Wissenswertes

Wie wollen wir sterben?

Michael de Ridder -Internist und Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses - schrieb ein aufregend-spannendes Buch.

Hier spricht jemand, der sich auskennt. Und der es leid ist, dass er viel zu oft Berichte über Kollegen hören muss, denen die Anwendung ihrer ärztlichen Kunst wichtiger ist als der Patient, der sie aushalten muss. Hauptsache, er bleibt am Leben, egal ob er das will oder nicht, egal, wie das Leben, das ihm diese Ärzte "schenken" hinterher aussieht. Rücksichtslos.

Darf, soll, muss ein Arzt wirklich immer Leben erhalten? Das heißt: Muss er dafür sorgen, dass ein kranker, schwer verunglückter, von Schmerzen hilflos gemachter Mensch weiter atmet, sein Kreislauf einigermaßen stabil bleibt, seine Nieren, Leber und Galle funktionieren?


Falsch definierte ärztliche Ethik?


Michael de Ridder ist der Meinung: er muss nicht. Ein guter Arzt muss sich stattdessen fragen, ob seine Bemühungen dem Menschen, den er vor sich hat, wirklich helfen, ob sie in seinem Sinn und nicht im Sinn einer (in der modernen Medizin) vielleicht falsch definierten ärztlichen Ethik "richtig" sind. Es geht ihm nicht ums Sterben, sondern ums sterben lassen. Ganz pragmatisch.

Das ist heute noch eine Außenseiterposition. Der allgemeine Gesundheitswahn, der Wunsch von Millionen a la Künstler Heesters über 100 zu werden und immer noch fit zu sein, spricht dagegen. Zwar sagen im Umfragen immer mehr Menschen, sie wollten keine  lebensverlängernden Maßnahmen, wenn das Leben hinterher nicht mehr lebenswert ist, aber wenn man sie persönlich fragt, heißt zumindest die Antwort der Ehrlichen:

 

Heidenangst vor dem Sterben


Sterben? Nicht mehr da sein? Davor hat die Mehrheit eine  Heidenangst.  Nicht weil uns der Glaube an Fegefeuer und Hölle, an göttliche Strafen für menschliche Sünden abhanden gekommen ist - er hat Generationen vor uns das Sterben schrecklich erschwert -, sondern eher weil der dazugehörige Glaube an ewiges, paradiesischen Leben ebenfalls verschwand. Jetzt haben die meisten nur noch die Aussicht auf eine lange, scheußliche Pflegephase im Altenheim und dann auf ein schwarzes Loch des Nichts.

Michael de Ridder geht auf die philsosophischen, religiösen Hintergründe des aktuellen Gesundheitswahns, der Sterbeangst nicht ein. Ihm geht ums Praktische: Dürfen Ärzte sich über den Willen der Patienten hinwegsetzen? Auch wenn sie ihren Wunsch nach einem friedlichen Tod noch äußern können? Oder wenn ihr Körper sich durch Appetitlosigkeit und die Weigerung noch zu trinken (was bei sehr alten Menschen oft vorkommt) selbst aufs Sterben einstellt? Müssen Menschen, die nach einem Unfall im Koma eine Art vegetatives Leben führen, über Jahre medizinisch versorgt werden? Hauptsache, das Herz schlägt weiter?

 

Wütend auf die moderne Medizin


Ein so engagierter Arzt wie de Ridder ist natürlich dankbar für die moderne Hochleistungsmedizin, die so viel mehr Leben retten kann als noch vor einem Jahrhundert. Durch Herzbypässe und Nierentransplantationen zum Beispiel, durch wirklich wirksame Therapien gegen lebensgefährliche Bakterien und immer mehr Viren, durch die Rund-Um-Betreuung von Kranken und Alten. Aber er sieht auch, dass viele seiner Kollegen eher zynisch mit den Patienten umgehen, mehr an den eigenen Ruhm  denken als an den Menschen, der da hilflos vor ihnen liegt. (Oder an die Sterbestatistik ihres Krankenhauses, wie  mir ein Arzt stolz verkündete, nachdem er und seine Kollegen mir mit einer sicherlich großartigen, stundenlangen Herzoperation das Leben gerettet hatten: "Wir konnten doch nicht zulassen, dass Sie uns unsere Zahlen verderben. Noch haben wir nur 3,1 % Sterbefälle hier im Herzzentrum! Wir tun alles, damit es dabei bleibt.") Was de Ridder wütend macht, ist die fraglose Durchgängigkeit, mit der die moderne Medizin eingesetzt wird. Ohne dass die Mediziner nach dem Sinn für den Patienten fragen.

Das Problem, auf das de Ridden nur am Rande eingeht, liegt dabei weniger in der juristischen Frage: Ein Arzt kann tatsächlich wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden, wenn er KEINE lebensrettenden Maßnahmen (ein scheußliches Wortgebilde!) veranlasst. Deshalb müssen Jungmediziner sich heute auch intensiv mit der Gesetzgebung beschäftigen.  Viel schwieriger: Der behandelnde Arzt muss persönliche Verantwortung übernehmen. Auch wenn der Patient das Ende einer Behandlung fordert, auch wenn die Verwandten zustimmen, zuletzt ist immer der Arzt dran. Und davor haben viele Angst. Das ist mein Schluss aus de Ridders Buch.

Die Lösung? Bessere, klarere Gesetze von Abgeordneten, die selbst keine Angst vor dem Tod haben und deshalb nicht hundert Winkelzüge einbauen, um das freiwillige und das von klugen Ärzten vorherzusehende Sterben zu erschweren. Darauf werden wir noch ziemlich lange warten müssen, aber auch das gehört zu der Diskussion, die "Wie wollen wir sterben?" hoffentlich so  entfacht wird. Und eine letzte Frage:

 

Recht auf den Tod


Hat der selbstbestimmte Mensch auch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod, wenn er sein Leben nicht mehr lebenswert findet? Auch ohne schwere Schmerzen? Vorläufig nicht, aber wenn Politiker und Bürger, also wir alle, immer älter und seniler werden (und dafür sorgt die moderne Medizin immer besser)? Ich bin sicher: Langsam, aber sicher wird das von Michael de Ridder zumindest für Krankenhaus- und Altenheimpatienten so einleuchtend begründete Recht auf den Tod sich auch für jene durchsetzen, die ihn freiwillig suchen.