Starke Frauen

Weltreisen einer Lebensmüden

Sie fuhr im Ford Cabrio von Genf bis nach Kabul und erkundete viele Kontinente – doch im eigenen Leben anzukommen, fiel Annemarie Schwarzenbach schwer. Zu ruhelos und depressiv war die Schweizer Reisejournalistin und Autorin, um deren Liebe die Amerikanerin Carson McCullers vergeblich warb.

„Mein Leben zerfetzt sich mir in tausend Stücke“, schrieb Annemarie Schwarzenbach 1935 an ihren Freund Klaus Mann. Da hatte die gerade einmal 27-Jährige kurz zuvor versucht, sich das Leben zu nehmen. Es sollte nicht der einzige Versuch bleiben. Sie hatte in ihrem Leben mit Drogensucht und Depressionen immer wieder aufs Neue zu kämpfen – mit heftigen Liebeskrisen nicht minder.

Dabei war im Grunde ein glückliches und privilegiertes Leben der jungen Frau so gut wie vorgezeichnet: Annemarie Schwarzenbach kam als Kind einer vermögenden Industriellenfamilie 1908 in Zürich zur Welt, war begabt und wurde gefördert. Eine Karriere als Konzertpianistin schien ihr in die Wiege gelegt – doch Annemarie setze lieber auf ihre literarischen Ambitionen, sehr zum Leidwesen der Mutter. 1931 erschien der erste Roman „Freunde um Bernhard“, der immerhin so erfolgreich war, dass die junge Autorin sich in ihrem Ehrgeiz bestätigt fühlen musste.

Noch im selben Jahr brach sie deshalb nach Berlin auf, auch um neue Impulse zu finden. Ihre faszinierende Gestalt sorgte schnell für Aufsehen: „Annemarie war das schönste Lebewesen, dem ich je begegnet bin. Ich habe später auch Greta Garbo kennen gelernt, deren Gesichtszüge vielleicht noch makelloser wirkten, aber Annemarie war ein Mensch, von dem man zunächst nicht wusste, ob sie Mann oder Frau war“, hält die Fotografin Marianne Breslauer in ihren Memoiren fest.

In Männeranzügen, mit Kurzhaarschnitt und ohne Scheu vor Exzessen – so stürzte sich die junge Frau nun in das Berliner Nachtleben. Sie trank viel, hatte Affären und geriet an Morphium. Von der Sucht, die von ihr Besitz ergriff, kam sie nicht mehr los, auch nicht durch gezielte Entziehungskuren.

Das lag nicht unwesentlich auch an einer Liebe, die unerfüllt blieb und immerzu quälte – zu Erika Mann. Annemarie Schwarzenbach hatte sich leidenschaftlich in die älteste Tochter Thomas Manns verliebt, die aber konnte diese Gefühle einfach nicht erwidern. Eine Enttäuschung, über die Schwarzenbach Zeit ihres Lebens nicht hinweg kam. Und eine Enttäuschung, die ihr ständig vor Augen war: Beide Frauen verband über viele Jahre nämlich eine sehr enge Freundschaft.

Nicht nur Thomas Mann bemerkte, wie in diesen Jahren körperliche und seelische Probleme dem talentierten „Schweizerkind“, das oft in seinem Hause zu Gast war, zunehmend zusetzten. Einen „verödeten Engel“ nannte er die Ausgebrannte schließlich in einer seiner Tagebuchnotizen.

Zum 100. Geburtstag in diesem Frühjahr erinnern neue Biografien und eine Ausstellung an die unglückliche Schriftstellerin und ihr Leben. Das Literaturhaus Berlin etwa zeigt unter dem Titel „Eine Frau zu sehen“ eine Reihe von Briefen, Filme, Tagebücher und Manuskripte, teilweise erstmals öffentlich. Dabei sind auch viele Momentaufnahmen der Reisen, zu denen Annemarie Schwarzenbach immer wieder aufbrach, zu sehen: In weniger als zehn Jahren besuchte die bekannte Reisejournalistin je viermal Persien und die Vereinigten Staaten und war mehrmals quer durch ganz Europa unterwegs. Mit der Archäologin Ella Maillart fuhr sie sogar im Auto von der Schweiz nach Afghanistan, um von dort über das Leben der Frauen unter dem Tschador zu berichteten. Und gegen Ende ihres Lebens war es der Kongo, der sie lockte.

Was sie in dieser Ferne suchte? Vermutlich nicht nur das Abenteuer. Vermutlich oft auch nur die Flucht – vor sich selbst, den eigenen Krisen und ihren schwierigen Beziehungen.

Ein Buch, das ebenfalls gerade neu erschienen ist, kreist um genau diese Beziehungen. „Fast eine Liebe“ heißt der Titel, unter dem die Literaturkritikerin Alexandra Lavizzari einfühlsam skizziert, wie Annemarie Schwarzenbach gegen Ende ihres Lebens noch einmal auf eine Liebe stößt, die vielleicht auch Erfüllung hätte sein können – doch für die Schriftstellerin kam sie anscheinend zu spät.

Es geht um die Begegnung mit Carson McCullers, die Schwarzenbach 1941 in einem New Yorker Hotelzimmer, in dem sie Erika Mann besuchte, kennen lernte. Die beiden Schriftstellerinnen fühlen sich auf Anhieb stark zueinander hingezogen – intellektuell, aber auch darüber hinaus. „Während wir diskutierten, “ erinnert sich McCullers später, „betrat eine Unbekannte Erikas Zimmer. Sie hatte ein Gesicht, von dem ich wusste, dass es mich bis an das Ende meines Lebens verfolgen würde, schön, blond, mit geradem Haar. Ihr Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck, den ich nicht definieren konnte.“

Zumindest das Leben Annemarie Schwarzenbachs sollte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr von langer Dauer sein. Knapp zwei Jahre blieben den beiden Frauen zwar noch, zueinander zu finden, doch selbst die reichten nicht aus. Zu verschieden waren die Erfahrungen, die da im Wege standen. Bei aller Ähnlichkeit in den Voraussetzungen.

Carson McCullers war erst Anfang zwanzig und wurde 1941 gerade zum neuen Wunderkind der US-Literaturszene erklärt, nachdem ihr Romandebüt „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ überraschend ein Bestseller geworden war. Euphorie und Ehrgeiz trieben die junge Amerikanerin nun an, während die Lebensenergien der zehn Jahre älteren Schwarzenbach deutlich erschöpft schienen. Was dazu führte, dass diese sich nicht einlassen mochte: auf die Gefühle, die ihr entgegengebracht wurden, und ein neues Kapitel im Reigen eigener Verletzlichkeiten.

In ihrem Buch zeigt Alexandra Lavizzari dabei auch, wie viele andere Beziehungen und Figuren hier noch ins Spiel kommen: Ehemänner, die im Leben der beiden Frauen eher Nebenrollen spielen, im Falle Schwarzenbachs auch Konflikte mit dem Elternhaus, das mit Hitler sympathisierte, und Affären, die Besitz ergreifen. Und Freundschaften – wie die zu Erika und Klaus Mann, für deren politisches Engagement gegen die Nazis Annemarie stets voller Bewunderung war.

„Fast eine Liebe“ ist in diesem Sinne auch ein scharfsinniges Psychogramm einer Boheme, die in jenen Jahren durch Krieg und Exil extrem krisengeschüttelt war. Mindestens ebenso sehr ist das Buch aber auch als ein wunderbares Portrait zweier Frauen zu lesen, die anders leben wollten, als konventionelle Muster es vorsahen. Und das zu einer Zeit, in der eine neue Ungebundenheit noch Mühen kostete und Gefahren barg. Oder wie Annemarie Schwarzenbach selbst es einmal ausdrückte: „…diese Freiheit ist herber Natur und teuer erkauft“.

Am 15. November 1942 starb die Dichterin in ihrer Heimat an den Folgen eines Fahrradunfalls. Sie hatte schwere Kopfverletzungen erlitten, und als sie nach drei Tagen aus dem Koma erwachte, erkannte sie niemanden mehr. Schizophrenie lautete die Diagnose der Ärzte. Die darauf folgende Elektroschocktherapie war für den durch jahrelange Morphiumsucht geschwächten Körper Annemarie Schwarzenbachs zuviel.

Ausstellung:

„Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen“
Literaturhaus Berlin
14. Juni bis 3. August 2008
Täglich, außer montags, 11 bis 19 Uhr

Neue Bücher zum 100. Geburtstag: 

Alexandra Lavizzari: 
„Fast eine Liebe. Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers“.
Verlag: edition ebersbach (2008)

Alexis Schwarzenbach:
„Auf der Schwelle des Fremden. Das Leben der Annemarie Schwarzenbach“.
Verlag: Collection Rolf Heyne (2008).

Dominique Laure Miermot:
„Eine beflügelte Ungeduld. Eine Biographie“.
Amman Verlag & Co (2008).

Annemarie Schwarzenbach:
„Eine Frau zu sehen“.
(Erstveröffentlichung aus dem Nachlass).
Verlag: Kein & Aber (2008). 

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Bildnachweise:

1. Buchcover zu „Auf der Schwelle des Fremden“, Collection Rolf Heyne.
3. Buchcover zu „Fast eine Liebe“, edition ebersbach.
2. u. 4.  © Marianne Breslauer, Fotostiftung Schweiz. Mit freundlicher Genehmigung der edition ebersbach.