Wissenswertes

Was Familie sein könnte - und dennoch niemals war

Noch nie haben Fragen, die am Wickeltisch entstehen, so sehr Politik und Medien beschäftigt wie heute. Selbst die Anfälligkeit von Kleinkindern, sich eine Schnupfnase zu holen, ist mittlerweile zu einem Gesundheitsthema avanciert, das nicht nur Eltern und Kinderärzte auf Trab hält. Sondern auch Kabinettstische, an denen über das Für und Wider von Krippenbetreuung gestritten wird. Ist das Private derzeit so politisch, wie seit 1968 schon lange nicht mehr? Oder wie erklärt sich diese neue Aufmerksamkeit für alles, was die Familie angeht? Das Magazin „Der Spiegel“ hat nach Antworten gesucht und ein Sonderheft zum Thema herausgebracht.

Familie ist in. Zumindest als Diskussionsstoff und in Fernsehrunden und Leitartikeln, in denen unermüdlich festgestellt wird: Die Familie sei als traditionelles Lebensmodell vom Aussterben bedroht. Durch hohe Scheidungsraten oder zu wenig Nachwuchs im Lande, durch junge Paare, die verunsichert sind, wie sie einen Alltag mit Kindern und berufliche Ambitionen verbinden sollen. Oder auch durch den zunehmenden Wunsch vieler, heute einfach anders zu leben. Partnerschaftlicher. Gleichberechtigter. Gleichbeteiligter. Was das meint? Nur noch 10 Prozent der Deutschen wünschen sich die „Hausfrauenehe“ – so ermittelte eine Studie von TNS Forschung für das Magazin „Der Spiegel“. Bei den Männern waren es 13 Prozent, bei den Frauen nur mehr 8 Prozent.

 

Dass der „Spiegel“ in diesem Monat mit einem Heft herauskommt, das sich mit dem Thema „Sehnsucht nach Familie“ beschäftigt, könnte man als wenig originell deuten. Aber immerhin: Wer sich dennoch auf eine Lektüre einlässt, wird einige interessante Artikel entdecken können, die mit gängigen Missverständnissen aufräumen wollen. Vor allem aber mit einem: Ein Abschied vom familiären Modell scheint nämlich derzeit der gängigen Annahme zum Trotz nicht in Sicht.

 

Wer will, kann Familie, wenn auch in veränderter Form, überall entdecken. Und insbesondere natürlich da, wo Kinder aufwachsen. Das kann bei leiblichen Eltern sein, die mit oder ohne Trauschein zusammen leben oder in Patchwork-Familien. Bei allein erziehenden Eltern oder solchen, die zwar getrennt leben – aber dennoch gemeinsam erziehen. Oder eben auch in einer Pflegefamilie. Ein „anything goes“ von Beziehungsweisen, das nichts mehr so lässt, wie es früher einmal war?

 

 

Das Panorama an Lebensmodellen, das vom „Spiegel Special“ in den Blick geholt wird, ist natürlich auch als ein Statement zu verstehen: Gegen die konservativen Sehnsüchte etwa, mit denen hier und da eine Glanzzeit familiärer Bande beschworen wird, die als verblichen gilt. Gegen das „Eva-Prinzip“ auch, mit dem Ex-Tagesschausprecherin Herman kürzlich für die Rückkehr zu Schöpfungsauftrag und vermeintlich paradiesischen Zuständen plädierte – und dafür, eine bestimmte Weiblichkeitsrolle kurzerhand unter Naturschutz zu stellen: Die Frau als Hüterin eines Heimes nämlich, in dem es dann bitteschön auch noch nach Apfelkuchen zu duften hat! Vermutlich nur um zu vermeiden, dass jemand den Braten  riecht, den Eva Herman da rund um das Thema „Emanzipationsfallen“ medial hoch zu kochen versuchte.

 

Nein. Familie ist bestimmt nicht mehr so, wie sie einmal war. Aber war Familie überhaupt jemals so, wie sie sein könnte? Oder sollte – wenn es nach unseren Sehnsüchten ginge? "Wir sind heute viel freier als vor 50 Jahren. Aber mit der Freiheit, das wissen nicht nur die alten Philosophen, fangen die Probleme erst richtig an", so meint einer der Autoren des Heftes in einem Beitrag, in dem es um die 1968er Generation geht, ihr Familienbild und ihre Fluchtversuche aus dem, was im damaligen Jargon als „Unterdrückungszusammenhang mit Reihenhaus, Vorgarten und Jägerzaun“ für Alpträume sorgte..

 

Einen Blick zurück wagt auch die Historikerin Ute Planert, die am Mythos der "heilen Familie“ gehörig kratzt. Mutterliebe, Fürsorge oder gar Geborgenheit in einer Großfamilie – sie sind noch sehr junge Erfindungen, die als genuin bürgerliche Werte mit der Lebensrealität vieler Menschen in vergangener Zeit sowieso, gelinde gesagt, nur wenig zu tun hatten.

 

Einen lesenswerten Beitrag zum Heft liefert aber auch der Autor Rene Pfister, der die familienpolitische Debatte in Deutschland als einen Stoff ins Visier nimmt, aus dem derzeit nicht nur Bestseller gemacht werden. Sondern auch politische Karrieren. Als eine Art „Waschküche“ mag das Familienministerium noch vor einigen Jahren selbst Bundeskanzler Gerhard Schröder gegolten haben, als er Christine Bergmann in ihr Amt hob – mit jenen viel sagenden Worten: Die Ministerin sei nun für "Frauen und das andere Gedöns" zuständig. Pfister verfolgt, wie zeitgleich mit Ursula von der Leyen auch dieser Ort, an dem „echte Kerle“ vormals nur wenig Interesse zeigten, einen geradezu revolutionären Aufstieg erfuhr. Und wie das deutsche Parteiensystem um Orientierung ringt, seit Ursula von der Leyen mit einem neuen Familienbild der Republik die Richtung zu weisen versucht. Was die Konservativen irritiert, die Sozialdemokratie in Verlegenheiten bringt – und schon jetzt merkbar zu neuem Kindersegen führt?  

 

Wo es um das Thema „Familie“ geht, darf natürlich auch der Vergleich mit den europäischen Nachbarn nicht fehlen. Üblicherweise geht dabei der Blick oft nach Skandinavien, nicht so oft allerdings auch nach Island. Obwohl dieses mit einer Geburtenrate von 1,9 Kindern pro Frau das Herz eines jeden Demographen höher schlagen lassen würde. Annette Bruhns schreibt über die Hintergründe, die das gerade einmal 300 000 Einwohner zählende Land zu einer wahren Fertilitäts-Oase im nachwuchsschwachen Europa gedeihen ließ. Und über sonderbare Alltagsszenen, die dort ganz normal scheinen.

 

Morgendliche Treffs frisch gebackener Eltern etwa, einst eine Frauendomäne auch auf Island, mittlerweile aber zu fast gleichen Teilen auch von Vätern gut besucht. Der Grund: Seit dem Jahr 2001 gibt es auf Island ein Gesetz, das für Männer und Frauen starke Anreize geschaffen hat, gleichberechtigt in den Erziehungsurlaub zu gehen – mit drei Monaten, die nur von der Mutter in Anspruch genommen werden können, drei Monaten, die nur dem Vater zustehen, und weiteren drei Monaten, die nicht an ein bestimmtes Elternteil gebunden sind.

 

Island kann heute mit einem Weltrekord auftrumpfen: 90 Prozent aller Männer nehmen die Chance, für einige Monate „Dienst am Wickeltisch“ einen Job vorübergehend an den Nagel zu hängen, wahr – im Schnitt für 96 Tage pro Kind. Zum Vergleich: In Schweden, das in dieser Hinsicht immer als vorbildlich gilt, sind es gerade einmal 30 Prozent. Selbstverständlich stellt sich dennoch auch in Island Familienleben als ein kompliziertes Alltagspuzzle dar, in dem viele Faktoren zum Tragen kommen, die ein Leben mit Kindern mitunter auch erleichtern – und dennoch auch dort Eltern unter Stress setzen. Wo dieses allerdings gemeinsam erlebt wird, auf der Grundlage geteilter Erfahrungen eben auch zwischen den Welten von Babyschnullern und Beruf, scheint vieles, was in Familien an Bedürfnissen zu tage treten kann, dann doch auf jeden Fall besser bedient. Oder ist es nur ein Zufall, was Annette Bruhns zu dem Weg, den man familienpolitisch auf Island gegangen hat, als Kommentar noch anzumerken hat:

 

„Vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber auch schon ein Effekt des Bessere-Väter-Programms: Seit 2002 sinken auf Island die jährlichen Scheidungsraten."