Women only

WG mit Female Vibe gesucht

Die Suche nach einer neuen Bleibe kann aufregend sein. Vor allem, wenn ein halbnackter Mann die Tür öffnet ... leider mit verschwitztem Brustvollbart.

 

 

Ich habe mich bei der WG-Suche nie kleinlich gehabt. Ohne mich zu beschweren, habe ich sämtliche Super-Mitbewohner-Castings über mich ergehen lassen. Ich habe sogar Putengeschnetzeltes mit Sahnesauce für potenzielle Mitbewohner gekocht, gemeinsam mit meinen beiden Kontrahenten versteht sich. Wofür diese Teamarbeit gut sein sollte, ist mir bis heute nicht so recht klar geworden. Mich haben sie jedenfalls nicht genommen, und auf dem Rückweg bin ich auch noch in einen Hundehaufen getreten – war aber auch Friedrichshain, muss ich zu meiner Verteidigung anbringen.

Was mir jedoch vor kurzem passiert ist,  sprengt bei weitem alle bisher erlebten skurrilen Situationen und merkwürdig stillen Momente. 

Ein Typ, namens Joachim,  suchte nach einer Mitbewohnerin für seine Wohnung, die die meiste Zeit über leer steht, da er viel auf Reisen ist. Super, dachte ich. Da mir oft nur nach partiellem Wohngemeinschaftssinn ist, könnte diese Altbauwohnung in einem fast leer stehenden Haus im Prenzlauer Berg gut was für mich sein.

Leergut vor der Tür und ein unbewohntes Vorderhaus sollten mich erst einmal noch nicht abschrecken. Nachdem ich jedoch im zweiten Hinterhaus im dritten Stock angelangt war, meldete sich bereis mein Bauchgefühl. 

*Twitch*

Ach was jetzt, keine Vorurteile. Zack, Klingel gedrückt. Nach längerem Warten öffnete mir ein stämmiger Mann die zugraffitite Tür. Er war gut drei Köpfe größer als ich, nassgeschwitzt und oben ohne. Ich konnte nicht reden. Ich starrte ihn an.

*Twitch*

„Ach hey, ist es schon zwölf?“ holte seine Stimme mich ins Jenseits zurück, geradeweg auf den knarrenden Boden dieses abrissgefährdeten Hinterhauses. Ich muss ihm wohl geantwortet haben. Vielleicht sogar „Ja“, denn plötzlich saß ich in der Küche mit „Jeevaan“, wie er sich mir vorstellte. In der E-Mail vorhin nannte er sich noch Hans Wurst. Ich war verwirrt. Was tat ich hier? Ich hielt mich an den Armlehnen des Sessels fest. In manchen Momenten fühlt man sich zu schwer zum Weglaufen. So was habe ich als Kind immer geträumt. Jetzt saß ich hier.

„Sorry, ich bin noch etwas schwitzig von meiner Yoga-Praxis“, sprach Joachim aka Hans Wurst aka Jeevaan. Den letzteren Namen hat er von einer Indienreise mitgebracht. 
„Äh.. also du suchst einen Mitbewohner?“ stammelte ich. Dabei weiß ich doch schon, dass ich hier NIEMALS im Leben einziehen möchte. Momentan interessiert mich jedoch nur mein unversehrter Abgang. Aber Yogis sind doch friedliche Menschen. Die essen ja nicht mal Tiere.

*Twitch*

Er zwinkert mir zu „MitbewohnerIN“ und nickt allwissend. „Ich will in der Wohnung mal wieder so nen Female Vibe haben“.

*Twitch*

Hat er gerade „viel mehr Weib“ gesagt? Ich verstehe nur die Hälfte, bin mit meinen Augen abwechselnd an seine nackten, haarigen Zehen gefesselt, die er vor mir auf dem Küchentisch platziert hat, oder an der komplett mit Party-Flyern tapezierten Wand, vor der ich saß. Es gab keine Tapete. Jede Raufaser meines Körpers zog sich zusammen als ich ihn fragte, wieso er denn soviel reise. „Na ist halt mein Lifestyle, ne?!“

*Twitch*

Seine schulterlangen Haare fielen ihm in sein Gesicht. Wie alt ich ihn schätze, will er wissen. 40 sage ich. Er sagt „Danke dir“ und lächelt mich wohlwollend an. Ich habe ihm ein Kompliment gemacht!

*Twitch"

Was ich denn so mache, will er wissen. Ich sag nur „Lehramtsstudentin“ und zeige nickend mit dem Finger auf mich selbst. Nach fünf Minuten in Jeehanswursts Küche habe ich mich auf Lianen-Jane-Niveau genickt und komme mir dennoch auf einmal unfassbar spießig vor. Dabei mache ich doch selbst Yoga und hab auch schon einmal einen Reiserucksack aufgehabt. Trotzdem kann ich nur wenige Gemeinsamkeiten finden, ich finde ihn und dieses leere Haus einfach unheimlich. Ich frage mich, ob hier mal ganz viele Leute drin gewohnt haben... Aber auch dieser Gedankengang wird abrupt unterbrochen, als der alternde Jüngling mich fragt, ob ich denn einen Freund hätte, denn so zu dritt leben, nein das mag er nicht. Er hat es da lieber „one-on-one“.  

*Twitch*

Ich denke mir „one-none-gone“ und verschwinde mit völlig falscher Atemtechnik. Meinen eigenen Yogalehrer möchte ich erst mal auch nicht wieder sehen.

Ich habe Jeevaan abgesagt. Feige per SMS. Bei Joachim wäre ich vielleicht eingezogen. Dem hätte ich vielleicht auch Sahnegeschnetzeltes gekocht, wenn er denn Fleisch isst.

 

 

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Bettina Schlüter ist Studentin der Germanistik und Anglistik und gerade dabei die letzten Examenshürden zu erklimmen. Sie schreibt regelmäßig für das Berliner Studentenmagazin "Spree" und arbeitet an der Entwicklung von Englisch-Lernsoftware beim Cornelsen Verlag in Berlin mit. Neuerdings hat sie die Blog-Welt für sich entdeckt und versucht sich nun auch an einem eigenen.

 

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