Reizthema

Wie feige sind die Frauen?

Will Bascha Mika mit ihrem Buch "Die Feigheit der Frauen" nur provozieren? Ist was dran an ihren Behauptungen? Ein schwieriges Terrain, das sich lohnt, genauer zu durchleuchten.

Frauen haben´s schwer, sagt Bascha Mika in der Einleitung zu einer krassen Polemik gegen ihre Schwestern: Sie wollen frei sein, aber sie ordnen sich freiwillig den Männern unter. Sie wollen Karriere machen, entscheiden sich trotzdem für die Mutter- und Hausfrauenrolle. Sie wollen gleich sein, doch sobald sie um ihre Rechte kämpfen müssten, ziehen sie sich zurück. Deshalb sind nicht die Männer daran schuld, dass Frauen so wenig Macht haben, sondern sie selbst. Die weibliche Feigheit. Sagt Bascha Mika, lange Jahre Chefredakteurin der eher linken taz, heute Honorarprofessorin an der Universität der Künste in Berlin, wo sie journalistischen Nachwuchs ausbildet, selbst kinderlos.

 

Der Traum von der großen Liebe statt von Karriere


Sie hat ja nicht unrecht. Viele Frauen entsprechen dem Bild, das sie in ihrer Anklage zeichnet. Sie träumen von der großen Liebe statt von einer Karriere, und wenn sie sich dann verlieben, machen sie den Mann an ihrer Seite zum Lebensinhalt. Und wenn sie ein Kind bekommen, gelten die Wünsche des Babys plötzlich viel mehr als eigener Ehrgeiz oder der eigene 'pursuit of happiness'. Aus Verzicht aufs eigene Glück machen sie eine Tugend. Und wenn die Männer  sie bei Erziehung und Hausarbeit nicht unterstützten (oft weil sie als einziger Geldverdiener gar keine Zeit und Energie mehr dafür haben), ersetzen diese Frauen den eigenen Beruf durch den Beruf "Mutter". Ganztägig.

Bascha Mika unterstellt den vielen Berufsmüttern Feigheit. Und der Gesellschaft, also den herrschenden Männern, dass sie alles tut, um diese Feigheit zum gesellschaftlichen Konsens zu machen. Weil sie ihnen ihr Leben bequemer macht.

Auch richtig. Oder zumindest nicht ganz falsch, denn ja immer mehr starke Frauen steuern mit viel Einsatz und Kraft dagegen, von Bundeskanzlerin Merkel über Ministerin von der Leyen bis zur Kriminalinspektorin und der Personalchefin im Supermarkt. Was mich an Mikas Polemik stört sind zwei Punkte:

 

Mühsal der Balance wird unterschlagen


Sie geht nicht darauf ein, wie mühsam die Balance zwischen Beruf und Kinderwünschen ist. Als berufstätige und allein erziehende Mutter habe ich sie nur geschafft, weil ich immer gut verdient habe und mir eine gute Tagesmutter leisten konnte.  Wie das eine Friseuse schaffen soll oder eine junge Finanzbeamtin ist mir schleierhaft.  Allerdings:

Wer diese Wahl trifft, denkt meiner Ansicht nach zu kurzfristig. Mika geht darauf nicht ein, aber wir alle wissen auch ohne ihre Denkhilfe: Das Leben dauert heute verdammt lange. Wenn die Kinder selbstständig werden, hat die Mutter noch (im Durchschnitt!) 40 Lebensjahre vor sich. Natürlich gehen die meisten Jungmütter davon aus, dass sie eines Tages in den Beruf zurückkehren können. Erst mal halbstags, dann, nach Auszug der Kinder, voll. Aber haben sie dann noch Aufstiegschancen, eine berechtigte Hoffnung auf ein steigendes Gehalt? Anerkennung für ihr Können?

 

Erschwerte Bedingungen


Wohl kaum. Besonders Letzteres, das Know-how, ist beim versuchten Wiedereinstieg in den einmal erlernten Beruf meist überholt, die neuesten Techniken müssen erst einmal erlernt werden. Oft unter erschwerten Bedingungen, weil viel zu vielen 40-Jährigen nicht nur die Kinder, sondern auch der zahlende Ehemann abhanden kommt. Ob die Scheidung dann von ihr ausging oder von ihm ist egal. Wenn sie nicht das Glück hatte einen richtige Reichen zu heiraten,  bringen jede Trennung erst einmal Einschränkungen.

Deshalb, und nicht aus politischen Gründen wie Mika, finde ich es traurig, dass sich so viele junge Frauen nach dem Vorbild ihrer Großmütter (und oft genug auch noch ihrer Mütter) leben statt sich einen neuen Weg zu suchen. Egal, wie mühsam der ist. Auch wenn das Leben für berufstätige Mütter doppelt so hart ist wie für die neuen Hausfrauen - es bietet auch doppelt so viele Glückschancen. Mit dem Kind und innerhalb der Karriere. Die muss ja nicht in einem Vorstandsvorsitz enden. Vorarbeiterin in einem Handwerksbetrieb, verantwortliche Buchhalterin statt letzte Sekretärin,  Logistikexpertin statt Computermaus - Hauptsache frau ist mit 30, besonders mit 40 oder 50 weiter als mit 20, denn erst dann macht der Beruf richtig Spaß. Jeder Beruf!

 

Trotzdem: Lesenswerte Polemik


Die Frage nach dem Leben jenseits der Vierzig stellt sich kaum ein junger Mensch. Nur wenig Frauen machen sich Gedanken darüber, was sie nach (hoffentlich glücklicher) Ehezeit und (hoffentlich mit Dankbarkeit und nicht mit Vorwürfen belohnter) Kindererziehung mit der zweiten Hälfte ihres Lebens anfangen wollen. Mein Rat:

1. den Beruf NICHT aufgeben. Auf gar keinen Fall. Irgendwie und irgendwo Hilfen für den Spagat zwischen Kind und Karriere finden. Sie werden nie perfekt sein, aber Hausfrauenleben ist es erst recht nicht.

2. Bascha Mikas "Streitschrift wider den Selbstbetrug" (Untertitel) lesen. Unbedingt. Einmal weil sich (hoffentlich) viele junge Leserinnen so über Mikas Unterstellungen ärgern werden, dass sie ihrem Befehl zur Berufstätigkeit folgt. Zum anderen weil sie dann vielleicht einsehen, dass der Schritt in die Rollenfalle viel längere und härtere Auswirkungen haben wird, als sie vor der Lektüre dachte. Weit über die Mutterzeit hinaus. Bis ins hohe Alter, für das sie als Hausfrau keine Rente verdient hat oder als Berufsfrau eine ausreichende.

Ach ja: "Die Feigheit der Frauen" ist so süffig geschrieben, dass die Lektüre sogar dann Spannung, Anregung und Thrill bietet, wenn man den Inhalt total übertrieben findet. Bascha Mika ist eine sehr gut Journalistin.