Wissenswertes

Wir sind unser Gehirn

Was passiert im Gehirn von Pubertierenden, Fettsüchtigen, Verliebten? Was steckt hinter Autismus, Depressionen, Homosexualität? Hirnforscher Dick Swaab liefert aktuelle und faszinierende Antworten.

Dick Schwab, 30 Jahre lang Direktor des Niederländischen Institutes für Hirnforschung, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine Überzeugungen geht, weil er aber so humorvoll wie verständlich schreibt, stand dieses Buch in den Niederlanden monatelang auf den Bestsellerlisten.

 

Klug, kompetent und gut lesbar


Verdientermaßen. Zwar erschien eine ganze Reihe der hier versammelten Kapitel schon mal als Zeitungskolumne, aber vielleicht sind sie deswegen so gut lesbar. Der kluge Professor musste sich einem Normalpublikum anpassen und kam deshalb gar nicht in Versuchung, gar zu "wissenschaftlich" zu werden: Knapp, klug und kompetent legt er dar, was er und seine international besten Kollegen über unsere grauen Zellen im Kopf und ihre Wirkung auf unser Leben wissen. Das ist inzwischen eine ganze Menge, so viel, dass Swaab behauptet: "Wir sind unser Gehirn".

Sind wir das? Sind wir nicht eher eine Einheit aus Körper und Geist? (Von der Seele, deren Existenz Swaab leugnet, ganz abgesehen.) Haben wir vielleicht den Einfluss des Körpers auf unser Verhalten, unser Gesamtbefinden nur noch nicht so weit erforscht wie den des Gehirns? Ich bin überzeugt, dass es so ist, aber das tut der Qualität dieses Buches keinen Abbruch, denn Swaab beschäftigt sich mit so etwa allem, was den Normalmenschen sonst an seinem Gehirn interessieren könnte.

 

Fragen zu Suchtmittel, Sexualität und Sport

Er spricht - natürlich! - über Sexualität, über den Einfluss der vorgeburtlichen Zeit auf ein Baby und den mütterlichen und väterlichen Einfluss auf die Entwicklung seines Gehirns. In seinen Kolumnen geht es zum Beispiel darum, ob ein Fötus Schmerz empfinden kann, Homosexualität (nach Swaab ist sie evolutionär bedingt und kann nicht beeinflusst werden), das "Teeniehirn" und Hirnerkrankungen, um Fettsucht, das richtige Essen andere Suchtmittel, Koma und komaähnliche Zustände, die Entstehung der Aggression, "Gehirn und Sport" sowie "Gehirn und Religion" (z. B. "Seele versus Geist" und "Herz und Seele"). 

"Wir sind unser Gehirn" lässt sich wunderbar kapitelweise lesen. Wer mehr über Alterskrankheiten wie etwa Alzheimer wissen will, findet hier die neuesten Antworten der Wissenschaft, aber auch der Tod und die aktuellen Fragen nach dem Freitod Schwerkranker werden angesprochen.

 

Wir wissen längst nicht alles

Nicht alles ist wirklich neu, aber zu allen Fragen liefert Swaab eine gute Zusammenfassung der heute aktuellen Antworten. Oft sind das sehr persönliche Ansichten, aber auch wenn der Leser Swaab in manchem nicht folgen mag - seine Meinung ist immer bedenkenswert, weil wissenschaftlich begründet. Dass die Wissenschaft in ein paar Jahren vielleicht zu ganz anderen Ergebnissen kommt, stört dabei nicht, denn auch Swaab gibt zu:

Noch wissen wir längst nicht alles über die Steuerzentrale unter den Knochen des Kopfes. Das aber ist höchstens ein relevanter Einwand gegen den kategorischen Titelimperativ "Wir sind unser Gehirn", aber nicht gegen die vielen interessanten Geschichten, die die Seiten hinter dem Titelblatt bieten.