Reizthema

Weibliche Schnittmuster

Die Schönheitsindustrie sucht nach immer neuen Wegen, körperliche Unzufriedenheiten zu schüren. „Mommy Makeovers“ sind eine ihrer neuesten Erfindungen: Mit chirurgischen Eingriffen sollen Spuren von Schwangerschaft, Geburt oder Stillzeit beseitigt werden, die Frauen heute angeblich zunehmend körperlich traumatisieren. Kein Wunder – im Kult um die ideale Figur gehört mittlerweile schon der „neue Busen zum Schulabschluss“ zum guten Ton, der Maßstäbe setzt.


Die Botschaft scheint angekommen, ob von den Modelkörpern der Modebranche oder dem gängigen Themenspektrum heutiger Frauenzeitschriften verkündet: Wer begehrt sein will, muss an sich arbeiten. Ohne Diätplan und Fitnessprogramm, ohne ideale Linie und Kurven betonendes Outfit ist die Frau von heute nämlich – nichts als Rohstoff? Zumindest die Schönheitsindustrie legt uns das immer wieder nahe: Nichts müsse so sein, wie es ist! Dabei wirbt sie immer aggressiver mit ihren Möglichkeiten, den weiblichen Körper zu einem Edelprodukt zu machen, an dem Zeit und Alter – auch morgen noch – spurlos vorbeigehen. Sei es nun mit Hilfe kosmetischer, medikamentöser oder auch chirurgischer Eingriffe. Der „neue Busen als Geschenk zum High-School-Abschluss“ – zumindest in den USA sei derlei längst keine Seltenheit mehr, wie Prof. Heinz G. Bull, Präsident der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland, erklärt.

Wenig überraschend vor diesem Hintergrund also, dass heute immer mehr Frauen verunsichert auf die eigenen Umrisse blicken. In einer Umfrage der britischen Frauenzeitschrift Grazia hatten etwa 5.000 Leserinnen mit einem Altersdurchschnitt von 34 Jahren auf die Frage zu antworten, ob sie mit dem eigenen Körper zufrieden seien. Nur zwei Prozent der Frauen konnten das bejahen. Zumindest die Hälfte der Befragten hatte an den eigenen Knöcheln nichts auszusetzen. Immerhin etwas, wo schon alles andere als problematisch galt – bei 87 Prozent waren es die Oberschenkel, bei 79 Prozent die Hüften und bei 65 Prozent die Brüste, die unzufrieden stimmten. Typisch für den Kreis der Befragten, für die Leserin, die sich in der handelsüblichen Frauenzeitschriftenecke tummelt und deren Botschaften Glauben schenkt?

So oder so. Zahlen wie diese dürften all jene zuversichtlich stimmen, die über den körperlichen Komplexen heute so lukrativ das Messer zu wetzen verstehen. Der Markt der Schönheitschirurgie jedenfalls scheint einer rosigen Zukunft entgegen zu sehen – und wird dennoch nicht müde, für sich werben. Mit immer neuen Angeboten, wie etwa dem „Mommy Makeover“, das in den USA bereits ganz gut angenommen scheint. Im Jahr 2006 ließen sich dort 365.000 Frauen (im Alter zwischen 20 und 39 Jahren) nach diesem Programm behandeln – das waren 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Und es sieht ganz so aus, als könnten auch Frauen in Europa zunehmend mehr Gefallen an diesem neuen Trend zum postnatalen Wunschdesign der eigenen Figur finden.

Um was es dabei geht? Um das Übliche im Grunde: die straffe Brust, die feste Bauchdecke und die Reduzierung von Fett auf schnellst möglichem Wege. Neu ist einzig und allein das Argument, mit dem die Zielgruppe angesprochen wird: Auch Mütter können sexy sein. Zweifelt niemand dran? Mag sein, aber zum Programm der Schönheitschirurgie gehört eben auch das: Körperliches Selbstbewusstsein muss zunächst erschüttert werden, um danach als Retter in der Not auftreten zu können, der alles wieder herbeizaubert. Von einem „körperlichen Trauma“ ist in diesem Sinne denn auch gleich die Rede, das Frauen durch Schwangerschaft, Geburt oder Stillzeit erfahren würden. Und von einer „Genitalverjüngung“, die alles wieder zu alter Form bringen könne.

Mama auf dem Egotrip? Auf der Jagd nach der perfekten Bikinifigur, dem schönen Dekolleté, das Männer umhaut, oder sogar noch handfester: sexuellem Vergnügen? Nein, Gedanken an so etwas wollen natürlich auch die Anbieter des chirurgischen „Mommy Makeovers“ nicht wecken. Weshalb hier geschickt auf Kuschelkurs mit dem gegangen wird, was Frauen in ihrer Rolle als Mütter gemeinhin zu bewegen hat: Es gehe darum, „zu erkennen, dass die Art, wie du dich als Mutter fühlst, ganz wesentlich ist für die Stärke deiner Familie. Es hat einfach nichts mit Selbstbezogenheit oder Eitelkeit zu tun, wenn du dich jugendlich, sexy und selbstbewusst fühlen willst. Ein positives Selbstbild ist natürlich gut für dich selbst, es kann aber auch die Interaktion mit deinen Lieben davon profitieren“. So ist etwa auf der Website amommymakeover.com als Argumentation nachzulesen.

Natürlich ist diese Strategie, Frauen eine Schönheitsoperation zum Wohle der ganzen Familie nahe zu legen, ausgesprochen perfide. Aber das Geschäft mit der Schönheit hat eben nicht nur eine ästhetische Seite, wie hinlänglich bekannt ist. Sondern auch eine, in der mit menschlichen Schwächen Missbrauch betrieben wird. Kürzlich erst forderte ein Antrag der Fraktionen von Union und SPD im Bundestag dazu auf, den Verbraucherschutz in diesem Bereich zu verbessern. Schließlich ginge es nicht nur darum, einen weltweit boomenden Markt durchsichtiger zu machen, sondern auch fehlende Weiterbildungen, versicherungsrechtliche Lücken und vieles andere in den Griff zu bekommen – ganz zu schweigen von einem Problem, das vielleicht am meisten alarmieren sollte:

„Nach Informationen der Vereinigung Deutscher Plastischer Chirurgen werden 10 Prozent aller schönheitschirurgischen Eingriffe an unter 20-Jährigen durchgeführt. Schon bei den unter 9- bis 14-Jährigen wünscht sich jedes fünfte Kind laut einer Umfrage des Kinderbarometers der LBS-Initiative ‚Junge Familien‘ eine schönheitsoperative Behandlung“, so heißt es in dem Antrag.

Ob uns da nicht doch etwas außer Kontrolle gerät? Vielleicht sollten wir angesichts immer jünger werdender Patienten ja doch mal auf die Bremse gehen und endlich einsehen: Die körperlichen Schnittmuster, mit denen die Schönheitsindustrie heute wirbt, mögen noch so viel versprechend daherkommen. Die Schnittstellen selbst aber können auch schmerzen, mitunter schlecht heilen – oder sogar tödlich sein. Nicht zuletzt für die Vorstellungskraft jener, die um die eigenen Stärken und Werte im Leben erst noch ringen.