Cool Tour

Wer zum Teufel ist Jonatha Brooke?

Sie gilt als Independent-Sensation – dort, wo sie herkommt. Denn Jonatha Brooke hat es im amerikanischen Musikgeschäft weit gebracht und steht auf eigenen Beinen. Auch ohne die Mega-Budgets und die Mega-Bosse der Plattenindustrie im Rücken. Dieser Erfolg könnte auch hierzulande ankommen. Wäre da nicht immer wieder dieses Feedback auf den Namen Jonatha Brookes in Europa: „He? Wer? Noch nie gehört!“

Von: Gabriela Häfner, Fotos: bad dog records

vom 08.01.07

Vor drei Jahren war die amerikanische Songwriterin in Bremen zu Gast. Für ihren Auftritt, der vom Nordwest-Radio mitgeschnitten wurde, betrat sie die Bühne des Sendesaals. Und stand ratlos da: Wo denn alle diese Menschen herkämen, die zuhören wollten? Ob das etwa mit Zauberei zu tun habe?

 

Hatte es natürlich nicht. Vielmehr hatte es damit zu tun, dass inzwischen auch in diesem Land der Name Jonatha Brookes sich ein wenig herumgesprochen hatte – einer Musikerin, die nur selten außerhalb der Staaten live zu erleben ist. Denn Jonatha Brooke geht im Popbusiness schon seit vielen Jahren ihren eigenen Weg, und einen selbstfinanzierten dazu. Im Jahr 1998 gründete sie das eigene Plattenlabel Bad Dog Records. „Ich war darauf gefasst, mit dieser Labelgeschichte mein letztes Hemd und alle Hoffnung zu verlieren, dass etwas Gutes daraus entstehen könnte“, sagt Jonatha Brooke Jahre später. Es kam aber anders. Mit mittlerweile zwei Studio- und zwei Livealben, die auf Bad Dog Records erschienen sind, gilt die Künstlerin heute bei Kritikern und unter Musikerkollegen als etwas ganz Besonderes und ist in ihrem Heimatland schnell zu einem Aushängeschild des intelligenten Songwritings avanciert. Dennoch: Große Sprünge, allemal der nach Europa, sind für Jonatha Brooke nach wie vor ein finanzielles Wagnis – das genau zu kalkulieren ist und mitunter in Low-Budget-Kulissen zwingt oder dazu, die eigene Begleitband zu Hause zu lassen. 

 

Aber Jonatha Brooke überzeugt auch im Alleingang ganz gut. Mit ihren Songs, die Rezensenten immer wieder als „sophisticated“ umschreiben, wandelt sie musikalisch auf den Schnittstellen zwischen Pop, Rock und Folk und kehrt textlich alles das hervor, was im Leben aus dem Takt bringen kann. Die ganz kleinen Dinge etwa, die beobachtet werden: „I can tell, by the way you ’re pushing crumbs around the table/ you ’re not listening to me”, singt Jonatha Brooke, die Gitarre und auch mal Bass oder Klavier spielt und sowieso alle Songs selbst schreibt. Worum es geht? Um nichts. Um alles. Um das, was Männer und Frauen sich geben können - manchmal leider den Rest.

 

Wobei Jonatha Brooke nicht die Frau für den handelsüblichen Schmachtfetzen ist. Lieber stellt sie selbst fest, was geht. Wie etwa auch in dem Song „How deep is your love?“, der mit kräftigen Hip-Hop-Beats einheizt und keinen Zweifel aufkommen lässt: keine Antwort kann so schön sein wie das Vergnügen, einfach mal zur Sache zu kommen. Weshalb eben nicht nur der Freund der cleveren Textzeile bei diesen Songs gut bedient wird. Obwohl schon auch der!

 

„I´m just a typewriter kind of girl“, hat Jonatha Brooke einmal von sich behauptet. Das ist vielleicht nicht gelogen, aber doch ein Understatement. Und ganz und gar die Art, mit der diese Frau sich und ihre Musik stets an das Publikum bringt – vor allem auch via Internet und mit eigener Homepage. Man kann sich fragen, was aus Jonatha Brooke geworden wäre ohne das WorldWideWeb, das mit Pioniergeist genutzt wurde, um die selbst produzierten Songs zu vermarkten und zu verkaufen. Sicher ist nur eines: Auf keinen Fall wäre sie wohl das geworden, was die Großen der Plattenindustrie aus ihr machen wollten: ein auf Marktformat gebrachtes Pop-(Up-)Huhn aus der Legebatterie des musikalischen Mainstreams. 

 

Dann doch lieber alles an den Nagel hängen, so dachte Jonatha Brooke, als sie im Jahr 1998 vor eben diese Entscheidung gestellt wurde. Nachdem ihr vormaliges Bandprojekt „The Story“ sich aufgelöst hatte, war die Künstlerin nämlich damals noch bei dem Majorlabel MCA unter Vertrag – und gerade mit ihrem Album „Ten Cent Wings“ erstmalig solo auf Tournee. Ein nicht gerade günstiger Zeitpunkt für ein nicht gerade schmeichelhaftes Angebot:  Denn Jonatha Brooke bekam von ihrer Plattenfirma zu hören, dass man für das nächste Projekt ein größeres Budget einplanen wollte. Falls es ein nächstes Projekt geben sollte. Denn zunächst sollte sich die Musikerin bereit erklären, zukünftig das eigene künstlerische Profil in die Hände von MCA zu legen. Jonatha Brooke wollte aber nicht. Weder federführende Eingriffe noch Federn lassen. Was sie allerdings auch nicht wollte, war die Vertragsauflösung, die ihr mehr oder minder von heute auf morgen angedroht wurde. Weshalb sie es mit einem Gegenvorschlag versuchte: Man solle die laufende Tournee zunächst weiter unterstützen und je nach Erfolg später noch einmal verhandeln. Von Verhandeln konnte nach dieser kühnen Offensive aber keine Rede mehr sein. Jonatha Brooke war für ihre Plattenfirma nach eigener Aussage fortan eine zu ignorierende Person.

 

„Traumatische Erfahrungen haben eine wunderbare Wirkung auf Jonatha Brooke“, so hat einmal ein Kritiker über diese Episode gescherzt. Aber auch Jonatha Brooke hat die Erfahrung, über Nacht fallen gelassen zu werden, als beides zugleich in Erinnerung – als verletzend und befreiend in einem. „Diese Entscheidung hat mich stark gemacht wie keine andere”, so sagt sie rückblickend zu dem Entschluss, sich unabhängig zu machen von dem, was andere von ihr erwarteten. 

 

Mit ihrem letzten Soloalbum „Back in the Circus“ (2004) ist Jonatha Brooke jedenfalls da gelandet, wo sie hinwollte. Nicht nur im Popzirkus unserer Zeit, in dem sie in einer Liga mit Künstlerinnen wie Aimee Mann oder auch einer Natalie Merchant mitspielt.  Sondern auch bei sehr viel weniger Spektakulärem. „Der Ton dieser Platte hat mit dem Gefühl zu tun, irgendwo angekommen zu sein als Person, selbstsicher und im Einverständnis damit, wer ich bin“, so gab die Künstlerin in einem Interview preis. 

 

Jonatha Brooke auf Selbstfindungspfaden? Nun ja, für solche Pfade hat die Künstlerin dann doch zu viel Bühnentemperament. Wer sich von diesem selbst überzeugen möchte, muss mittlerweile nicht mehr auf den nächsten Abstecher nach Europa warten. Im Jahr 2004 stand Jonatha Brooke nämlich am New Yorker Off-Broadway auf der Bühne und gab einige Konzerte, von denen mittlerweile Mitschnitte als Live-CD und DVD herausgekommen sind. Vielleicht nur soviel vorweg: Es gibt da diesen Moment, in dem man vom Glauben abfallen möchte. Oder ungläubig seine Verzweiflung an der nächst besten Chipstüte auslassen. Weil alles, aber ungelogen alles, was da vor die Kamera kommt und sogar das Publikum, plötzlich etwas sehr Merkwürdiges im Gesicht hat.

 

 

Was das soll? Jonatha Brooke-Fans in Europa darf man nicht fragen. Die sind schon mit anderem überfordert, solange noch elementar zu klären ist: Wie viele sind wir eigentlich?