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Was anfangen mit all dem Glück?

Die britisch-neuseeländische Autorin Katherine Mansfield gilt es wieder zu entdecken: Der Erzählband „Rosabels Tagtraum“ bietet einen reizvollen Einstieg.

Es sind kleine, feine Geschichten, in denen eigentlich nicht viel passiert. Mansfield schildert sehr präzise alltägliche Begebenheiten. In „Glück“ lädt ein frisch verheiratetes Paar der upperclass zum Abendessen. Alles ist chic: Die Weintrauben wurden passend zum Teppich gekauft, das Baby der Nanny übergeben, die neue Kaffeemaschine steht zum Vorführen bereit. Die Dame des Hauses, die dreißigjährige Bertha ist „von einem Gefühl des reinen Glücks überwältigt“, aber „wieder wusste sie nicht, wohin damit, was damit anfangen.“

So oder so ähnlich sind viele der Protagonisten Mansfields, sie sehnen sich nach mehr – Liebe, Größe, einem anderen Leben. Dabei bleiben sie gebunden an die Konventionen ihrer Zeit und ihrer Milieus. Die Genauigkeit, mit der Mansfield ihre Figuren, ihre Menschen beobachtet, erinnert an die von Tschechow. Auch sie stellt sie nicht bloß, sie zeigt sie mit Vorliebe in brisanten Situationen, in denen sich die vermeintliche Idylle als Illusion entpuppt. In „Glück“ ist es der Moment, in dem Bertha begreift, dass ihr Mann die Hand ihrer Freundin um eine Sekunde zu lang gehalten hat. In „Eine Gewürzgurke“ endet die zarte Unterhaltung eines Ex-Pärchens, das sich nach Jahren zufällig wieder begegnet, abrupt und offenbart die Unmöglichkeit eines Neuanfangs.


Katherine Mansfield, 1888 im neuseeländischen Wellington geboren und laut Virginia Woolf „die beste aller Schriftstellerinnen“, besticht durch ihren klaren und pointierten Erzählstil. Mansfield verstand sich als eine entschiedene Vertreterin der Moderne. An Tuberkulose erkrankt, schreibt sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 insgesamt 73 Erzählungen. Ihre 18 schönsten sind in diesem Bändchen versammelt.

 

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Der vorliegende Text ist zuerst in dem Kulturmagazin „goon“ erschienen. Wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung! 

 

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