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Verehrter Brecht … Ihre K.

Anlässlich des 50. Todestages von Berthold Brecht hat der Leipziger Verlag Faber & Faber eine einmalige Hommage an den großen deutschen Dramatiker veröffentlicht: Es sind Texte der Schauspielerin Käthe Reichel voller Poesie und Phantasie.

Von: Beatrix Altmann, Fotos: faberundfaber.de und SpreeTom via Wikipedia

vom 18.12.06

In einem Film zu Brechts Todestag wurde Käthe Reichel vor kurzem gefragt, ob das Gerücht stimme, dass der Dramatiker die Frauen in seiner Nähe ausgenutzt habe. Da hat sie nur schallend gelacht und richtig gestellt: „Wir. Wir haben ihn ausgenutzt!“

 

Die bedeutende und auf vielen Bühnen gefeierte Schauspielerin hat ihrem Lehr- und Theatermeister mit einer Sammlung sehr persönlicher Gedanken nun posthum gedankt: „Windbriefe an den Herrn b.b.“ nennt sie ihr Buch und begründet die Wahl des Titels folgendermaßen: „Da in der jetztigen Demokratie alles, wirklich alles in die pure Luft geschrieben ist, die sich deshalb auch Freiheit nennt, fand ich im Wind einen parteilosen Boten, der sich nicht fragen lässt, woher er kommt und wohin er verschwindet.“ Hier zeigt sich bereits die Sprachkraft der 80-Jährigen, die 1950 von Berthold Brecht an sein Haus, das Berliner Ensemble, geholt wurde. Die 45 fiktiven Briefe enthalten manch wundersame Erinnerungen an Brecht: wie er beispielsweise besitzloses Eigentum praktizierte – so schenkte er der Schauspielerin zum Geburtstag einen Aschenbecher, den er ein Jahr zuvor von ihr erhalten hatte und begründete dies mit den Worten: „Geb ich, was ich hab, nicht weiter, kann es mir doch nicht gefallen.“ Oder wie er sich im Restaurant zuerst über die zu kleine Portion beschwerte, die er als unbekannter Gast bekommen hatte und dann über die zu reichliche, die man ihm servierte, nachdem er als Prominenter erkannt worden war.

 

Der Künstler und geniale Geist, seine Umgebung, seine Eigenarten – all dies wurde von seiner Schülerin genau beobachtet und einstudiert. Die Autorin vermutet ihr Vorbild heute im „Limbus“, eine Art Vorort für Himmel oder auch Hölle, den Dante für seine „Göttliche Komödie“ erfunden hat. Das ist der vorübergehende Aufent­haltsort für kluge Freigeister, also müsse sich ihr Mentor dort ebenfalls aufhalten, lautet ihre liebevolle Schlussfolgerung.

 

Aber dies ist kein Buch über Brecht. Es ist eine reflektierte Sammlung von sehr persön­lichen Eindrücken und ein Zeugnis ungewöhnlicher Zivilcourage, wenn sie die amerikanischen „Freiheitskriege“ anprangert, deren Ungerechtigkeit sie nicht los lassen: „Es ist nicht nur ein kalter, sondern ein eiskalter Krieg des Kapitals gegen die Elenden der Welt, gegen einen ganzen Kontinent.“ Käthe Reichel hat alles andere als Luftnummern produziert. Sie hinterließ Briefe, die in den Wind gestreut wurden, um die Menschen wach zu rütteln.