Anderswo

Werden wir Sabine Christiansen vermissen?

Sie bestimmte unseren Sonntagabend im Fernsehen. Ihre Sendung war montags in Büros, Kantinen und an Stammtischen in aller Munde. Ob man „Sabine Christiansen“ am Vorabend nun gesehen hatte oder nicht. Ob ihr Polit-Talk nun dem persönlichen Geschmack entsprach oder eher als Inbegriff von seichtem Journalismus gesehen wurde: Man kam an ihr nicht vorbei. Jetzt hat es ein Ende. Nach 9 Jahren und 477 Sendungen trat sie ab – und es scheint als ginge ein erleichtertes Seufzen durch die Republik.

Keiner wollte sie gesehen haben. Und trotzdem waren es im Schnitt 4 Millionen Zuschauer, die sonntäglich ihre illustre Runde telegener Politiker und Unternehmer am Bildschirm verfolgten. Jeder schimpfte über Christiansens allzu unkritische Fragerei, ihre Angewohnheit, Gesprächspartnern das Wort abzuschneiden, wenn es endlich mal zur Sache ging, ihre manchmal anbiedernde Art mit den geladenen Gästen zu sprechen. Sie vermochte es elegant zu vermeiden, dass zu den wichtigsten Themen unserer Gesellschaft endlich mal Tacheles geredet wurde. An den Talkgästen hat es nicht gelegen – sieht man mal von den Dauergästen Henkel, Westerwelle und Konsorten ab, die mehr als zuträglich in der Christiansen-Show Rededrang und Sende-Bewußtsein unter Beweis stellen durften. Sie kamen alle gerne. Die Gelegenheit zur risikolosen Selbstdarstellung ließ sich kaum einer entgehen. Denn Angst vor kritischem, kompetentem Nachfragen musste niemand der Talkgäste haben.


Thematisiert wurden stets die aktuellen „Katastrophen“ des Landes: Arbeitslosigkeit, Terrorangst, Überalterung, Mindestlohn - keine Sau, die Sabine Christiansen nicht durchs mediale Dorf trieb. Mit dem Erfolg, dass alle kucken kamen, auch wenn von vorneherein klar war, dass der Erkenntnisgewinn dürftig sein wird. Die Kunst des „Agenda-Settings“ wurde der Sendung nachgesagt – soll heißen: Christiansen griff nicht nur in die Kiste der Themen, die den Bürger zutiefst umtrieb, sondern sie bestimmte die Themen, die landauf, landab diskutiert wurden. Und verschaffte sich damit deftige Quoten. Den Anspruch, aufklären oder informieren zu wollen, hatte sie nie. Es war politische Unterhaltung, was sie betrieb – oder neudeutsch „Polittainment“. Das war jedem, der Sonntagabend zur Fernbedienung griff, bewusst – weswegen sich auch niemand entrüstet beklagen darf. Oder doch?


Viele sahen in ihr nicht bloß ein Paradebeispiel für TV-Small-Talk, sondern gar die Schuldige für die Verflachung des politischen Diskurses. Und noch schlimmer: Friedrich Merz und Wolfgang Thierse stritten sich darüber, inwieweit die Sonntagsrunde bei Sabine Christiansen gar zum "Ersatzparlament" verkommen wäre. Von einer "Christiansenisierung der Politik" war die Rede - "als Synonym für Niveauverlust und Inhaltslosigkeit". Einer, der in noch eindeutigeren Worten mit ihr abrechnete, ist Walter Possum. Er schrieb "Meine Sonntage mit Sabine Christiansen" - ein Buch, so bitterböse wie unterhaltsam.


Nun ist es da, das "Ende des Palavers" der „Ex-Stewardess“ - ein Etikett, das ihr stets anhing. Schluss mit kuscheln statt streiten. Und was machen wir nun künftig sonntagabends? "An Sabine Christiansen denken", wie Horst Köhler der Talkqueen in ihrer letzten Sendung schmeichelte? Wohl kaum. Böse Zungen behaupten, das Beste, was sie zu bieten hatte, "war der Sendeplatz". Und den übernimmt jetzt Anne Will.