Cool Tour

„Was man so oft verflucht, liebt man.“

So klingt Dieter Hildebrandt wie er leibt und lebt. Der Kabarettist tritt zwar nicht mehr im „Scheibenwischer“ auf, tourt aber dennoch fleissig durch die Lande und schreibt Bücher. Ein Rentnerdasein ist ohnehin nicht Hildebrandts Ding. Hier im Interview mit Beatrix Altmann erzählt er von seiner Version des Ruhestands und warum es in Bayern so schön ist.

Von: Beatrix Altmann, Fotos: Hildebrandt-Website, kiwi-Verlag

vom 31.10.06

1. Ist Ihnen der offizielle Abschied vom Scheibenwischer leicht gefallen oder mussten Sie erstmal  mühsam „abtrainieren“?

Man möchte alle drei Jahre mal aufhören. Nach 23 Jahren habe ich es dann endlich gemacht. Es ist also so oft überlegt worden, dass es mir eher schwer gefallen wäre, es nicht zu tun.

 

2. Sie tauchen ja hin und wieder noch als Gast auf. Wann sieht man Sie das nächste Mal?

Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Und im Übrigen soll mein „Auftauchen“ ja auch möglichst immer eine Überraschung sein.

 

3. Vermissen Sie Ihre alten Kollegen?

Eigentlich nicht. Aber das liegt vor allen Dingen daran, dass wir ja auch weiterhin regel­mä­ßigen Kontakt haben.

 

4. Verläuft Ihr Leben jetzt ruhiger? Wie sieht ein ganz normaler Tag bei Dieter Hildebrandt aus?

Ruhig ist mein Leben nicht direkt. Ein normaler Tag beginnt gewöhnlich mit einem Zug, der gegen 11 Uhr abfährt und mit mir an einem meiner nächsten Auftrittsorte ankommt. Manchmal reist meine Frau Renate mit, wenn nicht, sorgt sie dafür, dass ich pünktlich aus dem Haus komme. Was ich unterwegs erlebe, schreibe ich auf und stelle das Geschriebene auf meinen Reisen vor. So reise ich immer wieder und schreibe auch unaufhörlich. Und wenn ich dann wieder nach Hause komme, widme ich meine Zeit gern meiner, von mir sehr verehr­ten, Frau. Wir führen wunderbare Gespräche, die mich fördern und weiterbringen. An The­men mangelt es uns nie.

 

5. Stimmt es, dass Sie am liebsten mit Ihren beiden Hunden spazieren gehen und bei der Gelegenheit ausgiebig miteinander plaudern? Worüber reden Sie da?

Wir sprechen in der Tat auch oft und ausgiebig mit unseren Hunden. Sie lehnen die Erhöhung der Mehrwertsteuern katzegorisch ab

.

 

6. Es heißt, für die Termine ist auschließlich Ihre Gattin zuständig. Hat sie etwas gegen Sie, denn sie schickt Sie ja ständig auf Reisen, vor allem zu Lesungen aus Ihren Büchern ...

Sie erinnern mich da an was, denn in der Tat: Sie macht alle meine Termine. Darauf wollte ich sie schon immer einmal ansprechen. Ich persönlich würde auch gern wieder ein wenig mehr Zeit zu Hause verbringen.   

 

7. Haben Sie nicht Lust, Ihr Wissen, all die Tricks und langjährigen Erfahrungen an Nachwuchstalente weiterzugeben, zum Beispiel in einer Scheibenwischer-Schule?

Um Gotteswillen, nein. Ich möchte niemanden etwas vormachen.

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8. Eines Ihrer  bevorzugten Ausflugsziele soll die Mark Brandenburg sein – was gefällt Ihnen dort  so besonders?

Hier handelt es sich um ein Gerücht. Ich lese zwar immer wieder Fontane und meine väter­lichen Ahnen haben dort Jahr­hunderte lang gegen den Sandboden und die geringen Erträge gekämpft. Mein Vater ist in Lindow geboren und in Fehrbellin habe ich als kleiner Junge mei­ner Tante Else beim Spargel­stechen geholfen. Ich bin jedoch nicht sehr häufig dort. Dennoch: Was man so oft verflucht hat, liebt man.

 

9. Was hält einen so modernen und aufgeschlossenen Menschen wie Sie eigentlich noch in Bayern?

Die modernen und aufgeschlossenen Menschen leben in Bayern. Ich habe eine gute Nase. Und dort, wo es am interessantesten riecht, lasse ich mich nieder. In Bayern ist der Duft nach Korrup­tion und bayerischem Temperament seit jeher stark ausge­prägt. Auch sind die einheimischen Politiker nur allzu gern in kriminelle Machenschaften ver­strickt. Es gibt genug Stoff, also blei­be ich. Allerdings: Berlin hat das Talent zur Krimi­nalität ebenfalls schnell entwickelt. Wenn es also in Bayern irgendwann langweilig werden sollte, ziehe ich in die Hauptstadt.

 

10. Der Schwerpunkt Ihrer momentanen Arbeit liegt also offenbar im Schreiben. Brüten Sie schon einen neuen Wurf aus?

Stimmt nicht. Der Schwerpunkt liegt im Lesen. Im Lesen dessen, was ich geschrieben habe. Und da entstehen täglich neue Sachen. Oder Bücher. Fünf oder sechs „letzte Bücher“ wurden von mir bereits veröffentlicht.

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11. Verfassen Sie Ihre Gedanken handschriftlich oder sitzen Sie am Computer?

All meine Gedanken schreibe ich mir auf oder tippe sie auf meiner alten Schreibmaschine. Viele Texte entstehen jedoch unmittelbar vor meinem Auftritt, irgendwie hingekritzelt.

So dass ich manchmal Mühe habe, es im nach hinein noch zu entziffern. Doch es gelingt in der Regel.

 

12. Ist eigentlich jedes Thema satirefähig? Oder schließen Sie bestimmte Themen für sich aus?

Grundsätzlich nutze ich jedes Thema. Allerdings, wenn ich zu ungerecht gegenüber mir bin, schreite ich ein.

 

13. Treten Sie lieber im Osten oder im Westen auf?

 Gibt es Unterschiede zwischen dem ostdeutschen und dem westdeutschen Publikum?

Mir sind ehrlich gesagt noch keine großen Unterschiede aufgefallen. Dort wo ich auftrete, treffe ich auf politisch denkende Menschen. Egal, wo auch immer.

 

14. Zum Abschluss: Welcher ist Ihr aktueller Lieblingswitz?

Witze, über die ich schon mal gelacht habe, hake ich ab. Und Witze, über die ich nicht lachen kann, habe ich schon vergessen.

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Dieter Hildebrandt wurde am 23. Mai 1927 als Sohn eines Beamten im schlesischen Bunzlau geboren. 1955 gründete er mit Gleichgesinnten das Kabarett „Die Namenlosen“. Seit 1980 verschaffte sich Hildebrandt dann mit seinem Live-Kabarett „Scheibenwischer“ den Ruf eines unerbittlichen, politischen Kabarettisten der Bundesrepublik und avancierte zur „moralischen Instanz“ der Fernsehnation. 2003 stellte er seine Mitwirkung an dem satirischen Programm ein und widmet sich seitdem auch weiterhin erfolgreich dem Verfassen von Büchern (bereits die autobiographische Trilogie des Kabarettisten, die 1986 unter dem Titel „Was bleibt mir übrig“, 1992 als „Denkzettel“ und 1997 als „Gedächtnis auf Rädern“ wurde zu Bestsellern). Nach dem Krebstod seiner ersten Frau, mit der er zwei Töchter hat, ist Dieter Hildebrandt seit 1992 mit der Schauspielerin und Kabarettistin Renate Küster (69) verheiratet und lebt mit ihr in München.

 

 

Ganz neu auf dem Buchmarkt erschienen ist Hildebrandts Biografie „Ich musste immer lachen“, die in Gesprächsform mit dem Schriftsteller Bernd Schroeder entstand.

 

Über das Buch und vieles mehr kann hörbar erfahren, wer seinen Erzählungen im Literatur-Café im Internet lauscht. Dort hält er sich nicht nur mit seiner Biografie auf, sondern reflektiert auch über Deutschland im WM-Fussballrausch und Günter Grass’ SS-Beichte.  Also: bei literaturcafè.de entweder direkt reinhören oder aber als MP3 herunterladen.

 

 

Und wer jetzt immer noch nicht genug von ihm hat, kann sich auf Hildebrandts Homepage umschauen. Dort finden sich seine aktuellen Tour-Termine. Und noch mehr Amüsantes, wie z.B. einen Versuch Hildebrandts, in die Fußstapfen unseres Ex-Bundeskanzlers Kohl zu schlüpfen.

Aber lesen Sie selbst:

 

"Der Mond ist aufgegangen


Zu Zeiten des legendären Kanzlers Helmut Kohl führte sich mit ihm ein neuer Redestil ein: Der Lückenrethoriker. Kohl hatte die amüsierende Manie, den vor ihm liegenden Text mit eigenen Ideen anzureichern. Sehr zum Entsetzen des jeweiligen Autors. Da er auf Stil und Aussage eines Textes gewöhnlich so gut wie keine Rücksicht nahm, kam ich auf die Idee, ihm einen klassischen, von ihm verehrten Text auf das Rednerpult zu legen und mir vorzustellen, wie er mit diesem wohl umgehen würde.

Helmut Kohl spricht Matthias Claudius:

Der Mond,
meine Damen und Herren, und das möchte ich hier in aller Offenheit sagen,
ist aufgegangen!
Und niemand von Ihnen, liebe Freunde, meine Damen und Herren, wird mich daran hindern, hier in aller Entschlossenheit festzustellen:
Die goldnen Sternlein prangen
und wenn Sie mich fragen, meine Freunde, wo, dann sage ich es Ihnen:
am Himmel!
Und zwar, und das sei hier in aller Eindeutigkeit gesagt, so, wie meine Freunde und ich uns immer zu allen Problemen geäußert haben:
hell und klar.
Und ich scheue mich auch nicht, hier an dieser Stelle ganz konkret zu behaupten:
Der Wald steht schwarz und ...
lassen sie mich das hinzufügen
und schweiget.
Und hier sind wir doch alle aufgerufen - gemeinsam -, die uns alle tiefbewegende Frage an uns gemeinsam zu richten: Wie geht es denn weiter? Und ich habe den Mut und die tiefe Bereitschaft und die Entschlossenheit, hier in allem Freimut und aller Entschiedenheit zu bekennen, dass ich es weiss!
Nämlich:
Und aus den Wiesen steiget
das, was meine Reden immer ausgezeichnet hat:
der weiße Nebel wunderbar."