Wissenswertes

Von der Banalität des Bösen - Das Milgram-Experiment

Nach dem Zweiten Weltkrieg fragte sich die Welt, wie ein ganzes Volk fast geschlossen dem Nationalsozialismus verfallen konnte, wobei nicht nur die Machthaber, sondern auch der "kleine Mann" zu einer menschenverachtenden Brutalität gegenüber Minderheiten in der Lage waren. Deshalb wurde damals die "Germans are different"- Hypothese aufgestellt.

Von: Michaela Tadjesch, Fotos: photocase.com, Johannes Schwaderer

vom 09.03.07

Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland - Die Welt ist zu Gast bei Freunden, die ein kollektives Trauma überwunden haben. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wird gerne Flagge gezeigt. Der Gastgeber gibt sich weltoffen, gastfreundlich und tolerant.
 

Ganz anders war die Situation noch bis vor kurzem. Selbst Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg saß der Schock tief. Die Welt und die eigenen Kinder klagten an: Wie konnte das Massenphänomen Nationalsozialismus entstehen? Warum habt ihr da mitgemacht?

Aus der internationalen Fassungslosigkeit heraus entstand die Hypothese, dass Deutsche einen besonders obrigkeitshörigen Charakter haben, und deshalb leicht von autoritären Führern für deren Zweck eingespannt werden können. Ein bahnbrechendes sozialpsychologisches Experiment des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram im Jahre 1962 ließ diese Annahme schnell in den Hintergrund rücken und zeigte, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen überraschend "böse" sein können. Milgram wollte wissen, wie weit der Gehorsam durchschnittlicher Menschen geht, wenn sie von einer Autorität aufgefordert werden, wider ihre Moral zu handeln.
 

Das Experiment unter Laborbedingungen

Milgram suchte seine Probanden über eine Anzeige in der Tageszeitung von New Haven. Das Experiment lief folgendermaßen ab: Zwei Versuchspersonen trafen in einem Labor der Yale Universität auf einen Versuchsleiter. Eine der vermeintlichen Versuchspersonen war ein Schauspieler, der mit dem Versuchsleiter zusammenarbeitete. Der echte Proband glaubte, an einem Experiment zum Einfluss von Strafe auf den Lernerfolg teilzunehmen.

 

Zuerst wurde den beiden Versuchspersonen scheinbar zufällig jeweils die Rolle des "Lehrers" oder des "Schülers" zugeordnet. Der echte Proband war immer der "Lehrer", der die Aufgabe hatte, den "Schüler" mit Elektroschocks zu strafen, wenn dieser bei einer Aufgabe einen Fehler machte. Dabei wurde die Spannung bei jedem Fehler um 15 Volt bis maximal 450 Volt erhöht. Es gab mehrere Varianten dieses Versuchs, bei der hier beschriebenen konnte der "Lehrer" den "Schüler" nicht sehen, aber hören. In Wirklichkeit erhielt der "Schüler" keine elektrischen Schläge, sondern reagierte, wie abgesprochen, mit leichten Schmerzäußerungen, lauten Schmerzensschreien, dem Wunsch, das Experiment abzubrechen oder überhaupt nicht mehr. Wollte der "Lehrer" daraufhin das Experiment abbrechen, wurde er vom Versuchsleiter dazu aufgefordert, mit dem Experiment fortzufahren. Dabei verwendete der Versuchsleiter standardisierte Sätze, die von Mal zu Mal autoritärer und mit neutraler Stimme vorgetragen wurden ("Bitte, fahren Sie fort!", "Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen!", "Sie müssen unbedingt weitermachen!", "Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!").

Obwohl viele der Versuchspersonen als "Lehrer" sichtlich litten und mit ihrem Gewissen rangen, waren bei der hier dargestellten Versuchsvariante 62,5 % der Probanden bereit, den "Schüler"; mit einem elektrischen Schlag der maximalen Stärke 450 Volt zu bestrafen. Kein "Lehrer" brach das Experiment vor der 300-Volt-Grenze ab. Das Milgram-Experiment wurde mehrfach in leicht unterschiedlichen Varianten wiederholt, aber das Hauptergebnis blieb gleich.

Das zeigt uns unmissverständlich: Wenn Autorität im Spiel ist, sind die meisten Menschen bereit, weit über die Grenzen hinauszugehen, die ihnen ihr Gewissen steckt. Interessanterweise waren sie es umso mehr, wenn es einen zweiten "Lehrer" gab, der ihre Verantwortung gewissermaßen teilte (sog. Verantwortungsdiffusion). Die erschreckende Erkenntnis aus dem Milgram-Experiment ist also, dass Menschen unter dem Einfluss einer Autorität deutlich "böser" sein können als ihre eigenen Moralvorstellungen es hätten vermuten lassen.

 
Ein ähnlicher Versuch - der zudem Vorlage für den deutschen Kinofilm „Das Experiment“von Oliver Hirschbiegel war - fand 1971 an der Stanford-Universität statt: Zwölf Freiwillige begaben sich als Häftlinge in ein künstliches Gefängnis, das von acht weiteren Versuchpersonen bewacht wurde. Die „Wächter“wurden angewiesen, die Gefangenen unter Kontrolle zu halten und für Disziplin und Ordnung zu sorgen. Sowohl die „Gefängniswärter“ als auch die „Gefangenen“ identifizierten sich mit ihren Rollen stärker als erwartet. Die „Wärter“ misshandelten und demütigten die „Gefangenen“. Weil die Situation eskalierte, musste der Test nach sieben Tagen abgebrochen werden. Das Experiment und der Film halten uns einen Spiegel vor, wie wir zur „Bestie Mensch“ verkommen, wenn übertriebenes Pflichtbewußtsein und Autoritätsgehorsam mit derart gnadenloser Konsequenz durchgesetzt werden. Es ist eine Warnung, wozu wir alle in der Lage sind, wenn ein Umfeld geschaffen wird, das Misshandlungen legitimiert und unterstützt.

 


Im Übrigen würden wegen der dem Probanden zugefügten Gewissensqual Versuche wie das Milgram-Experiment heute nicht mehr den Segen einer universitären Ethikkommissionen erhalten. Die meisten Teilnehmer des Milgram-Experimentes gaben bei einer Nachbefragung an, die Teilnahme an dem Experiment nicht bereut zu haben und in Zukunft weniger gehorsam und misstrauischer gegenüber Autoritätspersonen sein zu wollen.

 

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Quellen: Milgram, S. (1963). Behavioral study of obedience. Journal of abnormal and social psychology. 67. 371-378.