Weibchenschema

Waldmädli – ein vergessener Beruf

Die Frau auf dem alten Fünfzig-Pfennig-Stück kniet und hält eine junge Eiche in den Händen. Sie war keine Berühmtheit, keine Literatin, keine Politikerin oder große Künstlerin, auch kein mystisches Symbol biederen deutschen Frauentums, wie man denken könnte.

Nein, es hat sie wirklich gegeben, hunderte, tausende von ihnen. “Pflanzfrauen“ wurden sie genannt, in Bayern: „Waldmädli“ und ihnen ist es zu einem nicht unbeträchtlichen Teil zu verdanken, dass die deutschen Wälder nach den beiden Weltkriegen rasch wieder aufgeforstet werden konnten. Das war auch bitter nötig, denn besonders nach dem Zweiten Weltkrieg war der Wald in schlechtem Zustand: Schädlinge, Kahlschläge in der Nazizeit und in den kalten Hungerjahren hatten ihm zugesetzt, zum Wiederaufbau wurde Holz benötigt, und die französischen und englischen Sieger entnahmen noch einmal viel zu viele Bäume als Teil der Reparationsforderungen.

Im Walderlebniszentrum des Gramschatzer Waldes bei Würzburg habe ich zwei der ehemaligen Waldmädli getroffen: Renate Schraut, eine schlanke, energische Endsiebzigerin, und ihre Freundin aus Kindertagen, Lotte Metzger, klein, rund und quirlig. Angefangen haben sie mit 14, erinnert sich Renate Schraut:
„Wir sind aus der Schule rausgekommen, Lehrstelle war schlecht, da hast du ja nix gekriegt, ich hatte mich als Näherin beworben, aber: du bist halt nicht genommen worden, gel? Geld wolltest du verdienen, dann hat’s geheißen: die suchen Mädchen im Wald. Und da hab ich gesagt: sofort!“ 

50 Pfennige pro Stunde gab es – damals ein schöner Verdienst. Ihre Mutter hat für die gleiche Arbeit noch 16 Pfennige bekommen. Um sieben ging es los. Im Frühjahr wurden tausende einjähriger Bäumchen eingepflanzt und dann den Sommer über gepflegt.

„Wir mussten halt erst die Riefen machen, dass man die Pflanzen hat setzen können“, erklärt Lotte Metzger. „Riefen“ ist fränkischer Dialekt, Pflanzgräben ausheben, heißt das. „Das Riefen war wirklich schwere Arbeit! Die Erde rumdrehen und da wo dann sauberer Boden war, da rein sind die Pflanzen gesetzt worden. Und auf den Riefen ist nachher das Gras drauf gelegt worden – dass die Pflanzen schön haben wachsen können.“ Mulchen nennt man das heute. Von Juni bis September musste gegossen und die Setzlinge von Unkraut frei gehalten werden, mit Hand und Sichel. Renate Schraut fasst sich ins Kreuz, aber sie lacht dabei. Im Herbst wurde dann gegen Wildverbiss geteert: „Wir haben so Eimerli gehabt und dann hat man da eine Bürste eingetaucht und so an den Pflanzenspitzen hochgestrippst. Denn wenn das Wild den jungen Bäumen die Krone abbeißt, dann ist es aus! Das hat jämmerlich gestunken. Aber das hat das Wild schon abgehalten.“


Und was haben sie mit dem verdienten Geld angefangen?„Ich hab damals meinen ersten Staubsauger, Bettwäsche, Aussteuer angeschafft, heute machst du das nimmer, ne?“, sagt Renate Schraut, und Lotte Metzger erinnert sich stolz an ihr erstes eigenes Fahrrad: „250 Mark hat das gekostet, und da musste ich fest sparen. Weil meine Eltern haben nicht viel gehabt, das waren kleine Landwirte, bin ich halt arbeiten gegangen im Wald.“

Eichen haben die Waldmädli gepflanzt, so wie auf dem Fünfzig-Pfennig-Stück, aber auch viel schnell wachsende Fichten, die sich gerade als Verlierer des Klimawandels erweisen. Auch von den Monokulturen ist man inzwischen abgekommen und lässt stattdessen lieber wachsen, was natürlich aus Eichel, Ecker und Samen von allein austreibt. Das dauert länger, ist aber nachhaltiger. Nachhaltigkeit - das ist ein Begriff, den die Waldmädli zu ihrer Zeit noch nicht gehört haben. Und auch dass man heute soviel Holz einfach liegen und verrotten lässt, daran können sie sich schwer gewöhnen:
„Wüst“ sähe das aus, „wüst!“, ruft Renate Schraut. „Wo die Flüchtlinge gekommen sind, die sind täglich mit dem Handwagen in den Wald gefahren und haben die dünnsten Ästli zusammen gesammelt. Da war der Wald wie geleckt. Da war kein Steckele da gelegen, ne!“ 

Sieht man alte Bilder der Waldnutzung vom Anfang des letzten Jahrhunderts, da ist der Waldboden tatsächlich so ordentlich wie ein Schrebergarten. Für den Wald war das nicht gut, aber das wusste man noch nicht. Auch dass man einmal ein „Walderlebniszentrum“ brauchen wird, um den Kindern die Natur wieder zu erklären, davon war in den 1950er Jahren noch nichts zu ahnen.

Heute ist der Gramschatzer Wald bei Würzburg wieder ein gesunder Mischwald mit Buchen, Eichen, Erlen, Linden, dazu ein paar Tannen und Kiefern und seltene Wildobstbäume. Anders als früher lassen die Förster auch hier und da mal einen dicken, alten Baum stehen als Wald-Hochhaus. Wie viele dieser Bäume sie gesetzt haben, das können die beiden Frauen nicht einmal schätzen. Aber wenn sie im Wald spazieren gehen, dann treffen sie immer noch alte Bekannte: (Metzger) „Ich gehe öfters mal hin und schau mir an, was draus geworden ist. Mit meinem Mann oder mit den Kindern habe ich mir das schon angeguckt, das sind Bäume, wo wir gepflanzt haben, da bist du stolz!“

Spaß hat es gemacht, das Arbeiten im Freien und in so einer Frauengruppe, man hat „geratscht“ (geklatscht) und in der Mittagspause im Halbschatten gesessen. Die Jüngsten seien sie gewesen, und sie erinnern sich, dass sie doch häufiger mal angetrieben worden sind: (Metzger) „Hat immer geheißen: hopp, hopp! Weil wenn du noch nie geschafft hast – du kommst aus der Schule raus und plötzlich musst du jetzt da ordentlich ran, ne? Unser Geld haben wir schon verdient, aber du hast auch mal ein wenig eine Lumperei gemacht. So, jetzt müsst ihr wieder schaff!“ Die Ermahnung einer Klosterschwester fällt den beiden Frauen wieder ein, von der sie einen Sommer lang beaufsichtigt wurden: (Schraut) „Wenn man nicht betet, bekommt man später einen Lumpen als Mann, hat sie immer gesagt. Aber ich hab keinen Lumpen gekriegt.“

 

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