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Wo die Welt der Reisebroschüren nicht hinkommt

Am allerliebsten würde sie stillsitzen und gar nichts tun. Trotzdem reist die Schriftstellerin Jenny Diski immer wieder in die entlegensten Ecken dieser Welt. Nicht um der Welt ihre letzten Geheimnisse zu entlocken, sondern um anderes zu finden.

Von: Jana Hagel, Fotos: q83 (stck.xchng), wikipedia.org

vom 16.07.07

Die Ferien nähern sich, und wir fragen uns gegenseitig nach unseren Reisezielen: wann, wohin und mit wem? Doch wer fragt schon nach dem Warum einer Reise. Sicher, die Sehnsucht nach Wärme, etwas Neuem oder einfach ein wenig Variation unseres Alltags sind gute Gründe um die gewohnte Umgebung zu verlassen.

 

Es gibt die merkwürdigsten Motive für eine Reise, doch zu den selteneren gehören wohl die von Jenny Diski, einer britischen Schriftstellerin, die nach einer Reihe von Romanen unerklärlicherweise in der Nische der Reiseliteraten gelandet ist. Unerklärlich, da sie doch am allerliebsten still sitzt und gar nichts tut! So heißt ihr neuester Roman, der dritte freistehende Teil einer Trilogie, ganz passend: ”On Trying To Keep Still”.

 

Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass sich eine Frau, die sich nichts weiter wünscht als in der beschaulichen und ruhigen Sicherheit ihres warmen Betts zu lesen und nachzudenken, wiederholt auf Kosten von Zeitungen und Zeitschriften auf strapazenvollen Reisen in die entlegensten Ecken dieser Welt begibt. Reisen, so Diski, ist mit lauter Anstrengung und Unbehagen verbunden. Zudem sei ihre Rolle als bezahlte Reisende und somit Werbeträgerin eine äußerst fragwürdige, urteilt die Literatin.

 

Also, warum dann? Jenny Diski sucht nach Leere, Einsamkeit – ja, Frieden, und diese scheinen immer anderswo zu finden zu sein. Im weißen Nichts der Antarktis (die sie in ihrem vorletzten Buch bereiste), oder, wie in diesem Fall, in der großen Dunkelheit Lapplands, einem einsamen Cottage in Sommerset und in der grünen Weite Neuseelands.

 

Während ihrer Reisen betrachtet Diski vor allem ihre eigene Art, sich zu den Dingen zu verhalten. Sie versucht zu verstehen, warum sie die Dinge so tut und nicht anders. Immer wieder geht die eigentliche Reise zurück in die eigene Vergangenheit. Selten finden sich Beschreibungen um der Sache willen, eher erscheint die Reise eine Art therapeutisches Werkzeug zu sein, mit dem Diski Schicht um Schicht des eigenen Ichs freilegt. Diski geht auf Reisen um die geeignete Stille zu finden, in der sie in Ruhe über sich selber nachdenken kann.

Somit ist sie ein Gegenstück des Reisenden, der hofft, unterwegs der Welt ihre Geheimnisse entlocken zu können. Diski geht stattdessen von sich selber aus und kehrt auch zu sich selber zurück. Indem sie sich aussetzt und fremde Lebensperspektiven ausprobiert, stellt sie die von ihr gewählte Art zu leben in Frage. Ihre neurotische Sucht nach Einsamkeit geht jedoch Hand in Hand mit einem genuinen Interesse an den Geschichten anderer Menschen. Jede Person, die sie auf Reisen trifft, bringt neue Fragen und Erfahrungen mit sich, die in eine permanente Introspektion  und Selbstüberprüfung einfließen.

 

Die Melancholie, oder Depression, scheint ein ständiger Begleiter des Reisenden zu sein. Für Jenny Diski gibt es einen Zustand der Depression, der angenehm zu sein scheint: ”Manchmal treten Depression und Zufriedenheit gleichzeitig auf und dann entsteht eine Freude, die man Gnade nennen könnte”, schreibt sie.

 

Und es ist eine Gnade, dieses Buch zu lesen. Owohl eigentlich nicht allzuviel passiert, ist es unglaublich spannend. Vielleicht vergisst man in Zeiten von Krimis und Actionserien im Fernsehen, wie spannend es ist auf jemanden zu treffen, der nachdenkt. Als wäre man in einem stundenlangen Gespräch mit einem intelligenten Menschen, den man nicht kennt. Einem Menschen, der eigentlich allein sein will, aber wie Diski schreibt, immer wieder feststellen muss, dass die Einsamkeit kein Garant für ein reiches, inneres Leben ist.

 

Wer nun denkt, dies sei ein schweres, zu Nabelschauen neigendes Buch, irrt gewaltig. Diski ist unerhört zynisch und ihr schwarzer Humor ist einzigartig. Beschreibungen wie die, als sie sich als einzige Frau unter Männern in einer arktischen Nacht vor einem Zelt mehrerer Schichten wollener Unterhosen entledigen muss, um ihre Notdurft verrichten zu können, sind brüllend komisch. Zwar findet sie unter den Millionen von Sternen Lapplands, umgeben von Renntierherden zum ersten Mal während ihrer Reise durch Nordschweden die Ruhe, wegen derer sie die Auftragsarbeit einer Zeitung überhaupt angenommen hatte. Aber frierend und matt vor Schlaflosigkeit, erlebt sie gleichzeitig die bittere Diskrepanz zwischen der fantastischen Beschreibung der Reisebroschüren, der eigenen Erwartung und der faktischen Erfahrung. Wohl ist Jenny Diski giftig und nicht wenig neurotisch, aber immer bereit sich selbst ironisch in Frage zu stellen.

 

Ich kann mir keine bessere Lektüre für die nächste Reise vorstellen!


Jenny Diski wurde 1947 in London geboren. Heute lebt sie mit dem Poeten Ian Patterson in Cambridge. Sie publiziert regelmässig in ”Mail on Sunday”, dem ”Observer” und ”London Review of Books”. ”Stranger on a train” wurde mit dem Thomas Cook Travel Award 2003 und dem JR Ackerley Award for Biography ausgezeichnet. Das hier beschriebene Buch: ”On trying to keep still” ist erhältlich im Taschenbuch bei Virago Press (ISDN: 978-84408-016-8). Der erste Teil ihrer Reisetriologie: „Skating to Antarctica“ ist auf Deutsch im Fischer Taschenbuch unter dem Titel „Das Blaue Herz des Eises“ erschienen. Teil zwei, „Stranger on a train. Daydreaming and smoking around America“ ist bisher nicht übersetzt worden

 

 

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