Wissenswertes

Wir werden immer friedfertiger

Allem Anschein zum Trotz: Die Menschheit ist heute einfühlsamer und weniger gewalttätiger denn je. Das belegt der Evolutionspsychologe Steven Pinker.

Selten erscheint ein Buch, dass die herrschende Auffassung von der menschlichen Natur so gründlich auf den Kopf stellt wie Steven Pinkers "Gewalt". Vielleicht ist es seit Darwins "Die Entstehung der Arten" das wichtigste, denn es beweist an Hand von Hunderten von Fakten, dass wir - egal, wie unwahrscheinlich das auf Anhieb klingt - nicht immer blutrünstiger werden, sondern immer friedfertiger.

Der Mensch ist ein Raubtier. So heißt es meistens. Und die Zahl einzelner Morde nimmt wie die Zahl von Massenmorden in Kriegen, bei "ethnischen Säuberungen" und Genoziden von Jahr zu Jahr zu. Weltweit.


Warum wir das Gegenteil glauben können

Steven Pinker, nach einer steilen akademischen Karriere heute Professor für Psychologie an der Harvard University, belegt durch raffinierte Rechenexempel (der einzige Teil des dicken Buches, den ich nicht begriffen und deshalb überschlagen habe) und Erkenntnisse aus aktueller Ökonomie, Psychologie, Gehirn- und Evolutionsforschung: Das Gegenteil ist der Fall.

1.  weil wir falsch rechnen - die Zahl der Morde, Kriegstoten und zum Beispiel des Holocaust im Vergleich mit früheren Massakern nie auf die Gesamtbevölkerung umrechnen, sondern als absolute Beweise menschlicher Grausamkeit zitieren.

2. weil die Medien unser Augenmerk eher mit Horrorgeschichten kapern als mit guten Nachrichten. Und

3. weil wir Veränderungen in unseren moralischen Ansichten für selbstverständlich halten, statt sie als etwas dramatisch Neues zu erkennen - zum Beispiel die heute (fast) weltweit gültige Verdammung von Folter und Sklaverei, das Verbot Ehefrauen oder Kinder zu verprügeln,  Sklaven zu halten und auszupeitschen oder Tiere zu quälen. Auch wenn uns noch kein Rezept gegen Massentierhaltung eingefallen ist - grausame Hunde- oder Hahnenkämpfe und Fuchsjagden gibt es noch nicht einmal mehr in Videospielen. Stierkämpfe werden selbst in Spanien als zu grausam empfunden und sind zumindest in Katalonien verboten.

 

Umerziehung zum Gutmenschen

Warum? In seiner sehr gut lesbaren, (auch dank sehr einleuchtender Graphiken) immer für Durchschnittsintelligenzen wie meine verständlichen, oft sogar witzigen Faktensammlung über die Veränderung des aggressiven Wilden zum Gutmenschen präsentiert Pinker mehrere Entwicklungen, die uns im Lauf der Geschichte umerzogen haben. Seiner Meinung nach die wichtigste:

Als nackten Affen ging es unseren Urahnen in erster Linie ums Überleben. Fremde waren Feinde, die einem die Jagdbeute vertrieben und die Frauen wegnahmen oder den mühsam erwirtschafteten Überschuss, nachdem sie Landwirtschaft und Viehzucht erfunden hatten. Das Gegenrezept: Man schloss sich zu größeren Haufen zusammen und ernannte den Tapfersten zum Clan-, dann zum Stammesführer, später zum König. Und weil der nicht wollte, dass sich seine Untertanen gegenseitig umbrachten (das verminderte schließlich die Zahl der Steuerzahler und kampftauglichen Männer), erließ er Gesetze, die ihm allein die Strafmacht zusprachen. Dann sorgte er mit Hilfe von Soldaten und nur von ihm zu ernennenden Richtern für ihre Durchsetzung.

 

Wir sind weder gut noch schlecht

Kurz gesagt: Je größer und mächtiger die Staaten wurden, um so friedfertiger wurde es zumindest innerhalb ihrer Grenzen, weil Menschen nicht "grundsätzlich gut oder schlecht, Affe oder Engel, Falke oder Taube" sind, wie Pinker schreibt. "Zur Natur des Menschen gehören ... auch Motive, die uns - unter den richtigen Voraussetzungen - zu Frieden veranlassen, wie Mitgefühl, Gerechtigkeitsgefühl, Selbstbeherrschung und Vernunft."

Die zweite Ursache für den Rückgang der Gewalt ist nach Pinker (und dem genialen Zivilisationsforscher Norbert Elias, den er gern und oft zitiert) die im Lauf der Geschichte ständig steigende Bedeutung des Handels. Logisch. Wer einem Fremden mehr als einmal den heimischen Stockfisch, Schafwolle oder Bernstein verkaufen will, darf ihn nicht umbringen. Und wenn der Händler vorher unbekannte Lebensverbesserer mitbringt wie Pfeffer, Arzneien gegen Schmerzen oder bessere Schwerter, kann man sogar übersehen, dass er eine dunklere Haut hat oder an andere Götter glaubt als man selbst und ihn als Gastfreund behandeln. Hauptsache, er verkauft das Gewünschte.


Erlernte Selbstbeherrschung

Aus der Macht der königlichen Höfe und dem Kontakt mit einer immer weiter werdenden (Handels-)Welt entstand der Trend zum dritten Weichspüler humaner Gewaltlust: Unsere Ahnen entwickelten zunehmend mehr Selbstbeherrschung. Ablesbar, wie Pinker beschreibt, unter anderem an den Benimmbüchern zwischen der Renaissance und der Gegenwart: Heute muss niemand mehr gesagt werden, dass er sich nicht ins Tischtuch schneuzen oder Schnupfenschnodder mit dem Ärmel abwischen darf. Zumindest nicht in Gesellschaft. Zu Zeit Luthers war das so nötig, dass selbst ein so berühmter Gelehrter wie Erasmus von Rotterdam es für nötig hielt, ein Benimmbuch zu schreiben.  Blutrünstige (unter Ungebildeten wie in der Oberschicht übliche) Kinderreime oder die grauenvollen Buchillustrationen, die vor 500 Jahren eine Freude der (wenigen) Leser waren, sind total aus der Mode gekommen. Beides zeigt: Wir verdrängen unsere evolutionär auch vorhandene Lust auf Grausamkeiten zumindest aus der Öffentlichkeit. Wir zeigen Selbstbeherrschung.

Was ist dann mit islamistischen Selbstmordattentätern? Mit Jugendlichen, die in Schulen Amok laufen? Mit jenen, die friedliche U-Bahnfahrer auf den Kopf treten? Ehrenmorden oder Bandenkämpfen? Zeigen sie nicht, dass Gewalt unsere Leben mehr als je zuvor gefährdet? Pinker besteht auf seinem NEIN, denn: Die Zahl der Morde ist in den letzten Jahrzehnten ständig gesunken. Im friedlichen Europa wie in den USA. Die Zahl der Kriege auch. Und die Zahl der Kriegstoten. Berechnet nach der Gesamtbevölkerung.

Unsere moralischen Werte tendieren immer mehr zum friedlichen, gewaltfreien, gleichberechtigten Zusammenleben. Das beweisen so unterschiedliche Neuheiten wie die Quotenregelungen für Frauen im Topmanagement, der öffentliche Aufruhr um sexuelle Übergriffe auf Kinder, Fair-Trade-Vereinbarungen  und natürlich die heute unbestrittene Wichtigkeit der UN für den Frieden auf der Welt.

 

Die Fabel von der Erbsünde

Steven Pinkers "Gewalt" ist wirklich eine "NEUE Geschichte der Menschheit", denn sie stellt alles auf den Kopf, was bisher "fromm geglaubt" wurde, besonders in der westlichen Welt, die dank Christentum und der Fabel von der Erbsünde, den Menschen von Geburt an für böse hielt. Wir sind es nicht, auch dann nicht, wenn man Charles Darwins Evolutionsentdeckung und der Erkenntnis, dass auch Schimpansen morden, mehr Beweiskraft zutraut als der Bibel. Wir lernen tatsächlich als Species genauso dazu wie als Pubertierende, die sich an die Erwachsenenwelt anpassen müssen.

Ob das wirklich in das "Age of Aquarius" führt? In ein irdisches Paradies? Pinker glaubt nicht daran. Morde und Kriege wird es weiterhin geben. Weil wir eben keine Engel sind. Aber er beweist uns in diesem sensationell spannenden Buch: Teufel sind wir auch nicht. Gut zu wissen!