Wissenswertes

Vom Recht zu schweigen

Wer ein Geheimnis hat, macht sich verdächtig - wer Geheimnisse ausplaudert, macht sich unbeliebt. Einfach ist es mit dem Thema wahrlich nicht.

Es ist jeweils nur ein feiner Grad zwischen ein Geheimnis haben, unehrlich sein und lügen. Und in allen Fällen gleich mit der moralischen Keule zu schwingen, wäre nicht richtig. Das lernen wir, wenn wir Ursula Nubers neuestes Buch lesen, die mit einem alten Vorurteil gründlich aufräumt – dem, dass Geheimniskrämerei schlecht ist. Also, misten wir mal aus.

 

Da wird eine heimliche Abtreibung verschwiegen, die ungewollte Kinderlosigkeit verheimlicht, Essstörungen oder die Alkoholsucht des Partners vertuscht. Es gibt in vielen Familien Geheimnisse, die nicht nach außen dringen dürfen – wie bspw. das uneheliche, zur Adoption freigegebene Kind der Tante oder die Betrügereien vom Großvater. Doch Geheimnisse sind nicht nur groß und dunkel. Viel häufiger sind kleine Unwahrheiten bzw. gibt es Unausgesprochenes, das man lieber für sich behält: Wie z. B. dass man die Freunde des Partners nicht mag. Oder dass man Angst vor einer bestimmten Situation hat. Sehr häufig finden Geheimnisse innerhalb der Partnerschaft statt. Und gerade da gibt es die größte Aufräumarbeit. Weil hier die größten Konflikte angelegt sind und man ein bewusstes Verschweigen von Details dem Partner gegenüber gerne als Vertrauensbruch auslegt.

 

Doch müssen wir wirklich immer alles offenlegen? Jede Beziehung braucht Freiräume – und dazu gehören auch Geheimnisse. Viele Paare begingen den Fehler, sich gegenseitig „grenzenlose Einblicke in ihr Leben zu gewähren, in der Hoffnung, dadurch echte Intimität zu erleben“, erklärt die Psychologin Ursula Nuber. Tatsache aber ist, dass dies nicht wirkliche Nähe herstellen kann, sondern möglicherweise sogar Gift für eine Partnerschaft ist. Ohne Abgrenzung und ohne Geheimnisse bleibt kein Raum für ein unabhängiges Selbst oder eigene Träume. Wer sich keinen Freiraum eingesteht, der dem anderen nicht zugänglich ist, riskiert nicht nur Langeweile und Lustlosigkeit, sondern auch dass ihn „ein übermächtiges Wir“ dominiert.

 

Ein Freibrief für Lügen, Seitensprünge und Doppelleben ist Ursula Nubers neues Buch – natürlich – nicht. Ihr wichtigster Ratschlag lautet: Nur wer mit einem Geheimnis wirklich leben kann, sollte ein solches haben. Denn manche sind damit und einem schlechten Gewissen schlicht überfordert. Im Kern jedoch geht das Buch gründlich und wohltuend mit der verbreiteten Ansicht ins Gericht, dass Ehrlichkeit und Offenheit immer die einzig korrekte Verhaltensweise sei und über allem stehe.

 

In Zeiten von Online-Durchsuchungen, allgegenwärtigen Überwachungskameras sowie der Technik, die uns über unser eingeschaltetes Handy jederzeit orten lässt, gibt es weniger Rückzugsorte denn je. Vielleicht ist es deshalb um so wichtiger, uns dafür zu sensibilisieren, unsere Schutzräume einzurichten, in denen wir uns unbeobachtet fühlen und selbst entwickeln können. Wie sagt Ursula Nuber so treffend: „Vieles, was wir verschweigen, ist von großer Bedeutung für unsere Entwicklung, unsere Autonomie und unser Selbstbestimmungsrecht. Wenn wir nichts für uns behalten dürften und könnten, wären wir anderen, ihren Vorstellungen, Manipulationen, Wünschen und Bedürfnissen schutzlos ausgeliefert. Wenn andere in uns lesen könnten wie in einem offenen Buch, dann könnten wir keine Gefühlsregung, keinen Wunsch, keinen Plan vor fremder Neugierde schützen. (...) Geheimnisse schützen unseren Lebensraum vor dem Zutritt Unbefugter, und sie dienen uns auch als soziales Schmiermittel. Das soziale Miteinander würde nicht mehr funktionieren, wenn es keine Geheimnisse geben dürfte. Die absolute Wahrheit wäre unerträglich.“

 

Nein, hier wird nicht schön geredet, weil es so hübsch bequem ist, nicht die Wahrheit sagen zu müssen. Nuber gibt klare Hinweise, wann Geheimnisse destruktiv und dunkel sind und somit aufgedeckt werden müssen. Zum Beispel wenn man selbst (oder andere) aufgrund des Geheimisses ständig niedergeschlagen ist oder sich gar krank fühlt. Oder wenn die Geheimniskrämerei so viel Energie kostet, dass eine ungestörte Kommunikation zu wichtigen Menschen nicht mehr möglich ist. Hier ist eine Enthüllung nötig, um weiteren Schaden zu vermeiden.

 

Wohl gemerkt, es geht hier nicht um Geheimnisse, die bei den Betroffenen Schlimmes anrichten, sondern mehr um die sogenannten „weißen“ Geheimnisse, die sogar lebenswichtig sein können. Das beginnt mit kleineren Dingen, bei denen wir lieber den Mund halten - beispielsweise wenn man sich über Verhaltensweisen des anderen ärgert, gleichzeitig aber genau weiß, dass dieser nicht über seinen Schatten springen kann. Das betrifft aber durchaus auch gewichtigere Dinge, wie zum Beispiel den einmaligen Seitensprung, den wir selbst bereuen. Lügen dürfen wir, so schreibt Nuber, „wenn die Wahrheit einen anderen Menschen unnötig verletzen würde oder wenn wir der Meinung sind, dass eine andere Person kein Recht auf unsere Ehrlichkeit hat. Lügen aus Rücksichtnahme, Lügen aus Selbsterhaltung und Lügen aus Selbstschutz sind notwendig und nützlich.“ Wobei Ursula Nuber offen bekennt, dass die Geheimnisopfer - die sich belogen und betrogen vorkommen - etwas zu kurz kommen in ihrem Buch. Nicht aber, weil ihre Seite weniger Gewicht hat, sondern weil es Nubers Anliegen war, auf die positiven, hilfreichen Aspekte von Geheimhaltung hinzuweisen.

 

Die meisten von uns tun sich mit Unwahrheit ohnehin schwer. In manchen Fällen unnötig schwer. Gerade Frauen, die laut Nuber allzu gerne und offenherzig vor anderen ihr Innerstes, ihre Gedanken und Gefühle ausbreiten, könnten lernen, „dass weniger Offenheit mehr Unabhängigkeit bedeutet“ sowie „Freiräume, in denen sie ihre Balance wiederfinden, Pläne entwickeln und Ziele verwirklichen können.“

 

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"Lass mir mein Geheimnis!" von Ursula Nuber, Campus Verlag