Starke Frauen

Wer hat Angst vor Pippi Langstrumpf?

Mit ihrer rebellischen Kinderbuchfigur schuf Astrid Lindgren nicht nur ein Vorbild, das auch Mädchen ermunterte, sich stark zu fühlen. Pippi Langstrumpf war zugleich die rotzfreche Antwort auf eine leicht pikierte Welt, in der Hausfrauenklatsch und Kleinstadtmoral entschieden, was sich schickt und was nicht. Für eine junge Frau damals gehörte ein uneheliches Kind jedenfalls nicht zum Anstandskanon – ein Grund mehr für die schwedische Schriftstellerin, den Phrasen und Mustern ihrer Zeit unermüdlich auf den bigotten Nerv zu fühlen?

Gerade einmal 18 Jahre alt war Astrid Lindgren, als sie ihr erstes Kind zur Welt brachte – unehelich und heimlich in einer Klinik in Kopenhagen. Viele schwedische Frauen suchten damals diesen Weg nach Kopenhagen, um einen Skandal zu vermeiden: Meldungen über eine Geburt wurden von einer Klinik dort nämlich nicht weitergegeben und offiziell gemacht. Zumindest darauf konnten Schwangere, die nicht verheiratet waren, und junge Mütter, die allein standen, bauen – auf viel mehr aber in aller Regel nicht.

Oder zumindest nicht, wenn sie obendrein auch noch darauf bestanden, einen ganz eigenen Lebensweg für sich zu finden. Astrid Lindgren hatte den Vater ihres Kindes, von Beruf Redakteur, während eines Volontariats kennen gelernt, das sie gleich nach Schulabschluss bei einer kleineren Zeitung absolvierte. Heiraten aber wollte sie den Mann nicht – auch nicht mit Kind im Bauch. Und auch der Vater Astrid Lindgrens meinte, dass eine Eheschließung nicht das Richtige sei, und hob schützend die Hand über das weitere Geschick der Tochter – mit sehr deutlichen Worten: „Ein Unglück reicht!“

Was dem Kaffeekränzchen der idyllischen Kleinstadt Vimmerby, aus der Astrid Lindgren stammt, Gesprächsstoff liefern mochte, stellte sich aber dennoch nicht unbedingt als der „große Unglücksfall“ im Leben der Schriftstellerin dar. Im Gegenteil vielleicht sogar: Astrid Lindgren muss die Erfahrung, schon früh aus dem Nest einer kleinbürgerlichen (und ebenso kleingeistigen) Moral gefallen zu sein, sehr geprägt haben. Jedenfalls wurde diese Erfahrung ganz offenbar zu einem Motiv, für dessen Verarbeitung sich nicht nur das Leben anbot, sondern auch die Literatur.

Ob Karlsson vom Dach oder Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter oder der Bürgerschreck Pippi Langstrumpf – in den Kinderbüchern der Schwedin wimmelt es nur so vor Figuren, die dieses Motiv aufrufen: Figuren, die an die eigenen Fähigkeiten glauben und sich ihren ganz eigenen Reim auf die Dinge machen wollen. Und auch solche, die eine Ordnung, die andere für unumstößlich halten, noch einmal auf den Kopf zu stellen wagen. Mut, Lebenslust und Spaß am Widerspruch sind dabei selbstverständlich mit im Spiel.

Ganz sicher war es dennoch kein einfacher Weg, für den Astrid Lindgren sich damals entschied und auf dem sie so vieles schuf, was heute, zum 100. Geburtstag der Autorin in diesem Monat, weltweit gefeiert wird. Astrid Lindgren, die selbst am 14. November 1907 das Licht der Welt in sehr behüteten Verhältnissen erblickt hatte, musste ihren Sohn Lars nämlich zunächst in eine dänische Pflegefamilie geben, um selbst in Stockholm als Sekretärin arbeiten zu können und einen Lebensunterhalt für sich und das Kind zu verdienen. Erst nach einer Heirat mit Sture Lindgren, Bürovorsteher des Königlichen Automobilclubs, ergab sich für die junge Frau die Möglichkeit, anders in die Mutterrolle einzusteigen als zuvor und das Kind ganz zu sich zu holen.

Drei Jahre später kam dann noch eine Tochter zur Welt, die wiederum – auch das ist hinlänglich bekannt – die zündende Idee gebar, mit der Astrid Lindgrens schriftstellerische Karriere begann. Am Krankenbett der Tochter und auf deren Wunsch fing die Schwedin an, sich Geschichten auszudenken, die von einem Mädchen mit roten Zöpfen und vielen Sommersprossen handelten, die sich zur Anwältin so mancher Kinderzimmerrevolte erklärte.

Pippi Langstrumpf rief nämlich dazu auf, mit jeder nur denkbaren Guerillatechnik und anarchistischer Haushaltsführung die Logik der Erwachsenen einfach auszuhebeln und sich die Welt genau so zu machen, wie sie Kindern gefällt. Wie? Na eben so, dass Eltern und Pädagogen schon zu fürchten begannen, in Erziehungsfragen angesichts des Aufstands um Pippi bald keinen Fuß mehr an Land zu bekommen.

Astrid Lindgrens Rotschopf wurde nicht nur ungeheuer populär, sondern war auch immer ein wenig umstritten. Ein erstes Manuskript mit den Geschichten um Pippi war im Jahr 1944 dem renommierten Bonniers Verlag angeboten worden – doch der lehnte entschieden ab: „Ich hatte selbst keine Kinder und stellte mir mit Entsetzen vor, was passieren würde, wenn sie sich dieses Mädchen zum Vorbild nähmen“, so bekannte der zuständige Lektor im Nachhinein. Und die Diskussion sollte noch lange anhalten: Ob der Pippi-Kult nicht zu vieles auf den Kopf gestellt hätte, Schule, Familienleben, normales Verhalten? Ob die Figur mit ihrem ungebrochenen Glauben an sich und die eigene Stärke nicht für Kinder doch eher eine Überforderung sei – und ein schlimmes Zerrbild von Realität?

Insbesondere in der jüngeren Frauenbewegung herrscht dagegen heute kaum noch Zweifel: Pippi Langstrumpf möchte man nicht missen, wurde mit ihr doch ein "neues Mädchenbild" in die Welt gesetzt, das endlich abräumte: vor allem jene tief verwurzelten Vorstellungen von „Mädchenhaftigkeit“, die sehr viel mit Schönheitsidealen und unauffälligem Verhalten zu tun hatten. Aber so gut wie gar nichts mit einem Mut, selbständig aufzutreten, sich durchzusetzen und frei zu fühlen.

Natürlich mag der Einwand stimmen, dass Mädchen – richtige Mädchen im wirklichen Leben – eher selten die Kraft besitzen, Pferde zu stemmen. Vermutlich genauso selten wie Jungen. Aber das sagt noch gar nichts. Denn schließlich geht es in der Literatur auch nicht darum, Muskeln zu stärken – sondern die Phantasie. Und wo es nicht schaden kann, zumindest in der Phantasie weitaus mehr zu stemmen, als andere für möglich halten, darf man Pippi Langstrumpf bestimmt zu denen zählen, die ganz einfach das Zeug haben und zum Rolemodel taugen.


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Fotonachweise:

1. Gerti G. (via photocase)
2. Astrid Lindgren im Jahr 1924 (via wikipedia).
3. Schweizer Jugend-Briefmarke von 1985 mit Pippi Langstrumpf-Motiv.
4. Buchcover, Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf. Oetinger Verlag 1997.