Fürs Auge

Verkehrte Welten

Vorsicht Falle! Die Bilderwelten des Fotografen Frank Kunert spielen mit unserer Wahrnehmung und mit dem Wort-Sinn in unserer Sprache – mit feinsinniger Komik und manchmal ins Schwarze tendierendem Humor.

Was man unbedingt können muss, wenn man Fotograf sein möchte? Frank Kunert meint, es sei wichtig, dass man vor dem Fotografieren daran denkt, den Deckel vom Objektiv zu nehmen. Eine Antwort, die einleuchtet. Und die wenig überrascht, wenn man Frank Kunerts Arbeiten kennt. Denn auch in diesen ist dieser Sinn - für das Naheliegende und Greifbare – zu entdecken. Und ein vergnüglicher Sinn für Nonsens natürlich auch und nicht zu vergessen. Oder sollte man besser sagen: für die absurden Seiten des gänzlich Banalen? So wie hier: Ein erfrischender Pool, der zum Eintauchen einlädt – aber bevor man springt, sollte man doch lieber ein zweites Mal hinschauen...!

 

 

Es sind nämlich meist sehr alltägliche Dinge, Situationen und Motive, die Frank Kunert mit seiner Kamera ablichtet. Auf den ersten Blick wirkt da vieles vertraut, aber eben nur auf den ersten. Beim zweiten Hinsehen merkt man dagegen: Irgendetwas stimmt hier nicht. Irgendetwas ist hier anders, als es sein sollte und Sinn machen würde.

 

„Sonnenseite“ lautet der Titel eines Werkes, das einen Balkon zeigt, auf dem man sicher gut sich aufhalten könnte. Mit einer Einschränkung vielleicht: Wer auf diesen Balkon tritt, sollte nicht nur ans Sonnenbaden denken, sondern obendrein auch noch hoffen, dass kein Zug kommt. Denn Schienen laufen direkt unter dem Balkon durch.

 

 

Ein anderes Foto hat den Titel „Kinder!“ Und auch bei diesem wird der Blick des Betrachters schnell irritiert. Dass ein amtliches Schild vor spielenden Kindern im Straßenverkehr warnt, scheint vernünftig. Weitaus weniger nachvollziehbar aber ist der Ort, an dem dieses Schild aufgestellt ist: nämlich an einer Betonwand, von der herab eine Rutsche führt, und zwar direkt auf die Fahrbahn selbst. Rabenschwarzer Humor? Frank Kunerts Bilderwelten funktionieren vielschichtiger als so und wollen mehr als bloße Satire. Zu deuten aber sind sie kaum. „Eltern lieben ihre Kinder. Eltern stöhnen über ihre Kinder. In dieser Gemütslage kommt die Rutsche ins Spiel“, sagt der Künstler. Und Eltern hätten angeblich ein besonderes Faible für dieses Motiv.

 

 

Es sind aber nicht nur diese tieferen Ebenen, die so reizvoll sind. Ebenen, auf denen es um Ängste und Sehnsüchte, um Geborgenheit und Trugbilder einer solchen geht. Frank Kunerts visuelle Verwirr- und Täuschungsmanöver sind auch spannende Spiele mit unserer Wahrnehmung und ihrer Abnutzung: Sind wir nicht doch ganz erstaunlich darauf getrimmt, ja nicht abzukommen – von den ausgetretenen Pfaden unserer Sprache und auch Vorstellungskraft? Vertrauen wir nicht doch oft und blind auf so manche Worthülse viel lieber, als dass wir uns die skurrilen Bedeutungen klar machen, die da mitschwingen? „Bad in der Menge“ heißt eine der dreidimensionalen Miniaturen, mit denen Frank Kunert einfach mal Phantasien belebt und nachhakt: Was steckt hinter der Redewendung, die doch eigentlich auf Euphorie und Abenteuer hindeutet? Und was kommt zum Vorschein, wenn man die Wendung beim Wort nimmt – und eine ganz greifbare visuelle Umsetzung für sie sucht?

 

 

Es sind zum Teil ganz verblüffende Eindrücke, die bei diesen Wort- und Gedankenspielen entstehen. Und Frank Kunert verweist gerne darauf, wie diese entstehen. Allen digitalen Möglichkeiten zum Trotz nämlich nicht durch Fotomontage oder auch Bearbeitungen am Computer, sondern indem der Künstler auf die „good old school“ des Handwerks und den „analogen Look“ setzt. Kunert geht meist von einer zündenden Bildidee aus, bastelt dann in leidenschaftlicher Kleinstarbeit an Modellen und verwendet dabei Materialen, die auch Architekten für ihre Modellbauten verwenden, Pappe und Schaumstoffplatten vor allem. Dabei heraus kommen Anordnungen und Inszenierungen, für die der Fotograf dann zur Großbildkamera greift. Aber natürlich: Vor dem Ablichten kommt stets noch ein Griff – zum Deckel des Objektivs, versteht sich.

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Bildtitel:

1. „Klapperstorch beim Füttern“
2. „Im Rausch der Tiefe“
3. „Sonnenseite“
4. „Kinder!“
5. „Bad in der Menge“