Wissenswertes

Was war noch mal mein erstes Wort? „Fielmann“!

Der Weg zur Sprache ist (k)ein einfacher.

Der Spracherwerb ist wohl der komplexeste Lernprozess, den ein Kind in den ersten Lebensjahren zu bewältigen hat. Wie wichtig der Eintritt in die Sprachgemeinschaft nicht nur für das Kleinkind, sondern auch für die Erwachsenen ist, die es dabei begleiten, zeigt die Tatsache, dass Mütter und Väter auf das erste Wort ihres Kindes schier lauern, diesem einen enormen Wert beimessen und es ein Leben lang in Erinnerung behalten.

Seit einiger Zeit macht uns jetzt ein bekannter Brillenhersteller weis, es ginge auch mal anders, nicht „Mama“ oder „Papa“, nein, „Fielmann“ könnte das erste Wort des Nachwuchses sein. Wie absurd diese Vorstellung ist, zeigt unser spontanes Lachen über diesen doch recht gelungenen Scherz. Doch warum genau ist diese Vorstellung so unrealistisch?

Das Ungeborene nimmt bereits im Mutterleib die Eigenart und Besonderheiten seiner Muttersprache wahr, wie etwa spezifische Laute oder Intonation. Dabei lernt es, die eigene zu erlernende Sprache von anderen zu unterscheiden. Bevor das Ungeborene auf die Welt kommt, ist es also auf die Sprache seiner Umgebung eingestellt. Im Laufe seines ersten Lebensjahres zehrt es von den sprachlichen Lauten und Äußerungen, die es von seiner unmittelbaren Umgebung aufnimmt. Die Mutter stellt hierbei die wichtigste Bezugsperson dar. Sie geht auf erstaunliche Art und Weise auf das Neugeborene ein: Sie wendet sich ganz intuitiv dem Säugling zu, indem sie die so genannte „Ammensprache“ benutzt.

Diese spezielle Sprechweise zeichnet sich durch viele Merkmale aus, die auffälligsten dabei sind die typisch erhöhte Stimmlage, das langsame und deutliche Sprechen und die Verwendung zunächst einfacher und kurzer Worte sowie Sätze. Damit bietet die Mutter ihrem Kind Hilfen, besser zu verstehen, und liefert nur die für die frühe Lebenswelt nötigen Informationen. Unsere Biologie diktiert uns also, Säuglinge zunächst simpel „sprachfähig“ zu machen und nicht durch unnötigen Ballast, wie in diesem Fall das Wort „Fielmann“, an Worten zu überlasten. Da für das Kind keinerlei Nutzen im frühen Hören und Lernen dieses Wortes bestünde.

 Aber auch aus anderen Gründen sind die Möglichkeiten eines Kleinkindes, sich ein Wort wie „Fielmann“ zu erobern, prinzipiell sehr eingeschränkt. Die kindliche Sprache entwickelt sich entlang bestimmter Gesetzmäßigkeiten, so auch die frühe Lautproduktion. Der Fachmann spricht hier vom „minimalen Konsonantismus“: Das Kind lernt vor allen anderen Konsonanten zunächst das „p“ und „t“, das „m“ und „n“. Im Bereich der Vokale produziert es lange Zeit nur das „a“, was dann mit den genannten Konsonanten kombiniert wird. Die Palette an möglichen ersten gesprochenen Worten ist somit nicht gerade groß. Wie es zu diesem frühsprachlichen Phänomen kommt, ist bislang noch nicht geklärt, vermutlich aber kommen die ersten unserem Mundraum und damit den kindlichen Möglichkeiten zur sprachlichen Artikulation am ehesten entgegen. So oder auch so: Das Wort „Fielmann“ jedenfalls wäre viel zu komplex, um vom Kleinkind produziert zu werden.

Das erste Wort eines Kindes ist also ein einfaches – aber keinesfalls ein unbedeutsames. Es bedarf hochkomplizierter Entwicklungsschritte, bis das Kind überhaupt in der Lage ist, Sprache zu produzieren, sie produzieren zu wollen und sie zu verstehen. Mit den ersten Lauten und dem frühen Sprechen wird auf die Umwelt Bezug genommen, Kinder versuchen, sich so ihrer Lebenswelt anzupassen und Kontakt zu ihrer Bezugsperson aufzunehmen. Dabei erproben sie Laute, simple Worte, suchen Augen- und Körperkontakt und verarbeiten Sprachinformationen bewusst und selektiv, um sich zu entwickeln.

Ob nun „Mama“ oder „Papa“ – das erste Wort eines Kindes ist Endprodukt einer enormen Anstrengung. Und wenn es diese Anstrengung hinter sich hat, Begriffe bewusst verwendet und einfachen Wörtern einen Sinn bemisst, dann hat unser Nachwuchs wohl Bedeutenderes gelernt als nur den Namen eines Konzerns für Augenoptik.