

Nicht zuletzt im Vorfeld der Fußball-WM 2006 hat diese andere schwedische Sichtweise tiefe Gräben aufgerissen: Im eigenen Land zunächst, wo über einen möglichen Boykott der Weltmeisterschaft in Deutschland heftig diskutiert wurde. „Kommt schon, Zlatan, Henke Larsson und Fredrik Ljungberg! Ergreift die Chance und protestiert gegen den Sexhandel", appellierte die Boulevardzeitung „Aftonbladet" an die Moral der schwedischen Fußballheroen und forderte ein deutliches Zeichen für mehr Fairplay. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Begegnung von Mann und Frau. Und auch der schwedische Beauftragte für Gleichstellung, Claes Borgström, stimmte dem Boykott zu und erklärte: Man könne doch nicht an einer Veranstaltung teilnehmen, „die den Sklavenhandel fördert.“

Und in Deutschland? Ja, in Deutschland beschäftigte man sich unterdessen mit ganz anderen Fragen. Dort dachte man über sogenannte „Verrichtungsboxen“ nach: In Stadionnähe aufgestellt, sollten sie den erregten Fan zurück auf den Boden holen, mithilfe einer Art Stippvisite im Schnell-Bordell. „Business as usual“ – und ein handfester Kulturschock, vielleicht nicht nur für die Schweden damals.