Männerecke

Warten auf Juliane

Ich bin mal wieder mit Juliane auf ein Bier verabredet. Wie immer, haben wir am Telefon ausgemacht. Wie immer heißt 19.00 Uhr unten am U-Bahnhof Eberswalder Straße.

Von: Claudius Holzwarth, Foto: stock.xchng

vom 23.01.07

Wahrscheinlich wird sie eh wieder zu spät sein, denke ich, als ich pünktlich am Treffpunkt bin. Wie immer. Eigentlich macht mir warten sonst gar nicht so viel aus, ich liebe es, fremde Menschen zu beobachten und einfach nur zu schauen, aber sonst ist auch nicht November. Heute ist es kalt, es regnet, und das Leutebeobachten macht so gar keinen Spaß.

 
Wenigstens warte ich nicht alleine. Mit mir stehen noch vier andere Männer da, die auch warten und ständig auf die Uhr schauen. Mit Nils komme ich ins Gespräch. Wir haben wohl das gleiche Schicksal, was? Wieso, frage ich, wartest du auch auf Juliane? Verwirrt schaut er mich an. Neee, auf Caro. Das ist immer das gleiche, meint er. Manchmal habe ich das Gefühl, die Frauen machen das absichtlich. Ich will gerade sagen, dass ich auch pünktliche Frauen kenne, aber Nils lässt mich nicht zu Wort kommen. Weißt du, Caro ist so eine, die immer alles bekommt, was sie will, sie muss nur mal mit den Augen zwinkern… Was hat das denn mit dem Zuspätkommen zu tun, will ich Nils fragen, aber der redet einfach weiter. Caro ist so eine reiche Schwäbin, die von ihren Eltern echt alles bekommt, die Schwaben sind doch alle gleich – hier versuche ich gar nicht erst, was zu sagen, ich bin ja selbst einer. Nils hat sich mittlerweile richtig in Rage geredet. Kopfschüttelnd und mit geballten Fäusten (welche aber auch auf die Kälte zurückzuführen sein könnten) steht er da und wartet.

 
Wir warten gemeinsam schweigend weiter, und zwischendurch schaut Nils jede Minute auf sein Handy – ich übrigens auch, allerdings ist mir selbst nicht wirklich klar, was ich da Neues sehen will, eine SMS oder einen Anruf würde ich hören, und die Uhrzeit sehe ich auch an der großen Wanduhr gegenüber. Die zwei anderen, die am Anfang mit uns gewartet hatten, sind mittlerweile weg. Haben wir uns wohl die falschen Freundinnen ausgesucht, meint Nils, das ist wie im Supermarkt, man sucht sich immer die falsche Kasse aus. Komischer Vergleich, denke ich und zucke nur mit den Schultern, als ich bemerke, wie sich Nils' Augen aufhellen und wie er sein wohl bestes Lächeln auflegt. Hallo, da bist du ja, sagt er und atmet auf, nimmt Caro in die Arme. Ihre Frage, ob er schon lange warte, beantwortet er mit: ach nee du, ich bin selbst gerade erst gekommen…

 
Frierend schaue ich den beiden hinterher und denke nochmal an den Supermarkt-Vergleich – vielleicht doch was Wahres dran, denke ich, als ich von der Seite angesprochen werde. Tut mir leid, meine Mutter hat noch angerufen und die konnte ich nicht abwimmeln, meint Juliane. Ist doch nicht schlimm, höre ich mich sagen, ich bin auch eben erst gekommen.