Wissenswertes

Ware Frau

Bis zu 100.000 Frauen aus Nigeria arbeiten in Europa als Zwangsprostituierte. Laut UNO ist es der am schnellsten wachsende kriminelle Wirtschaftszweig.

Von: Mark Hammer

vom 16.03.09

Die Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn haben in ihrem Buch „Ware Frau“ beschrieben, wie das Geschäft mit den Frauen funktioniert. Betroffene berichten darin, wie sie zu Fuß durch die Sahara gegangen sind, um nach Europa zu kommen. Im Interview spricht Corinna Milborn über ihre Recherchen, Machenschaften der ‚Madames’, Opferschutz und Bestrafung von Freiern.

 

Frau Milborn, wer sind die Organisatoren des Frauenhandels aus Nigeria? Wenn man die Berichte in Ihrem Buch liest, wirkt es manchmal so, als wäre es der gute Bekannte von nebenan.

 

Der Markt ist in Europa. Am Ende der Kette stehen also die Freier, aber auch die Bordellbesitzer. Organisiert wird der Handel allerdings durch nigerianische Netzwerke. Die Knotenpunkte dieser Netzwerke sind die Madames. Das sind Frauen, die in Europa leben, die sich Frauen kaufen, herbringen lassen und sie dann ausbeuten. Es sind Trolleys involviert, das sind die Schlepper, die die Frauen bringen und die die Reise organisieren.

 

An den äußeren Enden des Netzwerkes stehen diejenigen, die die Frauen ansprechen, ob sie nach Europa kommen wollen. Das sind oft Vertrauenspersonen: Angesprochen werden die Frauen typischerweise von einem Cousin, einem Nachbarn oder einem Schulkollegen. Die bekommen  eine Art Provision dafür. Die Frauen müssen dann in Europa die Kosten für den Transport abzahlen: 45.000 bis 100.000 Euro. Solange sind sie versklavt.

 

Oft arbeiten nigerianische Frauen als Zuhälterinnen, jene Madames. Es wundert einen, dass hier Frauen Frauen ausbeuten. Wie kommt es dazu?

 

Das hat uns auch erstaunt – es durchbricht das Schema, dass Frauen die Opfer und Männer die Täter sind. Das Phänomen hat einerseits historische Wurzeln: Dieser Frauenhandel hat durch Frauen begonnen, die in Zeiten des nigerianischen Öl- und Wirtschaftsbooms in Italien Lederwaren, Luxuswaren und Gold eingekauft und in Nigeria verkauft haben. Als die große Krise eingesetzt hat, haben einige dieser Frauen begonnen, sich selbst zu prostituieren und so in Europa ihr Geld zu verdienen. Dann haben sie auch Frauen nachgeholt, die sie ausgebeutet haben. Dieser Handel hat sich von Italien aus über ganz Europa verbreitet.

 

Auf der anderen Seite waren viele Madames selbst Opfer von Frauenhandel. Sie hatten nach dem Freikaufen weder in Europa noch in Nigeria eine Perspektive. Dazu kommt ein Effekt der Traumatisierung: Wenn etwas nicht aufgearbeitet wird, wird es weitergegeben. Die Frauen haben keine Möglichkeit, ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Es gibt für die meisten keine psychologische Betreuung und nur einen spezialisierten Psychiater in ganz Europa, in Italien. Mit dem nigerianischen Frauenhandel sind ja auch spezifische Probleme verbunden, etwa wegen des Voodoo-Schwurs, der abgeleistet werden muss.

 

Sie haben für Ihr Buch mit verkauften Frauen, mit Freiern und mit Frauenhändlern gesprochen. Wie sind Sie an die herangekommen?

 

Die betroffenen Frauen haben geschworen, nicht darüber zu sprechen. Sie bringen sich selbst und ihre Familie in Gefahr. Wir haben daher hauptsächlich mit Frauen geredet, die schon ausgestiegen sind, die abgeschoben wurden oder die gerade dabei waren, auszusteigen. An dem Punkt erzählen die Frauen eher ihre Geschichte. Joana Adesuwa Reiterer vom Verein Exit, die Betroffene betreut, hat uns bei der Kontaktaufnahme sehr geholfen.

 

Bei den Menschenhändlern hatten manche das Bedürfnis, darüber zu sprechen, weil sie selbst auch leiden. Sie fühlen sich nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer eines Systems, das ihnen keine andere Möglichkeit bietet, als sich in kriminelle Nischen zurückzuziehen. Die Freier haben wir vor allem in Freier-Foren gefunden, in denen sie sich in der Anonymität offen austauschen. Es wird über die Frauen wie über eine Ware gesprochen, Tipps und Preise werden ausgetauscht.

 

Und die Madames?

 

Da haben wir undercover recherchiert. Eine Nigerianerin hat für uns zu einer Madame in Österreich gesagt, sie will jemanden herbringen und ob die das organisieren kann. Schon nach einer viertel Stunde wurde über Preise verhandelt: Der Kauf einer Frau kostet 10.000 bis 15.000 Euro. Die Madame war gleich bereit, in Nigeria anzurufen, um den Transport zu organisieren.

 

Wie kann man den betroffenen Frauen helfen, auszusteigen?

 

Mit einem stark verbesserten Opferschutz. In Österreich und Deutschland hat eine Frau, die sich meldet, nur wenige Wochen Zeit, um sich zu entschließen, ob sie aussagen will. Wenn sie sich dagegen entscheidet, wird sie meist abgeschoben. Sagt sie aus, bekommt sie ein temporäres Aufenthaltsrecht, aber keine Arbeitsgenehmigung und hat nur solange das Recht zu bleiben, wie sie für das Verfahren wichtig ist. Der Fokus liegt darauf, organisierte Kriminalität aufzudecken, nicht, den Betroffenen zu helfen. Frauen, die für das Verfahren nicht nützlich genug sind oder nicht genug aussagen, werden abgeschoben. In Nigeria sind die Frauen den Händlern ausgeliefert.

 

Wir haben auch von mehreren Fällen gehört, in denen Familienangehörige umgebracht wurden. Die einzige Ausnahme ist Italien. Dort haben die Betroffenen auch dann eine Chance auf eine Aufenthaltsbewilligung, wenn sie nicht gegen den Täter aussagen. Wenn die Frauen Ausbildungen machen und einen Arbeitsplatz nachweisen können, dann bekommen sie auch eine Arbeitsgenehmigung. Das hat in Italien nicht zu dem Ansturm geführt, den man befürchtet hat. Die Argumentation in Deutschland und Österreich gegen diese Art des Opferschutzes ist, dass sich dann Tausende melden, die behaupten, sie wären Opfer von Frauenhandel. Das ist aber unbegründet, wenn man sich das Beispiel Italien ansieht.

 

Soll Prostitution verboten, sollen Freier bestraft werden?

 

Das ist vielleicht ein Wunsch, der aufkommt, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Die Freier sind die Nutznießer. Sehr viele von ihnen wissen, dass es da in vielen Fällen um Zwang und um Frauenhandel geht. Sie nutzen das aus und bedienen sich dieser Frauen. Es geht nicht nur um den Straßenstrich, aber in den meisten Fällen um das billige Segment in der Prostitution, das auch die härtesten Arbeitsbedingungen bietet. Der durchschnittliche Preis ist hier 30 Euro.

 

Allerdings haben solche Gesetze wenig Wirkung: In Schweden werden Freier bestraft, in den USA ist Prostitution fast überall verboten. Aber auch dort nimmt der Frauenhandel kaum ab. Es hat auch keinen großen Einfluss, wenn man Prostitution legalisiert. In Deutschland ist Prostitution ein normales Gewerbe. Auch hier findet Frauenhandel weiter statt. Man muss tiefer ansetzen als auf der gesetzlichen Ebene.

 

Was heißt das?

 

Da landet man an den Grundfesten der Gesellschaft, etwa dem ökonomischen Ungleichgewicht zwischen Afrika und Europa. Solange der Druck so groß ist, auswandern zu müssen, hat Menschenhandel eine Chance. Zweitens bei der europäischen Migrationspolitik: Solange die Grenzen geschlossen sind und es keine legale Möglichkeit gibt, einzuwandern, haben Menschenhändler ein leichtes Spiel. Sie können sich als Helfer präsentieren.

 

Es geht aber auch um die patriarchale Ordnung. Für Männer ist es anerkannt, viele Sexualpartnerinnen zu haben, während für Frauen eine Zweiteilung da ist. Da gibt es die guten, die Ehefrauen sind, und logischerweise muss es Zweite-Klasse-Frauen geben, die zur Verfügung stehen. Diese Zweiteilung in die Heilige und die Hure, die Ehefrau und die Schlampe, sitzt sehr tief, auch wenn sie oberflächlich gesehen überwunden scheint. So gesehen, wird es Prostitution als schlecht angesehenes Gewerbe geben, solange dieses Geschlechterverhältnis aufrecht erhalten wird . Nun arbeiten Frauen in Westeuropa kaum mehr im billigen Segment der Prostitution, weil sie andere Perspektiven haben. Da das System sich aber nicht geändert hat, wird dieses Segment aufgefüllt durch Frauen aus anderen Teilen der Welt. Die sind entweder ökonomisch gezwungen oder werden gezwungen und versklavt. 

 

Corinna Milborn ist Politikredakteurin beim Österreichischen Nachrichtenmagazin Format, Moderatorin der Diskussionssendung Club 2 im ORF und sie ist Mitgründerin und war Chefredakteurin der Menschenrechtszeitschrift Liga. Für ihr Buch „Gestürmte Festung Europa“, das soeben im Fischerverlag neu aufgelegt wurde, erhielt sie den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das politische Buch.

 

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Mark Hammer arbeitet als freier Journalist in Wien. Das vorliegende Interview ist bereits auf dem Portal „planet-interview.de“ erschienen. Wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

 

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Bildnachweise:

 

1. time2share (via photocase.com)

2. Corinna Milborn

3. Ecowin-Verlag