Fürs Auge

Verschwundene Berufe

Das „Fräulein vom Amt“ kennt man noch – aber was genau eine Kaltmamsell oder ein Drahtzieher sind, ist längst vergessen. Der Fotoband „Die verschwundene Arbeit“ zeigt Bilder einer Berufswelt von einst.

Die junge Frau vom Amt, die das Telefonat vermittelt: „Einen Augenblick bitte, ich verbinde!“ An ihre Arbeit vor dem Steckkasten erinnert man sich noch gut. Doch viele andere Berufe, die vor rund 100 Jahren ebenso weit verbreitet waren, sind längst nicht mehr so gegenwärtig. Dass eine Putzmacherin schöne Hüte zaubert (und nicht Fußböden schrubbt), mag noch geläufig sein. Wer aber weiß schon, was eine Kaltmamsell so macht? Oder was bitte ist ein Drahtzieher – wenn er eigentlich nicht das macht, was unser Sprachgebrauch ihm heute andichtet: dunkle Geschäfte? 

Sarah Jost und Gabriela Wachter, Herausgeberinnen des Buches „Die verschwundene Arbeit“, haben in Berliner Archiven gestöbert und sind dort auf unzählige Fotografien gestoßen, die zeigen: Unser Fortschritt hat vieles verdrängt, was einst noch an Handgriffen und handwerklichem Geschick das Arbeitsleben prägte. Schade um die vielfältigen Berufsbilder, die hier nun verloren gingen? Nicht nur, denn um manche Tätigkeit, die wir heute nicht mehr kennen, ist es natürlich auch gar nicht schade. Schließlich war nicht alles nur handgekonntes Zuckerschlecken damals – manches war auch einfach harte Arbeit inmitten von sehr viel Dreck. 

Auch der ist auf den Aufnahmen, die Sarah Jost und Gabriela Wachter zusammengestellt haben, zu entdecken. Wobei viele der Fotos, die hier zu sehen sind, aus privatem Besitz stammen und teilweise zum ersten Mal öffentlich gemacht werden – darunter auch der eine oder andere Schnappschuss:

 



Etwa das Bild eines Dienstmädchens, das um 1905 herum auf einer Straße irgendwo in Berlin unterwegs ist: Offensichtlich soll die junge Frau noch flott den Einkauf erledigen, sie hat Tasche und Korb dabei. Und Rollschuhe an den Füßen! Geht doch schneller?
  
Neben so ungewöhnlichen Momenten wie diesem bietet das Buch aber auch wunderbare Einblicke in ganz andere Ecken und Winkel der Berufswelt im letzten Jahrhundert. Gezeigt wird hier die Heimarbeit, mit der sich viele Frauen ein Zubrot erwarben neben der Arbeit in den großen Fabrikhallen, den kleinen Hinterhofwerkstätten oder modernen Großraumbüros der Zeit. In einem solchen saß im Grunde auch das „Fräulein vom Amt“ – gut verkabelt, aber bestimmt nicht immer so gut gelaunt wie in dem Augenblick, in dem sie gerade in die Kamera blickte.