Reizthema

Wenn Til Schweiger subtil wird

„Hollywood Mission“ führt uns vor Augen, was Privatsender alles dürfen: sogar sexuelle Belästigung von Frauen als Abendunterhaltung verkaufen. Da können die „Mädels“, die in dieser Sendung um eine kleine Filmrolle wetteifern, noch so heulen, greinen oder „Schnuten ziehen“ – nichts hilft. Wenn Til Schweiger es will, wird eben Orgasmusstöhnen geübt. Und natürlich in einer Länge, wie sie der Schauspieler auch sonst so gewohnt sei…

Nein, um fehlendes Niveau geht es schon lange nicht mehr. Fragen des guten alten Niveaus spielen nämlich in einer völlig anderen Liga als das, was uns der Privatsender RTL nun wieder ins Fernsehen gebracht hat: Zwölf Frauen, die gegeneinander antreten, um unter Til Schweigers Regie zu zeigen, was aus ihnen herauszuholen ist – auf dem Weg nach oben und Hollywood. Orgasmuslaute gehören dazu. Natürlich auch Tränen, jede Menge Tränen. Und Sätze, die so lauten können: „Dann nahm ich meine Flöte und schob sie mir in die Muschi“. 

Nun gut. Niemand wird gezwungen, in einer Casting-Show mitzuwirken. Niemand auch, sich eine solche anzuschauen. Und auch die Kandidatinnen, die in „Hollywood Mission“ um eine Nebenrolle in dem kommenden Blockbuster „Twilight 2“ konkurrieren, tun dies freiwillig. Noch dazu sind sie volljährig. Im Grunde also nichts, worüber man sich noch aufregen könnte?  

Doch! Denn die Aufgaben, die in dieser Show zu bewältigen sind, haben zu eigentlich nur eines im Sinn: Sie vermitteln die Botschaft, das Frauen zu fast allem bereit sind, um an das Ziel ihrer Träume zu gelangen. Da werden die Kandidatinnen aufgefordert, bekannte Kinoszenen nachzuspielen – und also zu strippen wie einst Kim Basinger in „91/2 Wochen“. Oder sie sollen aus dem Stand einen sexuellen Höhepunkt so überwältigend „echt“ vortäuschen, wie es die Leinwandheldin in „Harry und Sally“ tut. Bloß keine falsche Scham, so heißt die Devise, mit der Til Schweiger die „Mädels“ dazu ermuntert, den Kopf doch bitteschön hübsch auf Stand-by geschaltet zu halten. 

Mit anderen Worten: Man darf auf „Twilight 2“ schon jetzt ziemlich gespannt sein und insbesondere wohl auf die Nebenrollen. Kaum anzunehmen ist, dass diese da anknüpfen werden, wo uns „Hollywood Mission“ derzeit angeblich Schauspielkunst präsentiert. Nein, um Können geht es in dieser Sendung kein bisschen. Vielmehr werden hier Mechanismen erprobt, die eigentlich einen Aufschrei provozieren müssten: „Sexuelle Belästigung heißt das“, so analysierte bereits eine Kritikerin in der „FAZ“ – zumindest dann, „wenn keine Kameras dabei sind“. 

In ihrem Artikel fordert die Journalistin Julia Voss denn auch dazu auf, sich folgende Situation einfach mal vorzustellen: Eine Frau wird in ihrem beruflichen Alltag plötzlich von einem Vorgesetzten dazu gedrängt, mit sexuellen Reizen zu wuchern oder sogar sexuelle Handlungen in die Waagschale zu werfen, um sich so Vorteile zu verschaffen. Oder auch drohende berufliche Nachteile zu verhindern. Der Fall wäre relativ eindeutig – und eine Anzeige wert. Im Fernsehen aber laufe dieselbe Situation plötzlich unter „selbst schuld“, so schreibt Julia Voss in der „FAZ“, um davor zu warnen: Öffentliche Demütigungen dieser Art als etwas ganz Normales hinzunehmen. 

Genau das aber ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Sendung: Sie zeigt, wie man Frauen in eine billige Rolle als Sexobjekt zwingt. Sollen wir wirklich einfach abschalten oder gar nicht erst ein, wenn Til Schweiger „seine Mädels“ mal wieder auf Piste schickt? In der letzten Folge mussten die Kandidatinnen sich etwa in lächerliche Kostüme zwängen und als Cinderella oder auch Marilyn Monroe verkleidet auf die Straße stürzen, um irgendwelche Passanten um Geld anzubetteln. Jeweils zu dritt war so ein Oscar zu gewinnen, der ein Weiterkommen in der Show garantiert – wenn auch nur für eine der Kandidatinnen. Wer hier nun verzichtet und wer nicht, sollten die Frauen untereinander selbst klären. „Jetzt wird’s subtil“, so kommentierte Til Schweiger den weiblichen Aufruhr, der natürlich prompt losbrach. Und spätestens hier weiß man: Wenn Til Schweiger subtil wird, geht es in der Welt der Casting-Shows kaum noch tiefer bergab. 

Wobei natürlich auch der Schauspieler selbst in dieser Sendung schlichtweg verheizt wird: Kaum vorstellbar, wie Schweiger mit dem Imageschaden, den er sich selbst gerade zufügt, fortan wird umgehen können? Jemand, der sich so nuschelnd und verdruckst, so zwischen pubertären Schlüpfrigkeiten und derben Altherrenwitzen changierend durch ein Programm kämpft, das mit Frauen so jenseits von Hier und Heute umgeht – wo soll der denn zukünftig noch landen? Auf einem roten Teppich in Hollywood jedenfalls ja wohl nicht. 

Apropos Teppich: Wissen Sie, wie die Quizfrage heißt, die in der Werbepause von „Hollywood Mission“ über die Bildschirme flimmert? Die Frage lautet: „Was wird in Hollywood oft ausgerollt? A: Ein roter Teppich. B: Ein fliegender Teppich.“ Nein, machen wir uns nichts vor. Zur Zielgruppe gehört man nicht. Und groß kann die auch nicht sein, wo selbst Achtjährige Fragen wie diese als intellektuell kränkend schon empfinden. Dennoch ist es erlaubt, sich mehrheitlich auch über den Sexismus aufzuregen, der hier wüten darf – am heutigen Abend schon zum dritten Mal in Folge.