Reizthema

Wir wären alle so gerne gut…

Sie fliegen in Länder, wo Elend und Armut groß sind. Ihr Gepäck ist leicht, das Scheckbuch dick. Und weil ihr Tun hübsch medienwirksam verpackt in unsere Wohnzimmerstuben kommt, hinterlässt es einen faden Nachgeschmack. Stars und Sternchen haben das Gute in sich entdeckt. Das neue Hobby der Promis heisst: Nütze deine Bekanntheit, um Gutes zu tun – aber lass bitte auch möglichst viele davon wissen.

Von: Bärbel Kerber, Fotos: stock.xchng, Pendo-Verlag

vom 21.02.07

Bono, Madonna und Angelina Jolie und Konsorten schwärmen aus in die Dritte Welt, Menschen zu retten. Die einen, um Misstände, Bürgerkriege und das Wegschauen der reichen Länder anzuprangern. Die anderen, um arme Waisenkinder mit nach Hause in ihre Villen zu nehmen und ihnen ein Bettchen zu richten. Als „Babyshopping“ bezeichnen manche gar diese neue Unsitte. „Durchgeknallte Sklavenauktion“ nennen es andere. Und wir, die in die Rolle der Zuschauer und Claqueure gedrängten, verdrehen die Augen und kämpfen gegen aufsteigende Übelkeit. Fragwürdig ist nicht zuletzt, warum sich die Stars nicht für Waisenkinderin ihrem eigenen Land interessieren, niemand eines aus New York adoptiert. Wollen sie wirklich helfen? Oder möchten sie sich nur besser fühlen?

 

»Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen«, schreibt Autor Georg Franck in dem Buch Die Ökonomie der Aufmerksamkeit. »Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.«

 

Wer sich derzeit in den Medien umschaut, bemerkt allerdings: Nicht nur unter den Promis ist es „en vogue“, sich durch gute Taten hervorzutun. Mehr als 2 Mrd Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr alleine an Spendenorganisationen überwiesen – und damit mal wieder einen Rekord gebrochen. Obertrendspotter Matthias Horx sagt für das Jahr 2007 einen „neuen Moralismus“ als Haupttrend voraus:

Öko-Produkte, Umweltschutz, Gleichberechtigung und faire Arbeitsbedingungen sind Themen, die weiter auf dem Vormarsch sind.

„Viel Spaß beim Weltverbessern“ wünschte deshalb auch die Frauenzeitschrift „Brigitte“ und gab zur ersten Heftausgabe des Jahres eine ansehnliche Broschüre heraus mit hunderten von Tipps, die Welt zu verändern und mit gutem Gewissen einzukaufen, zu reisen oder zu jobben.

 

Doch hier gleich auch eine Warnung: Wer sich allzu verbissen auf den Pfad der Tugend begibt, kann sich übernehmen. Leo Hickman, Redakteur beim britischen„Guardian“, hat sich ein ganzes Jahr an dem Experiment versucht, ein besserer Mensch zu werden und so weit wie irgend möglich, ein ethisch und ökosozial lupenreines Leben zu leben.

Sein neuer Alltag mit seiner Familie hieß von da an Stoffwindeln, Komposthaufen, Fleischverzicht, Fair-Trade-Äpfel, Reisen mit der Bahn. Knifflige Fragen beschäftigten ihn fortan, beispielsweise ob denn nun heimische Bio-Äpfel oder Fair-Trade-Obst aus Übersee die richtigere Wahl sind.

Sein Fazit fasst Hickman in seinem Buch „Fast nackt“ zusammen: „Man fühlt sich permanent schuldig und kämpft ständig dagegen an, selbstgefällig und missionarisch zu sein.“ Spontanität, Lust und Genuss sind wenig verträglich mit ethisch korrekter Lebensweise. Also, ein bisschen inkonsequent muss man einfach sein, um nicht zum Griesgram zu verkommen, schlussfolgert er.

 

Bei all den guten Taten und ganz besonders bei gut gemeintem Geldsegen sollte durchaus kritisch nachgefragt werden, wieviel und wem es nützt. Wer sich eben mal auf die Schnelle ein gutes Gewissen verschaffen will, kann sein Geld durchaus blindlings in die nächste Spendenbüchse stecken. Das verleiht das trügerische Gefühl: Hier kannst du etwas ändern, ohne viel tun zu müssen.

Wer spendet - ob üppig oder nicht - und einen Nachweis dafür bringt, darf zudem den Spendenbetrag von seiner Steuer absetzen. Das hat sicher einen zusätzlichen Reiz – ist schließlich auch der Hintergedanke des Konstrukts. Zwiespältig ist nur, dass wir alle in der Gemeinschaft so indirekt für das gute Gewissen anderer mitbezahlen. Echte soziale Verantwortung aber sieht anders aus.

 

Auch die Einsicht, dass selbst Entwicklungshilfe im schlimmsten Falle mehr schaden als nützen kann, ist nicht neu und auf private Spenden übertragbar. Um nicht den Unternehmergeist der lokalen Wirtschaft in den Empfängerländern zu zerstören, um nicht Korruption und Selbstgefälligkeit zu schüren, müssen die Gelder zielgenau in Projekte fließen, die Hilfe zur Selbsthilfe bieten.

Doch bei der Fülle der gemeinnützigen Organisationen, die sich für Hilfebedürftige engagieren, kann man schnell der Überblick verlieren. Eine Hilfestellung bietet hier das “Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen“ mit einer Spenderberatung und dem „DZI Spenden-Spiegel“ - was gewissermaßen so etwas wie ein Spenden-TÜV ist. Und das DZI bietet eine Menge an Ratschlägen, gibt beispielsweise Informationen über Patenschaften, Blinden- und Behindertenwaren oder hilft bei Altkleidersammlungen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

 

Wie aber wäre es mal zur Abwechslung mit der Variante „Hilf anderen heimlich und schweige darüber“? Wirklich altruistisches Verhalten ist wohl vor allem solches, bei dem es unerheblich ist, ob bekannt wird, wer dahinter steckt. Also Heinzelmännchen-Aktionen wie die der Organisation „Ssssh!“ aus Ohio, USA. Mitglieder des Geheimvereins putzen beispielsweise auf dem Parkplatz die Autos von Unbekannten, während diese im Supermarkt einkaufen. Als einziger Hinweis dient danach ein Zettel an der Autotür, worauf steht: „Eine SSSSH!-Mitglied hat Ihnen einen Gefallen getan.“ Oder sie mähen den Rasen in Abwesenheit der Hausbewohner. Oder sie werfen Geld in einer abgelaufenen Parkuhr eines Fremden nach. Ideen gibt es unzählige. Mitmachen darf jeder. Und den Helfern macht es diebischen Spaß, unbemerkt Gutes zu tun. Mehr hübsche Geschichten über anonym verrichtete Liebenswürdigkeiten gibt es auf der SSSSH!-Website.