Lesen

"Wie man richtig an Sex denkt"

"Großartiger Sex erscheint uns manchmal flüchtiger als das Glück", steht schon auf dem Klappentext. Wie wahr. Und deshalb leitet uns Alain de Botton heiter zu etwas mehr Gelassenheit an.

Ein MUSS-Buch; ein Buch, das jeder gleich mehrmals kaufen sollte, um es an beste Freunde zu verschenken. Und um sein Exemplar eifersüchtig hüten zu können - zum Immer-mal-wieder-Reinschauen, denn:

"Wie man richtig an Sex denkt"
ist viel mehr als eine "kleine Philosophie der Lebenskunst", wie es der Untertitel verspricht. Es ist eine große und großartige LebensHILFE für alle zwischen 14 und 94. Nicht nur für jene, die gerade nach einem Neuen suchen oder an sich, beziehungsweise dem Partner (ver)zweifeln. Es liefert auch den Glücklichen, die mit ihrer Sexualität zufrieden sind, klugen Anregungen zum Weiterdenken.


Handfeste Ratschläge

Der Autor, Alain de Botton, in Zürich geboren und heute in London zuhause, wurde mit dem Bestseller "Trost der Philosophie" international bekannt, denn er bewies damit: Ein als "schwierig" angesehenes Thema wie Philosophie kann 1. so aufbereitet werden, dass auch Philo-Laien etwas damit anfangen und ihre Freude an hochkarätigen Ideen haben können, und 2. dass intelligente (und humorvolle) Antworten auf philosophische Fragen  jedem zu einem zufriedeneren Leben verhelfen. In seiner Londoner School of Life und mit einer ganzen Reihe von 'Lebenskunst'-Ratgebern bietet er weitere Anregungen für Sinnsucher.

Was seine auf etwas über 200 kleinformatigen Seiten zusammengefassten Aussagen über Sex so angenehm von den Überlegungen anderer Ratgeber unterscheidet: Alain de Botton ist ehrlich mit sich selbst und anderen, aber er nimmt Fehler, die wir alle beim Sex so leicht machen, gelassen als unvermeidbar hin und gibt handfeste Ratschläge, wie der Leser mit seiner Unsicherheit, seinem Frust und seinen Sehnsüchten klarkommen kann. Besonders deutlich wird das beim Thema "Liebe contra Sex". Da schreibt de Botton zum Beispiel: "... sich Liebe mehr zu wünschen als Sex oder sogar anstelle von Sex, ist nicht "besser" oder "schlechter" als der umgekehrte Fall. Beide Bedürfnisse haben ihren Platz im Repertoire der menschlichen Gefühle und Sehnsüchte."

 

Liebe ist edler als Sex? Quatsch!

Das widerspricht dem gesellschaftlichen Paradigma, unser aller Überzeugung, dass Liebe höherwertiger, erstrebenswerter, edler sei als ein guter Orgasmus. De Botton zeigt klar, wie groß unser Irrtum hier ist. Warum? Nur wenn wir unsere "gesellschaftlichen Tabus" überwinden, von denen die Wünsche nach Liebe und Sex umstellt werden, so sagt de Botton, wird Glück möglich, denn damit wird "der Zwang zur Heuchelei beseitigt ... das Leid und schlechte Gewissen abgebaut", die "er nach sich zieht."

Nachdenkenswert, oder? So geht es den Lesern ständig, wenn sie sich atemlos-neugierig durch "Wie man richtig an Sex denkt" fressen. Man schwankt zwischen schockierter Abwehr (nein, das geht mir viel zu weit!), amüsiertem Schmunzeln (ja, hübsch zusammengefasst!) und dem Aha-Moment, in dem man erstaunt erkennt, dass die Überlegungen des Autors auch die eigenen Probleme ansprechen. Und helfen, damit fertig zu werden.

 

Die Lust auf der Flugzeugtoilette

Die Auswahl an Themen ist groß. Da geht es um das Kamasutra und andere Sexratgeber, um den ersten Kuss und sexuellen Wünsche, die weit über das "Normale" hinausgehen. Alain de Botton schreibt über die Lust an Uniformen, Flugzeugtoiletten als Sehnsuchtsorte für sexuelle Erfüllung und "unhöfliche Liebe". Er liefert Einblicke in die Evolutionsbiologie (und erklärt, weshalb man sie nicht gar zu ernst nehmen sollte) und spanischen Barock. Es geht um Seitensprünge (vor denen der Autor vorsichtig warnt) und mangelnde Lust, Sex zu dritt und die Geschichte der Impotenz.

 

Auch Peinliches wird angesprochen

Nein, hier wird nicht drum herrum geredet. Hier werden auch Themen, die einige sogar im Gespräch mit einem Therapeuten als peinlich empfinden würden, deutlich angesprochen - und dann mit Witz und Einfühlungsvermögen kurz, aber immer intelligent abgehandelt. Das macht das kleine Buch zu einem großen Kunstwerk und zu wertvoll, um es zu verleihen, denn es hat - jenseits von aller Aufklärung über Sexualität - noch einen weiteren Vorteil:

"Wie man richtig an Sex denkt" lehrt wirklich, wie im Untertitel versprochen, 'Lebenskunst'. Logisch: Wenn man sich erst einmal mit seinen sexuellen Lustvorstellungen und Enttäuschungen auseinandergesetzt (und damit abgefunden!) hat, bleibt sehr viel Zeit, um andere Frustquellen zu verstopfen. Um dann dank dieses philosophischen Inputs insgesamt einen verträglicheren Gefühls-Output zu genießen, also glücklicher und entspannter zu leben. Besseres kann ein Buch wirklich nicht bieten!