Männerecke

Wann ist man(n) ein Mann? Zur Krise der Männlichkeit

Von: Bärbel Kerber, Foto: photocase.com

vom 21.07.06

Es wird viel geredet über die angebliche Identitätskrise der Männer. Seit die Frauen immer tonangebender werden, seither sucht mancher Mann unsicher, welche Rolle für ihn denn nun übrig bleibt. Wie schon Lothar Matthäus so unvergleichlich scharfsinnig analysierte „Die Frauen haben sich entwickelt in den letzten Jahren. Sie stehen nicht mehr zufrieden am Herd, waschen Wäsche und passen aufs Kind auf. Männer müssen das akzeptieren.“  Die moderne Frau von heute braucht den Mann nicht wirklich mehr als Beschützer, noch als Versorger, und sogar als Erzeuger ist er angesichts moderner Fortpflanzungsmedizin streng genommen überflüssig.

 

Was also ist gewünscht?  Wie sollen sich Männer denn nun bitteschön verhalten? Dürfen sie noch ein wenig Macho sein - oder vielleicht sollen sie gar? Warmduscher sind längst passe, das ist bekannt. Also, von allem ein bisschen? Wer kennt sich da schon aus. Und zu allem Überfluss ist gerade mächtig in Mode, sich über Männer lustig zu machen und Frauen aufs Podest zu heben. Am lautesten wird momentan über Witze gelacht, in denen der Mann als Volldepp dargestellt wird, der nicht kapiert, dass die Frau neben ihm die Stärkere ist. Aufbauend ist das nicht.

 

Ist ja auch wirklich dämlich. Alle hacken auf ihnen herum. Ständig werden Männer mit neuen Forderungen konfrontiert: Erst sollten sie den Verständisvollen mimen, der übereifrig den Müll rausträgt, perfekt den Babypo pudert und seine Partnerin nie bedrängt, dafür mit ihr immer und über alles redet. Dann, als das Modell „Weichei“ auf dem Kompost landete, war der Metrosexuelle gefragt: Typ „David Beckham“ mit rasiertem Oberkörper, Waschbrettbauch und gecremtem, getuntem Äußeren –  will heißen: ein bisschen nicht Muh und nicht Mäh .

 

Ja, den Frauen kann’s einer recht machen. Seit schließlich auch das Beckham-Vorbild abgenutzt ist, schreit die weibliche Welt wieder nach etwas Kernigerem – aber trotzdem bitte ohne Machogehabe. Was können wir daraus schließen? Die Zukunft gilt dem „Übersexuellen“. Das zumindest behaupten Marion Salzman, Ira Matathia und Ann O’Reilly in ihrem Buch „The Future of Men“. Und dieser Übersexuelle ist so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau: sinnlich, stylisch, stark und selbstbewusst – ein ganzer Kerl ohne Alphatiergehabe, für den emanzipierte Frauen eine Selbstverständlichkeit sind. So zumindest sieht wohl das künftige Idealbild aus. Doch will die Welt ernsthaft einen männlichen Idealtypus? Nichts ist langweiliger als wenn sich alle gleichförmig verhalten. Individualität ist gefordert. Attraktiv ist immer der, der sich wohl in seiner Haut fühlt. Und zwar mit allen Ecken und Kanten. Also: lasst euch bloß nicht verunsichern, liebe Männer.