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Wahr und gut und schön

Vom Spargelacker zur Flittchenbar: Christiane Rösinger ist eigentlich Musikerin und wurde als Front-Frau der Berliner Band Britta bekannt. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht: In „Das schöne Leben“ beschreibt die Autorin das Lebensgefühl einer Generation, die auszog, um in Berlin-Kreuzberg das „Durchwurschteln“ zu lernen.

Im Klappentext des autobiografischen Romans „Das schöne Leben“ wird Rocko Schamoni mit der Aussage zitiert, bei Christiane Rösinger seien die Worte zu Hause. Damit deutet Tausendsassa Schamoni ganz nebenher an, dass die Worte auch an seiner Türe nicht achtlos vorübergehen. Doch er hat mit dieser Aussage auch schlicht und ergreifend recht.

Ihre eigene Vita fasst die Musikerin, Journalistin und Schriftstellerin Christiane Rösinger selbst so zusammen: „Aufgewachsen im Badischen, Grundschule, Realschule, Kind gekriegt, Buchhändlerlehre, Lehre abgebrochen, Abendgymnasium, in Berlin studiert, Fischbüro, Ex und Pop, Lassie Singers, Britta, Flittchenbar“. Wem das jetzt zu schnell ging und wer nach dem Wort „studiert“ nicht mehr viel verstanden hat, dem sei die Lektüre des Buches wärmstens empfohlen. Allen anderen sowieso auch. Hier nur so viel zur Erläuterung: Die Lassie Singers und Britta waren bzw. sind die Bandprojekte, in denen Rösinger als Songschreiberin, Sängerin und Gitarristin mitwirkte – beide von Kollegen und Kritikern hoch gelobt, aber ohne nennenswerten kommerziellen Erfolg.

In ihrem Buch schreibt Christiane Rösinger über das Leben auf Tour und die Posttourdepression, über weihnachtliche Besuche im Elternhaus und die darauf folgende alljährliche Panik angesichts der bangen Frage „Wohin Silvester?“ Aber man erfährt auch etwas über Kreuzberg aus der Perspektive des Dorfmenschen und über die besondere Bedeutung der Linzer Torte im Badischen. Und sie schreibt immer wieder über ausgiebigen Drogen- und Alkoholkonsum („Champagner-Vergiftung“). Über ihren Weg vom Spargelacker zu den kargen Behausungen der analogen oder digitalen Boheme. Sie tut das alles  gänzlich unromantisch und ohne jede Verklärung, aber auch nicht mit der Verbitterung einer nachtretenden Renegatin, sondern mit viel heiterer Melancholie und spröder Leichtigkeit, Selbstironie und Liebe zum Detail und zu geschilderten Weggefährt(inn)en. Und sie setzt sich dabei auch mit unpopulären Themen auseinander, die viele wohl lieber auf nach dem Abwasch verschieben: Wie kriegen wir es eigentlich hin, in Würde zu altern? Und: „Ist das noch Boheme oder schon Unterschicht?

Die Musikerin Christiane Rösinger teilt sich große Schnittmengen mit Ton Steine Scherben ebenso wie mit jenen Bands und Musikern, die man in den neunziger Jahren gern als „Hamburger Schule“ bezeichnete.

Die Romanautorin wiederum erinnert mit ihrem essayistischen Stil bisweilen an den gut aufgelegten Max Goldt. Für eine musikalische und literarische Standortbestimmung gibt es in Deutschland kaum bessere Adressen als diese – in einer Straße, die weder mondän ist noch sonderlich hip. Hier, irgendwo zwischen Telecafé, türkischem Bäcker und Schlecker hat – so stellt man sich das gerne vor – die Autorin eine kleine leerstehende Ladenwohnung bezogen. Hier ist sie zu Hause und die Worte mit ihr. Und wenn wir Glück haben, schreiben sie gerade zusammen an ihrem nächsten Buch.