Anderswo

Wenn alle wissen, wer man ist

Judith Hermann steht wieder auf der literarischen Bühne – so richtig geheuer war ihr diese aber noch nie. Keine Fotos, keine Interviews, keine Fragen zu ihrem Privatleben, das wäre der Autorin eigentlich viel lieber. Aber die Öffentlichkeit erwartet anderes von einer, die einmal als „Stimme einer ganzen Generation“ galt.

Die Geschichte mit dem Foto ist längst bekannt. Nicht viele Menschen geraten wohl in die Situation, mit dem eigenen Foto verwechselt zu werden. Ob sie wisse, dass sie große Ähnlichkeiten mit Judith Hermann habe – wurde diese selbst einmal auf einer Party gefragt. Und das Gegenüber setzte sogar noch nach: „Das bekommst du sicher oft zu hören“. 

Oft zu hören bekam die Autorin zumindest Fragen, die viel mit dieser Anekdote zu tun haben: Seit sie mit „Sommerhaus Später“, ihrem Debüt von 1998, mehr oder minder über Nacht berühmt wurde, will man von Judith Hermann wissen, wie das eigentlich ist, wenn man gegen sich selbst anschreiben muss. Wie das ist, wenn der Literaturbetrieb ein ganz bestimmtes Bild von einem hochhält und die Erwartungen an das nächste Buch so übersteigert sind, dass man im Grunde nur eines sicher noch kann: sich fürchten, alle zu enttäuschen. 

Damals hieß es, Judith Hermann hätte den „Sound einer ganzen Generation“ zwischen zwei Buchdeckeln zum Ausdruck gebracht. Eine Rolle, von der sich die Autorin reichlich überfordert fühlte – wobei zu diesem Mythos auch ein Foto gehört: In dem Umschlag von „Sommerhaus, später“ ist es abgedruckt, eine junge, verträumt wirkende Frau blickt hier in die Kamera, viel zu entrückt von unserer Zeit, als dass man hoffen könnte, dieser Frau auch jemals wirklich zu begegnen. Etwa auf einer Party.

„Ich fühlte mich plötzlich in der merkwürdigen Zwangssituation, einem Foto entsprechen zu müssen. Auf dem Foto sehe ich aus, als wäre ich nicht von dieser Welt, als stünde ich vollkommen neben mir, als wäre ich 1,45 Meter groß und im Grunde schon 1920 gestorben,“ kommentierte Judith Hermann dieses Porträt einmal, als sie vor fünf Jahren ihr zweites Buch veröffentlichte. Mittlerweile ist mit „Alice“ ein drittes erschienen, und auch mit diesem sind wieder Interviews zu bestreiten, in denen Hermann sich am eigenen Image abarbeiten muss.

 

„Wissen Sie – am liebsten würde ich gar kein Image haben“, gab Hermann bereits früher zu verstehen. „Eigentlich wäre es mein Bedürfnis gewesen, kein Interview zu geben. Kein Foto, keine Öffentlichkeit, nichts. Damit hätte ich aber das Image (...) der absolut prätentiösen Diva entworfen. (…) Also kommuniziere ich und versuche zu zeigen, dass ich nicht fragil bin, sondern eher so etwas wie sicher, handfest und robust.“

Sicher, handfest und robust – so präsentiert sich die Schriftstellerin nun auch in einem Gespräch, das im „Magazin“ des Schweizer Tages-Anzeigers nachzulesen ist. Aber keine Sorge. Judith Hermann ist darin noch immer ganz so, wie man sie kennt. Ohne Scheu, über Lampenfieber und Bühnenängste zu sprechen, über Dinge also, die eine Person ausmachen können – im Unterschied zu einem glatten Bestseller. Hier ein kurzer Auszug aus dem Interview, das Anuschka Roshani mit der Schriftstellerin führte: 

„ (...) Finden Sie Ihr Leben heute besser?
Besser kann ich nicht sagen. Anders? Na vielleicht doch besser. Es ist immer schwer auseinander zu halten, wie viel man sich schönredet oder inwieweit man die bestehenden Verhältnisse akzeptiert, weil es zu anstrengend wäre, wenn man immerzu mit ihnen ringen würde. Ich finde, dass ich heute viel ruhiger und geduldiger bin. Mehr Nerven habe. Vor sechs Jahren war ich das überhaupt nicht. Vor sechs Jahren habe ich eine Schachtel Zigaretten am Tag geraucht, mindestens, heute rauche ich gar nicht mehr. 


Waren Sie die typisch nervöse Raucherin?
Ich war vor Lesungen sehr nervös. Ganz alleine vollkommen verantwortlich zu sein für einen ganzen Abend, fand ich schrecklich. Die Möglichkeit, vor allen Leuten den Faden zu verlieren, der Hochstapelei entlarvt zu werden. (...)“


Das ganze Gespräch finden Sie im „Magazin“ des Schweizer Tages-Anzeigers in drei Teilen und mit einem Klick hierhin