Wissenswertes

Wenn die Andere ein Mann ist

In "Bisexuelle - Können sie sich denn nicht entscheiden?" habe ich über das Phänomen Bisexualität geschrieben. Ein wichtiger Aspekt blieb dabei wenig beachtet - die Partner der Bisexuellen.

Von: Michaela Tadjesch, Fotos: stock.xchng

vom 01.01.07

Gemäß dem Motto „ein bisschen bi schadet nie“ vermittelt Bisexualität eine gewisse Faszination und Erotik. Insbesondere so manch ein Mann findet durchaus Gefallen an der Vorstellung seiner Partnerin beim Austausch von Zärtlichkeiten mit einer „Gespielin“. Abgesehen davon, ist in unserer Gesellschaft körperliche Nähe unter Frauen ohnehin vertrauter und sozial akzeptierter als unter Männern. Beispielsweise finden es die meisten Menschen süß, wenn beste Schulfreundinnen Händchen haltend durch den Ort laufen. Das gleiche Verhalten unter gleichaltrigen Jungen beobachtet, lässt viele Eltern jedoch einen Moment lang um die zukünftige Existenz eigener Enkel bangen.

 

Dass die Bisexualität eines Partners eine Beziehung zunächst in ähnlicher Weise bedroht wie ein Seitensprung bzw. ein Verhältnis, ist offensichtlich.

 

Bevor sich bisexuelle Menschen vor ihrem Partner outen oder dieser Teil ihrer selbst zufällig ans Tageslicht kommt (wenn auch eventuell ein wenig forciert), quälen auch sie sich nicht selten lange mit Gewissensfragen. Noch komplexer wird diese Grübelei, wenn das Paar Kinder hat. Dann treten zusätzlich Ängste auf, mit dem Ausleben der Neigung die Familie zu zerstören. Manche Bisexuelle haben zum Zeitpunkt ihres Coming Out schon gleichgeschlechtliche Beziehungen oder Kontakte gehabt, manche spüren erst den Wunsch danach. Vor und auch nach dem Coming Out helfen gemeinnützige Vereine wie BiNe-Bisexuelles Netzwerk e.V., ein seit 1992 bestehender Verein, in dessen Internetforum und Kontaktbereich sich bisexuelle Menschen und deren Angehörige austauschen und beraten.

 

„Dass sie über diese Seite von mir nichts weiß, belastet mich schon, zumal ich mir mittlerweile eingestanden habe, dass meine Lust und Bedürfnis nach homosexueller Nähe nicht verschwinden werden, sondern Teil von mir sind. Wenn ich mich meiner Freundin gegenüber oute, wäre das für sie mit Sicherheit ein ziemlicher Hammer. ... Ich kann mir aber auch nach einem Outing keine Beziehung vorstellen, in der ich mich mit einem anderen Mann treffe, während sie das weiß und allein zu Hause sitzt. Wie verletzend muss das sein???“ (aus dem BiNe-Forum)

 

Die Erkenntnis, dass der Partner bisexuell ist, wäre für die meisten Menschen zunächst relativ umwerfend, kann allerdings auch die Erleichterung mit sich bringen, „nun endlich zu verstehen, was der Partner vielleicht schon lange mit sich herumgeschleppt hat“. Erfährt das Umfeld davon, ist der am häufigsten erteilte Ratschlag die Trennung. Von Außen betrachtet und ohne die rosarote Beziehungsbrille stellt sich einfach sofort die Frage nach der Praktikabilität von Bisexualität in einer Beziehung: ... Offene Beziehung?, Dreierkonstellation? Wo mit dem Freund/ der Freundin treffen? Mit dem Freund/ der Freundin in den Urlaub fahren? Ist es nur eine Phase? ... Oder ist derjenige vielleicht doch ganz homosexuell? AIDS? Wie die Soziologin Brigitte Honnens (1996) in ihrem auf 50 Interviews mit Partnerinnen bisexueller Männer beruhenden Buch beschreibt, halten viele Frauen nach einem anfänglichen Schock zu ihrem Partner. Meistens wird das Geheimnis, Unverständnis und sozialen Druck befürchtend, gemeinsam vor dem Umfeld gehütet. Die Partnerin wird zu einer vertrauten Mitwisserin, was die Beziehung sogar verbessern kann.

 

Welche Aspekte genau sind es nun, die die Partner der Bisexuellen potentiell belasten? Es scheint weniger der Fakt zu sein, dass sich der Partner Sex mit einem anderen Menschen wünscht oder diesen hat. Nein, wie so häufig, geht es um Liebe und Verlustangst! Wie schon ausführlicher in Bisexuelle - Können sie sich denn nicht entscheiden? besprochen, wünschen sich die meisten Bisexuellen nicht einfach hin und wieder mal homosexuellen Sex, sondern sehnen sich nach gleichgeschlechtlicher Freundschaft oder Liebe - sie sind eben eigentlich nicht bisexuell, sondern bi-emotional.

 

„... Ich möchte einfach offen meine Bisexualität leben können. Das soll unsere Partnerschaft gar nicht in Frage stellen. Ich möchte aber auch nicht auf Sex und One-Night-Stands beschränkt werden. Im Idealfall verliebe ich mich in einen Mann, der selbst mit einer Frau zusammen ist, seine Bisexualität offen leben kann, und für eine dauerhafte zusätzliche Beziehung zu einem Mann offen ist. Nur Sex ist mir zu wenig. Aber eine Freundschaft mit einem bisexuellen Mann, die auch diese Seite umfasst, wäre auch schon schön. ...“ (aus dem BiNe-Forum)

 

Sobald sich zum Beispiel ein bisexueller Familienvater in einen Mann verliebt, wird es kompliziert, denn Verliebtheit macht in gewisser Weise egoistisch. Der Verliebte sehnt sich nicht nur danach, mit dem Freund zu schlafen, sondern auch danach ... morgens zusammen aufzuwachen, miteinander auszugehen, den Liebsten Freunden und Familie vorzustellen, gemeinsam einzukaufen und in den Urlaub zu fahren, .... Wie ist das vereinbar mit der ursprünglichen Partnerschaft mit seiner Frau?

 

Manchmal entstehen Dreierkonstellationen - körperliche oder emotionale. Diese sind aber naturgemäß dann kippelige Systeme, wenn nicht alle Beteiligten gleich stark von der Konstellation profitieren. Ist der Bisexuelle der „Hahn im Korb“, den im Tiefsten seines Herzens jeder der Geliebten ganz für sich haben möchte, sind Komplikationen vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass die beiden Geliebten meistens ungleiche Rechte haben (zum Beispiel der Ehemann mehr als die Freundin), was für denjenigen mit weniger Rechten naturgemäß unangenehm ist, während es dem Bevorteiligten das beruhigende Gefühl vermitteln kann, „der Hauptpartner zu sein, der im Zweifelsfall gewinnen würde“.

 

„... Diejenigen, die ihre Bisexualität auch wirklich ausleben müssen / wollen, benötigen natürlich einen Partner, der das verkraften kann und will! Das kann schwierig sein. Aber es gibt Leute, die in homo- und heterosexueller Liebe (oder nur Sex) verschiedene Schuhe sehen und deswegen keine Eifersucht sehen. Für mich wäre es so. Wenn ich eine Freundin hätte, die bi ist und ne andere Frau hat. Das wäre kein Problem für mich, solange ich die Nummer 1 bleibe! Wenn sie einen Kerl hätte, würde ich durchdrehen! Das sind für mich zwei Paar Schuhe! ...“ (aus dem BiNe-Forum)

 

„... fast alle betonen, dass es wichtig für sie oder für den Partner ist, für den Partner die Nr. 1 zu bleiben. Kann man das wirklich versprechen? Muss man sich nicht darauf einstellen, dass zumindest zeitweise ein neuer Partner auch mal wichtiger ist - Stichwort Schmetterlinge im Bauch? ...“ (aus dem BiNe-Forum)

 

Es gibt die Positiv-Beispiele - „Mehrfach-Konstellationen“, die sich gesucht und gefunden haben, Freunde oder Freundinnen, die neue Familienmitglieder werden, Familien mit jeweils einem bisexuellen Partner, die sich verstehen und sogar gemeinsam in den Urlaub fahren.

 

Hier ein Auszug aus dem Buch „Ein Frühstück zu Dritt“: … Die Toilettenspülung geht. Peter streckt sich und wird unruhig. Jetzt vielleicht noch zehn Minuten warme schläfrig-lustvolle Nähe im Gästezimmerbett etwas abseits der Hauptwohnräume. Dann geht Peter runter ins Bad zu seiner Frau, Regina, um mit ihr den Morgen zu beginnen und das Frühstück zu machen.

"Frühstück!" - Ich komme, meistens noch im Schlafanzug, in die Küche und wir frühstücken gemeinsam zu dritt, fast ein Ritual! Dafür, für seine Unruhe am Morgen, gerade auch dafür liebe ich ihn. Und doch wäre es schön, noch eine halbe oder auch drei Stunden weiter im Bett zu lümmeln, sich ohne Rücksicht gehen lassen zu können, die wenigen gemeinsamen Stunden und Tage, die wir für uns haben. Ich mag und respektiere Regina sehr, kenne sie ebenso lange wie Peter …

 
Und es gibt die negativen Ausgänge - bei denen es dem Bisexuellen zu schwer fällt, ständig zwischen zwei Menschen zu stehen, bei denen es einer der Geliebten nicht mehr aushalten kann, nicht der oder die Einzige zu sein oder bei denen sich der Bisexuelle unter dem Ausleben der neuen Seite so wesentlich verändert, dass seine ursprüngliche Beziehung daran zerbricht.

 

 

Literatur:

 

Honnens, Brigitte (1996). Wenn die Andere ein Mann ist. Frauen als Partnerinnen bisexueller Männer. Campus Verlag.

 

Schlender, Bärbel & Söhner, Erhard (2006). Ein Frühstück zu Dritt. Novum Verlag.