Starke Frauen

„Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel habe zum Fliegen“

Zum 100. Geburtstag von Frida Kahlo

Von: Daniela Künne, Fotos: Jay Galvin & Arlen (flickr.com), M. Anderson-Colangelo

vom 09.07.07

Fläche wirkt paradoxerweise größer, wenn man sie einzäunt. Leben wird intensiver, wenn man seine Endlichkeit begreift. Vielleicht macht die Begrenzung Möglichkeiten fassbarer: Dies ist, was du hast – nutze es.

 

Mexiko, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die junge, ungestüme Frida genießt ihr Leben in vollen Zügen. Ein tragischer Bus-Unfall, bei dem sie schwere Verletzungen der Wirbelsäule erleidet, unterbricht ihr Teenagerdasein abrupt und fesselt sie an ein schmerzvolles Krankenlager. Ihr Lebensmut und die Unterstützung ihrer Familie lassen sie einen Weg finden, mit der Situation umzugehen: sie beginnt zu malen. Der gewalttätige Eingriff in das Leben der 18-Jährigen führt zu jenen gefühlsgewaltigen und gleichzeitig klaren Bildern, mit denen die Malerin Frida Kahlo Weltruhm erlangen wird.

 

Trotz der Schmerzen, die ein Leben lang anhalten werden und sie immer wieder in Gipsbett und Spezialkorsetts zwingen, malt sie, manchmal liegend mit einer eigens entwickelten Staffelei. Viele ihrer Selbstporträts entstehen mithilfe eines Spiegels, der über dem Bett angebracht ist. Die physischen Grenzen, die ihr zerstörter Körper ihr auferlegt, überbrückt die Malerei.

 

Gefühlschaos und Inspiration

Der zweite schwere Unfall ihres Lebens war, laut ihrer eigenen Aussage, ihre Liebe zu Diego Rivera, einem bekannten mexikanischen Freskenmaler und Kommunisten mit dem Ruf eines notorischen Verführers und egozentrischen Kunstgenies. Die beiden lebten eine intensive und kontroverse Liebesgeschichte. Das Gefühlschaos ihrer Ehe, die zahlreichen Liebschaften mit Männern und Frauen, das vibrierende Leben im Kreis anderer Künstler und ihr leidenschaftlicher Kampf für den Kommunismus wurden der Motivator für Frida Kahlos künstlerisches Schaffen.

 

In der großen Küche ihres Elternhauses in Mexiko Stadt, der Casa Azul, empfing sie viele Gäste darunter befreundete Künstler wie John Dos Passos, D. H. Lawrence oder Sergej Eisenstein. Zu ihren zahlreichen Liebhabern gehörten die Malerin Georgia O'Keefe, der Surrealist André Breton, die Fotografin und russische Spionin Tina Modotti, die Sängerin Chavela Vargas und Leo Trotzki.

 

Person, Kunst und Politik

Als bekennende Marxistin solidarisierte sie sich mit der mexikanischen Revolution, trug mit Vorliebe mexikanische Trachten, Frisuren und indianischen Schmuck. Auch in ihrer Malerei verwendete sie Symbole indianischer Mythologie und Elemente mexikanischer Folklore. Ihr künstlerisches Talent und ihr Charisma ließen sie zur bekanntesten Künstlerin Mexikos werden.

 

Als Grund für diese Popularität gilt die brutal-ehrliche Art, mit der sie das Persönliche, Künstlerische und Politische in ihrem Leben und ihrem Werk miteinander verband. Ihre emotionalen und oft schockierenden Bilder wurzeln in der historischen mexikanischen Porträtkunst und verbinden surreale Elemente mit barocker Malkunst. Ein Stil, der in den 1930er-Jahren absolut revolutionär war. Auch inhaltlich brachen Kahlos Bilder mit Tabus. Sie thematisierte Sex, Gewalt, Leben und den Tod auf eine solch schonungslose Weise, wie diese nie zuvor auf Leinwand gebannt worden waren. Ein Kritiker sagte einmal, man starre ihre Bilder mit der gleichen Mischung aus Faszination und Schuldgefühl an, mit der man an einem schweren Verkehrsunfall vorbeifahre. Die meisten ihrer Werke sind Selbstporträts: "Ich male mich selbst, weil ich so oft alleine bin, und weil ich die Person bin, die ich am besten kenne."

 

1939 hat sie eine Einzelausstellung in Paris, trifft Picasso und Kandinsky und entdeckt den Surrealismus. Zur Eröffnung ihrer Ausstellung 1953 in Mexiko-Stadt, ließ sich Frida Kahlo in einem Himmelbett in das Gebäude tragen. Die überzeugte Künstlerin und politische Kämpferin nahm wenige Tage vor ihrem Tod im Rollstuhl an einer Demonstration gegen den von der CIA unterstützten Sturz des sozialistischen guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz Guzmán teil. Eines ihrer letzten Gemälde zeigt eine Wassermelone, in deren Fruchtfleisch ihr Name und "Viva la vida" geritzt ist.

Sie stirbt sechs Tage nach ihrem 47. Geburtstag 1954 in der Casa Azul, die heute als Frida Kahlo Museum für Besucher zugänglich ist.

 

Sell-Out einer Pop-Ikone?

Bis in die 1980er Jahre war Frida Kahlo außerhalb Mexikos nahezu unbekannt. Doch gerade für das Jahrzehnt, in dem Frauen wie Cindy Sherman und Madonna die öffentliche Selbstdarstellung von Weiblichkeit revolutionierten, war Frida Kahlo die perfekte Ikone.

 

Heute werden ihre Bilder auf Auktionen mit 10 Millionen Dollar gehandelt - Preise, die sie in eine Reihe mit Picasso und Warhol stellen. Amerikanische Werbeagenturen benutzen ihre Selbstporträts, um Autos an die hispanische Bevölkerung zu verkaufen, das "Time"-Magazin brachte sie auf dem Cover und die US-Post gab eine Frida-Kahlo-Sondermarke heraus.

 

In Mexiko ist Frida Kahlo im Jahr ihres 100. Geburtstages mehr denn je Grund für Nationalstolz. Kopien ihrer Bilder hängen sogar in Imbissbuden und werden auf Taschen, T-Shirts, Schlüsselanhänger und Tequila-Flaschen gedruckt

 

Selber sehen

In Mexiko-Stadt wurde im Juni die große Schau "Frida Kahlo 1907-2007. Homenaje Nacional" eröffnet. Mit insgesamt 354 Arbeiten ist es die umfassendste Ausstellung zu Leben und Werk der Künstlerin. Rezensenten heben hervor, die Ausstellung zeige die ironische, liebende und dem Leben zugewande Seite Frida Kahlos und beseitige damit endlich das Vorurteil, sie habe überwiegend sich selbst in ihrem Leiden thematisiert.

 

Eine persönliche Begegnung mit Frida Kahlos Werken ist vielleicht schon zum Ende dieses Jahres möglich. Nach Ausstellungen in den USA sollen sie in Berlin zu sehen sein. Nach Angaben des „Tagesspiegel“ finden bereits Verhandlungen für den Martin-Gropius Bau statt.

 

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Daniela Künne ist Autorin und Redakteurin und lebt und arbeitet in Berlin.

 

 

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