Männerecke

Warum Männer laufen und Frauen walken.

Zwei Dinge möchte ich sofort klarstellen. Ich bin ein Läufer. Und ich bin ein Mann.

Von: Bernd Müller, Fotos: stock.xchng, flickr.com und bmfsfj

vom 22.02.07

In einem Artikel, in dem mehrfach die Worte Frau und Nordic Walking in einen engen Zusammenhang gebracht werden, sind diese Informationen wichtig. Da weiß man, wo der Autor steht. Wenn er steht. Denn der Autor läuft gerne. Sehr gerne sogar.

 

Sonntag, zum Beispiel, ist Langlauftag. Ein langer Lauf, sagt mein Trainingsplan, sind Trainingseinheiten in lockerem Tempo, bei dem 70 bis 75% der maximalen Herzfrequenz nicht überschritten wird und das über die gesamte Strecke von 20 bis 30 Kilometern eine problemlose Unterhaltung ermöglicht. So komme ich nicht außer Atem, aber in Form, während mich meine pronationsgestützten Laufschuhe durch den stadtnahen Wald tragen.

 

Und da sehe ich sie wieder. In kleinen und großen Krabbelgruppen, der überwiegende Teil weiblich, stöckeln sie mir soldatengleich entgegen, an carbonfasrigen Walking Sticks um Balance ringend.

 
Fast dreiviertel aller deutschen Nordic Walker sind Walkerinnen, wie das Institut für Konsumforschung mitteilt. Was sich auch mit meinen persönlichen Beobachtungen deckt, zähle ich doch regelmäßig deutlich mehr Frauen als Männer, die diesem staksigen Hobby nachgehen. Ganz langsam nachgehen.

 

Nun ist mir der gesundheitliche Nutzen eines zügig und technisch sauber ausgeführten Nordic Walking durchaus geläufig, ja, ich applaudiere sogar dem Oberkörper-trainierenden Effekt eines dynamischen Stockeinsatzes. Auch will ich hier keines der sattsam bekannten Nordic-Walker-Klischees nachzeichnen oder all diejenigen Frauen zum Laufen animieren, die aus medizinischer Sicht weder laufen dürfen, sollen oder können.

 

Viel interessanter scheint mir die Frage: Woher stammt eigentlich die weibliche Faszination mit einer Fortbewegung, bei der man sich an Stöcken festhalten muss, um ein Tempo zu erzielen, das dem eines normalen Spazierganges entspricht?

 

Um dieses Phänomen zu klären, müssen wir weit in die Vorzeit unseres menschlichen Daseins reisen, an einen Punkt, an dem wir der vierbeinigen Fortbewegung Lebewohl sagten und uns aufrichteten. Ungefähr 4 Millionen Jahre ist es her, so fanden Forscher heraus, als unsere Gattung sich dem Bipedalismus zuwandte.  

 

Fortan bewegte sich der homo sapiens auf zwei Beinen vorwärts, womit er sich gegenüber anderen Landsäugetieren einen enormen Vorteil verschaffte. Denn auf allen Vieren durch den Wald zu krabbeln und gleichzeitig seinem flüchtenden Abendessen einen Speer hinterher zu schleudern, stellte sich schon in Urzeiten als äußerst schwierig dar. Auf zwei Beinen dagegen konnte der aufrechte Mensch nicht nur nach Herzenslust mit Speeren und Äxten um sich werfen, er konnte das flüchtende Wild sogar noch über weite Strecken verfolgen.

 

Von nun an war es nur ein kurzer Schritt, bis menschliches Leben ohne Laufen nicht mehr vorstellbar war. Ohne langes Laufen, um genau zu sein, schließlich wartete die ersehnte Beute in der Regel nicht unmittelbar vor dem Höhleneingang geduldig darauf, erlegt zu werden. Doch mit etwas Training konnte der Jäger, wenn er am frühen Morgen so 2 bis 3 Stunden lang in den Wald hinein lief, sein Revier um einem Radius von 20 bis 30 km vergrößern und damit die Chance erhöhen, am Abend etwas Nahrhaftes über dem Lagerfeuer brutzeln zu sehen.

 

Die zügige zweibeinige Fortbewegung hatte aber auch einen zusätzlichen, überlebenswichtigen Nutzen. Hyänen, so groß wie Bären, streiften damals durch die Savannen; Reptilien und Raubvögel, Säbelzahntiger und zahlreiche andere Großkatzen machten in den ausgedehnten Wäldern Jagd auf eine Beute, die durchaus auch urmenschliche Züge tragen durfte. Wenn man also nicht selbst in den Klauen und Fängen der tierischen Konkurrenz landen wollte, war es in vielen Fällen dringend angeraten, sein Heil in der Flucht zu suchen.

 

Jagen, flüchten, jagen, flüchten: Der Läufer war geboren.

 

Und die Läuferinnen? Die waren zunächst von dieser raumgreifenden Entwicklung ausgenommen. Denn außer dem unbezähmbaren Drang zum Sammeln erfordert die im sicheren Umkreis der heimischen Höhle praktizierte Suche nach Pilzen, Beeren und Kräutern einen eher zeitlupenartigen Bewegungsablauf, oft genug auf allen Vieren. Und während sich der Jagd- und Fluchtinstinkt des Mannes noch heute in seiner Begeisterung für schnelle Fortbewegungsarten spiegelt, lebt die Tradition des weiblichen Sammeltriebs in den Millionen Handtaschen fort, die täglich in die Felder und Gärten der Neuzeit, den Outlet Malls und Einkaufszentren, getragen werden.

 

Doch die Antwort auf die Frage, warum Männer laufen und Frauen walken, ist sehr viel komplexer als unser Ausflug in die Frühzeit des Homo Sapiens erahnen lässt. Vor allem, wenn wir uns einem entscheidenden,  psychologischen Aspekt des Walkens zuwenden: der Angst vorm Fliegen.

 

Laufen unterscheidet sich vom Walken durch einen wesentlichen Aspekt, der so genannten Flugphase. Denn im Gegensatz zum Walken verliert der Läufer ständig jeglichen Bodenkontakt, da sich im Anschluss an die so genannte Abrollphase beide Füße gleichzeitig in der Luft befinden. Für diesen kleinen Moment kann der Läufer fliegen, immer wieder, Laufschritt für Laufschritt.

 

Psychologisch war der Flug schon immer gleichbedeutend mit dem Wunsch nach Freiheit, aber gleichzeitig auch mit der Angst vor Kontrollverlust des eigenen Schicksals verbunden. Fluggesellschaften, die Seminare gegen die Flugangst anbieten, wissen das. Sie wissen auch: Mehr Frauen als Männer haben Angst vorm Fliegen. Vielleicht, weil insbesondere die weibliche Flugangst metaphorisch für die Angst vor der Unabhängigkeit steht, für die Frage nach familiärer Bindung auf der einen und der selbst gestalteten, freien Existenz auf der anderen Seite.  Wer ständig, wenn auch unbewusst, in der Angst lebt, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen, der stützt sich eben lieber auf Krücken statt sich in die Luft zu erheben.

 

So stakst, während sich der Mann laufend und fliegend seine Welt erobert, die Mehrzahl der Frauen auf Stöcken durchs Leben. Doch wenn die moderne Frau selbst bei einer so harmlosen Freizeitbeschäftigung wie Nordic Walking befürchtet, den Boden unter den Füssen zu verlieren, dann besteht die Gefahr, dass sie auf ewig in den engen Grenzen der eigenen Existenz gefangen bleibt.

 

Sind also alle Frauen zu einem Leben auf Stützstöcken verbannt?

 

Alle Frauen? Nein. Denn im Starterfeld deutscher Marathonläufe zeichnet sich ein erstaunliches Phänomen ab.  Hier wird seit geraumer Zeit ein deutlicher Rückgang der Teilnehmerzahlen beklagt, der aber erstaunlicherweise nur die Männer betrifft. Die Anzahl der langstreckenlaufenden Frauen dagegen nimmt stetig zu. Dieser Trend lässt sich statistisch beweisen: Beendeten beispielsweise vor zwanzig Jahren nur knapp 5%  Prozent Frauen den Berlin Marathon, so ist der weibliche Anteil heute bereits auf über 20 Prozent angestiegen. International ist diese Tendenz noch stärker ausgeprägt. In den USA beispielsweise laufen Frauen unaufhaltsam der 40% Marke entgegen, werden sie in diesem Jahr sogar überschreiten.

 

Zurück in den Wald. Zwar fehlt den meisten Frauen noch immer der Mut zum Fliegen, doch einige haben ihren ersten Laufschritt bereits getan. Leichtfüßig, lächelnd und locker laufen sie ihrer vierbeinigen Vergangenheit davon, die eigene Zukunft fest im Blick. Andere werden ihnen folgen.

 

Natürlich, jeder Aufbruch ins Neue beginnt mit dem Abschied vom Alten, jede Initiation mit dem Loslassen einengender Strukturen. Alles das braucht Mut, aber die Zeit drängt. Schon beginnt auch unsere Bundesregierung, sich über nordic walkende Frauen lustig zu machen. Bei einem Abendlauf entlang der Spree entdeckte ich mitten im Regierungsviertel ein Großflächenplakat des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zu sehen sind ein paar Babyschuhe auf einem schwangeren Bauch und dazu die alarmierende Botschaft: Bei Mama lerne ich das Krabbeln. Bei Papa dann das Laufen.

 

Mama krabbelt. Papa läuft. Welche Frau noch ein letztes Signal braucht, um sich endlich die Laufschuhe zu schnüren, hier ist es.

 

Und jetzt geht raus, werft eure Stöcke weg und lauft.