Wissenswertes

Wer spült in Schweden?

Im Januar 2007 kommt das neue Elterngeld – nach schwedischem Vorbild. Doch ein „skandinavisches Modell“ ist damit hierzulande noch lange nicht in Sicht. Ein Gespräch mit zwei schwedischen Frauen über Familienpolitik – hier und dort.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: photocase.com, Hugo Åström, Eva Brylla

vom 29.09.06

„Helft Mama nicht!“ Mit diesem Slogan warb Ende der 1970er Jahre in Schweden eine Kampagne – nicht etwa dafür, auch in Zukunft Frauen auf Bergen von Hausarbeit einfach sitzen zu lassen. Im Gegenteil: Die Parole provozierte gegen alte Muster und sollte Männer ermuntern, ihre Selbständigkeit zu entdecken – an Herd, Spülbecken und Wickeltisch und überall dort, wo bis dato der Papa üblicherweise nicht mehr als ein wenig zur Hand ging.

 

Dass Väter und Mütter ihre Rollen zwischen Arbeitswelt und Kindererziehung neu zu finden haben, dieser Gedanke scheint heute in Schweden besser angekommen als anderswo. „Männer sollen bei der Haus- und Familienarbeit nicht mithelfen“, sagt die schwedische Radiomoderatorin Anna Karin Ivarsson und lächelt verschmitzt, „sie müssen ihren Anteil leisten.“ Skandinavierinnen treten in diesem Punkt selbstbewusst auf, und das mit guten Gründen. Denn in Nordeuropa zeigen Frauen im Gegenzug schon lange eine Präsenz auf dem Arbeitsmarkt, über die man hier nur anerkennungsvoll staunen kann. Auch Mütter noch sehr kleiner Kinder sind im Normalfall erwerbstätig und tragen eine hohe Verantwortung für das Einkommen der Familie. So gingen etwa Anfang der 1990er Jahre in Schweden 84 Prozent der Mütter arbeiten, die Kinder im Alter von einem bis drei Jahren hatten. Und für 91 Prozent der Sieben- bis Elfjährigen war es selbstverständlich, dass beide Eltern einen Job haben.

 

Anna Karin Ivarsson lebt zurzeit mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern (und einem prächtig runden Bauch, der weiteren Nachwuchs ankündigt) in Berlin. Die 40-Jährige verfolgt, wie in Deutschland über sinkende Geburtenraten, kinderlose Paare und ein marodes Rentensystem debattiert wird. Dabei kann sie über manches nur amüsiert den Kopf schütteln. Über Politiker etwa, die Zusammenhänge einfach nicht in den Blick bekommen. So wie der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), der kürzlich in der Diskussion um das neue Elterngeld und die Vätermonate polemisierte: „Es geht darum, dass mehr Kinder geboren werden, und nicht, wer spült!“ Ein verwunderlicher Kommentar, findet Anna Karin Ivarsson. Die Frage, wer spült, sei doch alles andere als Peanuts, wenn es um ein Leben mit Kindern ginge!

 

Vielleicht macht eben doch der Ton maßgeblich die Musik – und schafft damit entscheidende Unterschiede: Familienpolitik hängt derzeit in Deutschland allzu offensichtlich am Nagel einer demographischen Krisenstimmung – und dort mit ihren Argumenten oft sehr schief. In Skandinavien hat man dagegen früh begonnen, Schieflagen auszuloten, und den Blick dabei auf ganz Konkretes gerichtet. Auf Möglichkeiten etwa, ein egalitäres Modell von Elternschaft zu leben, wie es sich Paare heute in der Mehrzahl wünschen. Wer das Heim in Form hält und wer die Finanzen – das ist eine Frage, die in Schweden viel Aufmerksamkeit bekommt. Mit Ergebnissen, die nachdenklich stimmen: Wo der Trend zur Kinderlosigkeit hierzulande gerade unter Akademikerinnen besonders stark ist, sind es in Schweden oft die Frauen mit einer hohen beruflichen Qualifikation, die über ein drittes Kind nachdenken – und die es dann auch bekommen! Und während unter den Managerinnen in der Privatwirtschaft dort über 80 Prozent zugleich auch die Mutterrolle schultern, wagen hier nur gerade mal 30 Prozent ein solches Leben mit zwei anspruchsvollen Facetten.  

 

„Auch in Schweden gibt es natürlich Frauen, die kinderlos bleiben“ sagt Anna Karin Ivarsson. „Aber auf die Idee, den Grund hierfür in der eigenen Berufstätigkeit zu suchen – darauf käme wohl keine.“ Bliebe die Frage nach den Gründen, die stattdessen genannt würden? Ein lakonisches Schulterzucken kommt prompt: „Der richtige Mann, der einfach fehlte!“

 

Anna Karin IvarssonDie Antwort, die Anna Karin Ivarsson auffallend locker aus dem Ärmel zaubert, ist vielleicht gar nicht so zufällig. Sie sagt vieles über den familienpolitischen Weg, den man in unserem Nachbarland im Norden gegangen ist. Die traditionellen Geschlechterrollen standen hier früh im Fokus der Umverteilungspolitik. Bereits im Jahr 1972 wurde so eine Steuerpolitik ad acta gelegt, die zwar die Ehe förderte und den Mann in seiner Rolle als Ernährer, nicht aber unbedingt ein Leben mit Kindern. Und schon gar nicht weibliche Erwerbsarbeit! Deshalb wurde über Bord geworfen, was unter dem Begriff des Ehegattensplittings den Staat hierzulande jährlich rund 20 Milliarden Euro kostet, und dennoch meist negativen Effekt hat, wie mittlerweile Studien immer wieder belegen: Denn zumeist sind es die Männer, die umso mehr Einkommen nach Hause bringen, wenn ihre Ehefrauen auf ein eigenes verzichten. Und Frauen wiederum geraten leicht in einen Rechtfertigungszwang, wenn sie für einen Job, der wenig Geld bringt, Haus und Herd und Kinderschar ihrem Schicksal überlassen. Weshalb denn zumeist auch alles beim Alten bleibt.

 

In Schweden scheint man Mechanismen dieser Art weitaus besser ausgehebelt zu haben. Nicht zuletzt auch durch das ganz andere Modell von Familienpolitik, in das dort investiert wurde. Viel Geld ist dabei seit den 1970er Jahren nicht nur in den ehrgeizigen Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung, mit hohen pädagogischen Ansprüchen, geflossen – immerhin 40 bis 55 Prozent des gesamten familienpolitischen Etats der Zeit. Viel Geld ist auch für eine Politik aufgewendet worden, die als Vorgabe hatte, „aus Männern engagierte Väter zu machen“. Seit den 1980er Jahren gibt es in Schweden einen bezahlten Vaterschaftsurlaub, der für bemerkenswerte 10 Tage nach der Geburt eines Kindes genommen werden kann – auf dass zusammenhält, was früh sich bindet. Im Jahr 1974 war dazu das legendäre Elterngeld eingeführt worden. Eltern wurden nunmehr in den Erziehungsurlaub geschickt mit einem Lohnersatz, der 80 Prozent des vormaligen Bruttoeinkommens betrug – mit einer Summe also, für die endlich auch die Väter sich vorstellen konnten, mit Kinderwagen auf Piste zu gehen. In größerem Umfang geschah das allerdings erst ab dem Jahr 1995: da nämlich kam der erste „Papamonat“, ein bezahlter Elternurlaubsmonat, der nur vom Vater genommen werden konnte – und verfiel, wenn dieser nicht wollte. Immerhin wollten rund 80 Prozent der Männer.

 

Mittlerweile wird das schwedische Elterngeld für 390 Tage gezahlt, also rund 13 Monate. Dabei bleiben seit dem Jahr 2002 zwei Monate für das jeweils andere Elternteil reserviert, Paare müssen sich also in der Erziehungsrolle abwechseln, um in den vollen Genuss dieser Sozialversicherungsleistung zu kommen. Darüber hinaus können auch noch drei weitere Monate Elternurlaub genommen werden, die dann allerdings nur noch mit einem festen Tagessatz pauschal vergütet werden. Und während man in Deutschland gerade beginnt, sich an diesem Modell der Nachbarn neu zu orientieren, scheinen diese schon gleich wieder einen Schritt voraus: Ob Gleichstellung nicht eine messbare Größe von 50 Prozent sei, wurde in Schweden in der vergangen Zeit diskutiert. Mit anderen Worten: ob nicht eine Festlegung auf sechs verbindliche „Papamonate“ statt der inzwischen etablierten zwei Monate längst überfällig sei.

 

Charlotta BryllaIst in Schweden also alles in bester Fasson, wenn es um die Verteilung von Familienpflichten geht? Charlotta Brylla kräuselt die Stirn und schaut skeptisch. „Vieles ist in Schweden vorbildlich in dieser Frage“, sagt die 38-Jährige Germanistin, die gerade für ein Jahr mit Sohn, Stipendium und einem Lehrauftrag nach Berlin gekommen ist, wo auch der Vater des siebenjährigen Viktor lebt. „Dennoch aber läuft, wenn man genau hinschaut, vieles auch nach altem Schema“. Besonders genau hingeschaut hat Charlotta Brylla zum Beispiel, als sie in Stockholm tagsüber für ihre Forschungsarbeit in der Nationalbibliothek saß. Da gab es weitaus mehr zu beobachten, als man vermuten würde. Etwa wie ein Lesesaal, zu zwei Dritteln männlich und zu einem Drittel weiblich besetzt, sich immer aufs Gleiche nachmittäglich zu leeren begann: Schlug es Punkt 15.30 Uhr, so stand auf, wer weiblichen Geschlechts war, packte die Bücher zusammen und eilte nach Hause. Oder doch eher die Kinder einsammeln? Während die Welt des akademischen Buches fest in männliche Hand zurücksank.

 

Viel Stress um Gleichstellung und am Ende doch alles nur Doppelbelastung? Charlotta Brylla guckt jetzt nicht mehr skeptisch, sondern wird energisch: Auch in Schweden gäbe es die Unterschiede im Einkommen zwischen den Geschlechtern, und der Elternurlaub werde nach wie vor überdurchschnittlich von den Müttern genommen. Aber immerhin: Frauen gerieten bei weitem nicht so leicht in ökonomische Abhängigkeit wie etwa in Deutschland, sei es nun von einem Mann oder von staatlicher Unterstützung.

 

Anfang der 1990er Jahre verglich eine schwedische Studie das „potenziell zu erwartende Lebensarbeitseinkommen“ von Frauen in Europa. Eine westdeutsche Mutter mit zwei Kindern, so das Ergebnis, verzichtete im Schnitt auf 49 Prozent des Einkommens, das sie vermutlich verdient hätte – wäre sie kinderlos geblieben. Für eine schwedische Mutter mit zwei Kindern lag dieser Verzicht dagegen nur bei durchschnittlich 6 Prozent.

 

Warum das empören muss? Weil Kinderarmut in Deutschland derzeit in einem doppeltem Sinne zu beobachten ist: Nicht nur verzichten immer mehr Frauen auf Nachwuchs. Eine Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef hat im vergangenen Jahr ermittelt, dass auch immer mehr Kinder hierzulande einem Armutsrisiko ausgesetzt sind. Inzwischen gelten 40 Prozent der Kinder von allein Erziehenden als arm. Das hat natürlich viel mit dem zu tun, wovon hier die Rede ist: der sozialen Sicherheit von Frauen auch jenseits der Institution Ehe, die das Leben – allem fehlendem Einkommen zum Trotz – eben dennoch oft scheidet.

 

Ob das neue Elterngeld ab dem kommenden Jahr hier manches bewirken kann? Sicherlich nicht ohne weiteres. Denn ein richtiges Zeichen macht noch lange kein gutes Modell. Und wer durch Lohnersatzleistungen abgesichert sein will, braucht zunächst einen Job!

 

In diesem Sinne: Was macht eigentlich der Arbeitsmarkt? Und wer ist gerade mit dem Abwasch dran?