Women only

Warten auf Dennis

Der Muttertag und Dennis sind daran schuld, dass Mama sich mit Geschlechterforschung auseinander gesetzt hat.

Von: Tina Groll

vom 08.05.08

Dennis und der Muttertag sind auch dafür verantwortlich, dass meine Schwestern und ich mit einem feministischen Bewusstsein aufgewachsen sind. Wirklich wahr. Und das Verrückteste an der Sache ist: Wir kennen diesen blöden Dennis nicht einmal!

Schimpf und Schande

Es war ja jeden Mai das gleiche Theater: Es wurde gebastelt, ist schließlich Muttertag. Und wie jedes Jahr hat Mama zuhause herumgezetert: „Ich will nichts zum Muttertag bekommen!“ Dann folgte eine Schimpf-Tirade, in der die Zahl 364 und die Worte „Tage“, „Mütter“, „zweigeschlechtlich-durchhierarchisiertes, männliches Machtsystem“ und „Geschlechterrolle“ und „führt zu einer Aufrechterhaltung der bestehenden, androzentrischen Weltordnung“ eine verwirrende Argumentation annahm, deren logische Verkettung eben nur Frauen verstehen, die schon einmal ein Kind zur Welt gebracht haben, in der Hoffnung, dass es Dennis sein würde. Und sich dabei mit feministischen Theorien beschäftigt haben. Meine Mutter, glaube ich, hat beides ganz bestimmt gemacht, WÄHREND sie in den Wehen lag. Das wehenartige Warten auf Dennis. Fast so wie auf Godot.

Groß, blond, charmant – einfach Dennis

Dennis – er hat uns alle verkorkst. Dabei gibt es diesen verfluchten Dennis gar nicht. Er ist das Produkt der Fantasie meiner Eltern. Denn meine Eltern wollten unbedingt einen kleinen, süßen Jungen haben. Einen Sohn. Einen Prinzen, aus dem Mama den perfekten Gleichberechtigungsmann erzogen hätte. Meine Schwestern und ich wissen auch genau, wie Dennis aussieht. Wir könnten ein Phantombild von diesem Blödmann anfertigen.

Dennis wäre groß und durchtrainiert, er wäre extrem gutaussehend und blond. Mit Locken. So wie Papa. Und dann kam meine große Schwester. Am 1. Januar 1978. Ein Mädchen. Dunkelhaarig. Glattes Haar. So wie Mama.

Eine Stunde nachdem meine Schwester das Licht der Welt erblickt hatte, stand für Mama fest: „Ich will ein zweites Kind. Ich will Dennis.“ Und Papa musste wieder ran. Beim zweiten Kind also, das war meine Wenigkeit, haben sich meine Eltern wirklich Mühe gegeben, Dennis zu bekommen. Mama und Papa hatten vorher im indischen Tantrabuch Stellungen für einen Jungen geübt. In einer lauen Mondnacht im Frühherbst 1979, meine Schwester schlief gerade, haben sie eine extrem unbequeme Stellung ausprobiert. Irgendwas mit Kopfstand. Seither hat mein Vater es am Rücken. Sagt Mama. Da wurde ich gezeugt. Die ganzen neun Monate über glaubte meine Mutter, dass Dennis nun auf dem Weg sei. Dann kam ich. Immerhin: Ich habe Locken. Ein Fortschritt. Blöderweise das falsche Geschlecht. Wieder kein Dennis.

Mama und Papa haben das mit der Dennis-Produktion noch ein paar Mal probiert, aber erst sechs Jahre später war wieder ein Baby unterwegs. Im Januar 1986 kam unsere kleine Schwester zur Welt. Wieder ein Mädchen. Keine Locken, aber immerhin blond. Daneben.

Garten statt Dennis

Danach haben meine Eltern das mit der Fortpflanzung an den Nagel gehängt. Seither kümmern sie sich vornehmlich um den Garten. Und Mama um die Geschlechterforschung. Sie findet, dass die Sache mit den Geschlechtern auch total überbewertet würde. Und darum ist sie halt Feministin geworden. Sie hat Papa dazu gezwungen, uns aus der Emma vorzulesen.

Trotzdem werden wir den Verdacht nicht los, dass Mama von Dennis etwas zum Muttertag angenommen hätte. Klar doch, sie wäre vor Glückseligkeit umgefallen! Meine Schwester und ich, wir haben Papa unsere Muttertagsgeschenke gegeben. Und Mama ist am Vatertag mit ihren Freundinnen losgezogen. Das war so ein Geschlechterding.

Papa hat das mit dem Muttertag auch immer gut hinbekommen und stellvertretend für Mama die krumm-gebastelten Fensterbilder und krickseligen Muttertagsgedichte entgegengenommen. Papa hat sich stets sehr bemüht über unsere Werke gefreut. Es wirkte fast kein bisschen pädagogisch. Meine Schwestern und ich glauben, dass Papa sich an der Dennis-Misere mitverantwortlich fühlt. Wissenschaftlich ist sogar verbürgt, dass das Warten auf Dennis definitiv Papas Versagen ist.

Wir warten noch immer…

Dennis, der Muttertag, Mamas Weg zum Feminismus – das ist einfach eng miteinander verwoben. Und jeden Muttertag haben wir doch immer ein klein bisschen Angst, dass Dennis irgendwann auftaucht. Nein, nein, Dennis wird nicht kommen. Es ist zu spät. Denn Mama ist längst in der Menopause. Und Papa hat seinen Hobbykeller. Die beiden haben ihren Garten. „Und Euch“, hat Mama neulich gesagt und Papa hat gegrinst. Er findet, er habe das nicht ganz schlecht gemacht. Und Mama sagt, die Rolle als Mutter von drei Töchtern sei ihr die Liebste. Und wer weiß nicht, ob Dennis am Ende ein doofer Macho geworden wäre. „Oder gar schwul!“, sagt Mama und lacht ganz merkwürdig. Dann würde sie ja nie Großmutter werden, fügt sie hinzu und schaut Papa verschwörerisch an. Nun hat sie uns zum Muttertag in den Garten eingeladen. Meine Schwestern und ich, wir sollen unsere Männer und Freunde mitbringen. Wir haben ein bisschen Angst, dass Mama und Papa das Projekt „Dennis“ als groß angelegte Oma-Opa-Aktion fortsetzen wollen.

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Fotos:

1. Kate (via flickr.com)
2. unikation (via photocase.com)
3. Horst-Mirjam von Linotype (via flickr.com)