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Was Sprache alles kann

Drei Tage Klagenfurt – und am Ende kein Grund zur Klage. Der Ingeborg Bachmann-Preis geht in diesem Jahr an den Berliner Schriftsteller Lutz Seiler. Mit einer vielschichtigen Reiseschilderung, in der Gegenwart und Vergangenheit, Osten und Westen aufeinander prallen und Körper und Landschaften um ihr Gleichgewicht ringen, konnte er den Wettbewerb klar für sich entscheiden.

Sein Beitrag zeige, „was Sprache kann, wenn sie ihre poetische Kraft entfaltet", so hieß es in der Laudatio auf den Gewinner. Der bisher vor allem als Lyriker bekannte Lutz Seiler konnte beim Klagenfurter Wettlesen sechs von neun Stimmen aus der Jury auf sich vereinen – und damit die Wahl schnell und eindeutig für sich klären. Seine Erzählung „Turksib“, die von einer Reise mit der turkistanisch-sibirischen Eisenbahn quer durch atomar verseuchtes Gebiet handelt, fiel bereits gleich am ersten Tag als preisverdächtig auf. „Komplex, verdichtet, anspielungsreich und skurril“ – so lobte etwa auch die Jurorin Ilma Rakusa das Prosastück.

 

Der Ingeborg-Bachmann-Preis wird seit 1977 in Gedenken an die aus Klagenfurt stammende Dichterin (1926 – 1973) verliehen. Dass in diesem Jahr unter den 18 Bewerbern nur vier Frauen zu entdecken waren, hätte sicherlich auch der Namensgeberin zu denken gegeben. Ganz zu schweigen von dem Ton, der unter den Juroren insbesondere da verunglückte, als es um die Kritik der weiblichen Beiträge ging – die, unbestritten, mit literarischer Raffinesse nicht gerade gesegnet waren. Dennoch: Mehr als überzogen wirkte da vieles. So musste die Österreicherin und promovierte Evolutionsbiologin Andrea Grill sich etwa anhören, ihr Text „bewege sich weit unter ihrer wissenschaftlichen Intelligenz“ – der Juror Karl Corino meinte, lieber würde er sich über Schmetterlingsarten und Eichhörnchen mit der Autorin unterhalten als über ihren Text. Der Schriftstellerin Jagoda Marinic warf man eine Kulturkritik auf „Waldorfniveau“ vor, und selbst Silke Scheuermann, auf die viele hofften, fiel durch – aufgrund einer Sprache, die Iris Radisch als zu „aufgekratzt“ und im Ton „wilder Hühner“ gehalten bezeichnete. .

 

Statt des noch vor wenigen Jahren beschworenen „Fräuleinwunders“ heute nur mehr „Jung-Autorinnen“-Bashing als Trend im literarischen Betrieb? Ein wenig von diesem Eindruck wird vielleicht hängen bleiben. Ganz sicher hängen bleiben wird aber der Vortrag Lutz Seilers, der am Ende eines langen ersten Lesetages noch einmal Jury und Publikum wachzurütteln vermochte – mit einem Auszug aus einer ersten längeren Prosaarbeit, den die Jurorin Ilma Rakusa bei der Preisverleihung mit den Worten würdigte:  

 

„Lutz Seilers Text Turksib schildert mit einer ins poetisch-groteske gesteigerten Genauigkeit eine winterliche Zugreise durch radioaktiv verseuchte kasachische Landschaften. Ein kleiner Geigenzähler, der zum Erzähler mutiert, signalisiert das Gefahrenpotenzial, während die Begegnung des Ich-Erzählers, eines Deutschen, mit einem Heizer, der Heine zitiert, russisch-deutsche Freundschafts- und Feindschaftsverhältnisse hoch kochen lässt. Auf engstem Raum gelingt es Seiler, prekäre Gegenwart und Vergangenheit einzufangen und eine Bahnfahrt zu einem komplexen Gleichnis einer komplexen Wirklichkeit zu machen. Reiseprosa auf höchstem Niveau, voller Anspielungen und motivischer Bezüge, die Satz für Satz offenbaren, was Sprache kann, wenn sie ihre poetische Kraft entfaltet.“

 

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera in Thüringen geboren und lebt heute in Wilhelmshorst bei Berlin, wo er im Peter-Huchel-Haus wohnt, dessen literarisches Programm er seit 1997 leitet.  Nach einer Lehre als Baufachleiter arbeitete er zunächst als Zimmermann und Maurer, bis ein Germanistik-Studium in Halle und später Berlin folgte. Ein erster Gedichtband erschien 1995, im Suhrkamp-Verlag folgten dann weitere Veröffentlichungen (darunter auch eine Essaysammlung), mit denen der Autor zahlreiche Literaturpreise und Stipendien gewann und mittlerweile in viele Sprachen übersetzt ist.