Anderswo

Verhätschelter Nachwuchs?

Kinder seien heute so tyrannisch wie noch nie zuvor – und Schuld hätten die Eltern. So oder so ähnlich lauten Botschaften, mit denen einige Erziehungsratgeber in letzter Zeit schon Alarm schlagen: In den Kinderzimmern hierzulande tobe der Ungehorsam und das Wertechaos! Doch was ist eigentlich dran an dem Verdacht, dass die Kleinen uns Erwachsenen nur noch auf der Nase herumtanzen?

Kinder seien heute nicht mehr in der Lage, zwischen einem Stuhl und der Oma, die auf ihm sitzt, zu unterscheiden. Und sie hätten kaum Bedenken, beide in gleicher Weise herumzuschubsen. Eine starke These, mit der Michael Winterhoff sich derzeit auch viel Gehör verschafft: Der Jugendpsychologe hat Bücher wie „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ geschrieben und damit Bestsellerlisten erobert. 

Dabei beschwört der Autor eine neue Erziehungsnot, die in Deutschland immer mehr um sich greife: Eltern würden zunehmend darin versagen, ihren Kindern deutliche Grenzen zu setzen, um ihnen Werte und Orientierung im Leben zu vermitteln. Und sie neigten ständig dazu, das Kind als einen Partner auf Augenhöhe zu sehen – und ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, um sich Zuneigung zu sichern. Mit schlimmen Folgen, wie der Kindertherapeut meint: 

Denn keine Generation zuvor wäre bisher so selbstbezogen und unwillig zu Leistung und Anpassung gewesen wie die nun gerade heranwachsende. Diese schere sich kaum noch um das, was Erwachsene von ihr erwarteten. „Ich befürchte, dass wir eine Gesellschaft bekommen mit immer mehr jungen Heranwachsenden, die nicht lebenstüchtig sind“, warnt Michael Winterhoff sogar in Interviews. Apokalypse bald? 

Nun, die Probleme, um die es hier geht, beobachten durchaus auch andere Erziehungsexperten – allerdings mit teilweise ganz anderen Schlussfolgerungen. Dass viele Eltern verunsichert sind, weil sie heftige Konflikte mit ihrem Nachwuchs auszutragen haben, ist auch dem Familientherapeuten Wolfgang Bergmann bekannt. Doch seiner Meinung nach sind diese Probleme nicht Folge einer zu laschen Erziehungskultur – sondern einer Zeit, in der viele Faktoren zusammenspielen und zu einer Überforderung im Familienleben führen.  

Diese unter die Lupe genommen hat nun auch ein Artikel im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, in dem ein Journalist einfach mal nachfragt: „Woher wissen eigentlich alle so genau, dass Kinder immer schlimmer werden?“ Was wie ein Versuch klingt, Probleme gar nicht erst gelten zu lassen, entpuppt sich beim genaueren Lesen als gewitzter und zugleich gescheiter Zwischenruf aus Elternsicht, sozusagen mitten hinein in die laufende Erziehungskontroverse der Fachleute. 

Das ist nicht zuletzt lesenswert, weil Eltern heute nicht nur von bockigen Kindern gestresst werden. Sondern auch von überschlauen Super Nannys und jeder Menge Besserwisserbüchern aus der Ratgeberecke. Kann es sein, dass in unserer alternden Gesellschaft „hysterische Erziehungsdiskussionen“ einfach doch viel lauter toben dürfen – als unsere Kinder selbst? 

 

Wenn Sie lesen möchten, was der Journalist Rainer Stadler im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hierzu schreibt, klicken Sie einfach hierhin und auf den Artikel „Schluss jetzt, es reicht!“.